Jung, eloquent, geschäftstüchtig

Porträt. Der 19-jährige Philipp Riederle redet viel. Über seine Generation, wie sie denkt, lebt und arbeitet. Damit füllt er Vortragshallen. Über sich selbst spricht er nicht so oft.

Jung, eloquent, geschäftstüchtig
Jung, eloquent, geschäftstüchtig
Jung, eloquent, geschäftstüchtig – Thomas Zueger

Philipp Riederle erklärt die Welt. Die seiner Generation zumindest, der ganz Jungen, die ihr Leben mit Tablet und Smartphone verbringen. Die sich weigern, so zu werden wie ihre ausgebrannten Eltern, Autoritäten nur respektieren, wenn diese es verdienen, die ohne feste Strukturen arbeiten wollen, wann und wo es ihnen gefällt.

2010 entdeckten Deutschlands Konzerne das Rhetoriktalent. Man stelle sich vor: Ein 16-Jähriger sitzt einem ehrwürdigen DAX-Vorstand gegenüber und erklärt ihm, wie er die nächste Konsumentengeneration ansprechen soll. Heuer kletterte sein Erstlingsbuch „Wer wir sind und was wir wollen“ die Bestsellerlisten hinauf. Philipp Riederle ist inzwischen 19 Jahre alt, hat das Abitur in der Tasche und tourt als Vortragender durch Europa. Der Mann weiß ganz genau, wie seine Altersgenossen ticken. Wie tickt er selbst?

Lieber über andere reden

Auf diese Frage ist er nicht vorbereitet. Eben noch hat er souverän entkräftet, dass ihm beim Schreiben seines Buches doch noch die Erfahrung fehlte, wie es in Konzernen überhaupt zugeht: „Vieles kann ich noch nicht wissen. Aber ich habe mit einigen Unternehmen zusammengearbeitet und einen kleinen Einblick gewonnen.“ Auch hat er sein Werk „einer Handvoll Menschen, alle deutlich älter, zum Gegenlesen gegeben“. Da war er noch in seinem Metier, die Antworten kamen selbstverständlich und sicher. Aber was soll er bloß über sich selbst erzählen?

Vielleicht, wo er herkommt. Aus Burgau, antwortet er zögernd. Das ist eine 8000-Seelenstadt, irgendwo zwischen München und Stuttgart. Der Vater ist Innenarchitekt mit eigener Schreinerei, die Mutter Sozialpädagogin „in einer Schule für Kinder, die es nicht so einfach haben“. Zwei kleine Brüder hat er, neun und 16 Jahre alt. Riederle stockt wieder und sagt dann: „Ich bin ganz normal aufgewachsen.“ Wie er auf sein Talent gestoßen ist? Er hat viel Zeit mit dem Großvater, einem Elektrikermeister, verbracht: „Ich war immer wahnsinnig technikbegeistert. Mit zwei Jahren hat er mich schon ins Mikro sprechen lassen. Und später haben wir elektrische Schaltungen zusammengeschraubt.“

Mit 13 Jahren setzt er sich in den Kopf, aus den USA ein iPhone zu importieren, das in Deutschland noch nicht erhältlich war. Er knackte es: „Wenn mich etwas interessiert, gebe ich nicht auf, bis ich es verstanden habe. Da bin ich besessen.“ Weil „die Leute vielleicht interessiert, wie ich das gemacht habe“, dachte er sich, stellte er ein Video in seinen Podcast. Nach ein paar Tagen verzeichnet er 3000 Zugriffe, nach ein paar Wochen 100.000. „Ich habe wohl die Fähigkeit, Dinge ganz gut von einer Außensicht zu erklären.“

Wie haben seine Klassenkollegen auf seine plötzliche Bekanntheit reagiert? „Ich habe niemandem davon erzählt. Na ja, vielleicht meinen besten Freunden. Ich hatte ein ungewöhnliches Hobby, sonst nichts.“ Mit 16 Jahren ist er eine mediale Größe und fehlt „hin und wieder mal“ in der Schule, weil er Unternehmen zeigt, wo es langgeht: „Da konnte ich es nicht länger als Hobby abtun.“ Schon damals zog er eine scharfe Grenze zwischen dem, „was ich mit den Anzugträgern mache“, und seinem Teenagerleben mit Gleichaltrigen: „Mir war wichtig, die beiden Welten nicht zu vermischen.“

Mit den meisten Lehrern kam er gut aus. Nur mit solchen, „die ihre Autorität daran festmachen, dass sie sich Lehrer nennen dürfen“, hatte er gelegentlich Probleme: „Wenn ich etwas auf Wikipedia schneller verstehe, muss ich mir den Lehrer nicht antun.“

Angstfrei – oder doch nicht?

Wovor hat jemand Angst, der Autoritäten nicht fürchtet? Riederle atmet durch. Endlich wieder sicheres Terrain – das Thema behandelt er ausführlich in seinem Buch. „Die größte Angst meiner Generation ist, so zu enden wie unsere Eltern: zu unmenschlichen Zeiten aus dem Haus zu verschwinden und spätabends ausgelaugt heimzukommen.“ Er sieht schon ein, dass die Eltern nur ums Überleben kämpfen, aber zum Geldverdienen gibt es doch auch andere Möglichkeiten. Crowdfunding-Plattformen etwa, mit denen man eigene Ideen finanzieren kann, oder die Berliner Start-up-Szene, „wo junge Menschen arbeiten, ohne ins Hamsterrad zu geraten“.

Ein Schritt zurück: Nicht die Ängste seiner Generation – wovor hat er persönlich Angst? Pause. „Ich bin ein relativ angstfreier Mensch“, sagt er dann und begründet das mit seinem Talent, in jeder noch so verfahrenen Situation etwas Positives zu entdecken. Dann fällt ihm doch noch etwas ein: „Vor dem Verlust nahestehender Menschen.“

Blick in die Zukunft: Wie lange will er sich noch weiterreichen lassen? „Im Sommer habe ich das Abitur gemacht. Jetzt habe ich mir ein Jahr gegeben, das zu tun, was mir Spaß macht.“ Was ist das, außer zwei Agenten zu beschäftigen, die Vortragstermine für ihn ausmachen? „Vielleicht arbeite ich ein halbes Jahr bei einer Hilfsorganisation mit. Ich will das Leben fernab vom Theoriepauken kennenlernen.“ Also kein Studium? „Schon, aber ich weiß noch nicht welches. Mich interessieren die großen Zusammenhänge zwischen den Gebieten.“ Welche Gebiete? „Wie sich die Gesellschaft entwickelt. Welchen Einfluss die Wirtschaft darauf hat. Und welche Rolle die Psyche des Einzelnen spielt.“

Vielleicht findet er ja ein solches Studium. Wenn nicht, hat er schon eine Idee: „Dann mache ich eben mehrere hintereinander.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2013)

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