Am Ende sollen alle gewinnen

Wirtschaftsmediation. Zwischen den beiden größten heimischen Mediatorenverbänden herrschte jahrelang Funkstille. Jetzt reden sie wieder miteinander.

Am Ende sollen alle gewinnen
Am Ende sollen alle gewinnen
Am Ende sollen alle gewinnen – Mirjam Reither

Die Presse: Vor ein paar Jahren wäre dieses Treffen nicht denkbar gewesen.

Reinhard Dittrich, Netzwerk Mediation:
Unsere Verbände haben über viele Jahre nicht miteinander geredet. Das haben wir mit dem Führungswechsel geändert.
Herbert Drexler, Österreichischer Bundesverband für Mediation: Ich bin 2010 gefragt worden, ob ich den Vorstand übernehme. Ich habe gesagt, ich nehme nur an, wenn sich die Verbände wieder vertragen.

Was ist seither passiert?

Dittrich:
Wir vertreten einen Berufsstand, der seinen Klienten hilft, ihre Konflikte zu lösen. Das muss man auch von uns selbst erwarten können. Wir haben uns zusammengesetzt, alle Themen systematisch entflochten, aufgelistet, Struktur hineingebracht und einzeln abgearbeitet – genau so, wie wir es in jeder Mediation tun.
Drexler:
Wir beide machen das ehrenamtlich, aus Enthusiasmus.
Dittrich:
Das ist ein wichtiger Punkt. Eine ehrenamtliche Tätigkeit macht man, weil man sich verwirklichen will. Anders als ein bezahlter Vorstand, der lebt davon.

Und wovon leben Sie?


Dittrich:
Ich lebe von Mediationen, von Coaching und Ausbildung. Ich bin in der Mediatoren-, Coaching-, Lebens- und Sozialberaterausbildung tätig.
Drexler:
Ich bin vom Saulus zum Paulus geworden. Ich war früher Manager, habe dann die Mediatorenausbildung gemacht. Ich lebe von Mediationen und Unternehmensberatung, überwiegend bei Konflikten.

Wie kommen Sie zu Ihren Fällen?


Drexler:
Am Montag übernehme ich einen Fall, bei dem ein Revisor zwangsversetzt wurde und geklagt hat, dass er seinen alten Arbeitsplatz wieder zurückhaben will. Das war auch in den Medien zu lesen. Oft klagen auch Gekündigte auf Wiedereinstellung. Der Richter kann dann nur mit Ja oder Nein entscheiden. Wenn er aber merkt, dass die wahren Motive ganz andere sind, schlägt er eine Mediation vor. Die Parteien müssen dann aber auch bereit sein, sich darauf einzulassen.
Dittrich: In Wahrheit geht es meist um ganz andere Themen. Die Höhe der Abfertigung oder die Schmach einer erlittenen Kränkung etwa. Eine Lösung kann dann lauten, dass der Gekündigte in allen Ehren geht statt mit Schimpf und Schande, dafür schult er noch seinen Nachfolger ein.
Drexler: In einem anderen Fall hat ein Transportunternehmen Massenkündigungen ausgesprochen. 18 Verfahren waren schon gerichtsanhängig, sechs weitere in Aussicht. Der Richter hat eine Mediation vorgeschlagen und für deren Dauer das Verfahren unterbrochen. Wir haben in nur fünf Sitzungen Lösungen erarbeitet, mit denen jeder Einzelne zufrieden ist.
Dittrich:
Mit diesen Lösungen geht man dann wieder vor Gericht, und sie werden in Form eines gerichtlichen Vergleichs festgeschrieben. Der ist dann rechtsverbindlich.

Kommen die Streithähne auch direkt zu Ihnen?

Dittrich:
Absolut. Ich hatte den kuriosen Fall, dass zwei Geschäftsführer sich nicht auf die Höhe des Schwarzgeldanteils in ihrem Betrieb einigen konnten. Bei Gericht wäre das nicht so gut angekommen. In der Mediation kann man so etwas verhandeln, weil wir an die gesetzliche Verschwiegenheitspflicht gebunden sind.
Drexler:
Ich arbeite viel im Bereich Merger & Acquisitions und bei innerbetrieblichen Konflikten. Ein Klient kam aus Enttäuschung, weil bei seiner Weihnachtsfeier immer nur die Hälfte der Mitarbeiter hereinschneite. Hintergrund waren die vielen internen Konflikte. In der Gruppenmediation haben sie endlich alles auf den Tisch gelegt. Im Jänner darauf hat mich der Geschäftsführer wieder angerufen: Bei der nächsten Weihnachtsfeier hat nur einer gefehlt, der war krank.

Wann hilft Mediation, und wann geht man besser vor Gericht?


Drexler:
Vor Gericht geht man, wenn die Rechtslage klar ist. Dann gewinnt einer, der andere verliert.
Dittrich: Mediation ist immer dann gut, wenn die Beziehung der handelnden Personen nachher weitergeht. Kunden und Lieferanten etwa, oder das Vorstandsteam. Weil hier das Ziel ist, dass am Ende alle gewinnen.

Und finanziell?

Dittrich:
Prozesskosten und Anwaltstarif hängen immer von der Höhe des Streitwerts ab. Das kann auch einmal sechsstellig werden. Wirtschaftsmediatoren arbeiten nach Stundensätzen, in der Regel zwischen 150 und 300 Euro. Die Beteiligten treffen sich so oft wie sie selbst vereinbaren. Auf den nächsten Gerichtstermin wartet man drei bis sechs Monate – bis dahin ist das Problem längst gelöst.


Auf einen Blick

Der Österreichische Bundesverband für Mediation (ÖBM, Obmann Herbert Drexler) hat derzeit 2100 natürliche Personen als Mitglieder. Das Netzwerk Mediation (Obmann Reinhard Dittrich) hat als Dachverband juristische Personen mit berufsspezifischer Ausrichtung als Mitglieder (z. B. Rechtsanwälte, Unter-nehmens- und Steuerberater, Architekten). Gemeinsam vertreten sie 98 Prozent der heimischen Mediatoren.

(Andrea Lehky)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2014)

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