Gekommen, um bald wieder zu gehen

Interimsmanager. Sie sind hochrangige Experten auf ihrem Feld, extrem flexibel und haben die Fähigkeit, schnell an Organisationen anzudocken. Dass sie den eher reifen Jahrgängen angehören, ist in ihrem Beruf ein großer Vorteil.

Gekommen, um bald wieder zu gehen
Gekommen, um bald wieder zu gehen
Gekommen, um bald wieder zu gehen – Clemens Fabry

Karin Bergmann wird als Interimsmanagerin gehandelt. Im Sommer 2010 in allen Ehren in Pension gegangen, springt die nunmehr 60-Jährige für den entlassenen Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann in die Bresche. Bis August 2016 wird sie das in Finanzturbulenzen geratene Haus am Ring kaufmännisch leiten – als erste Frau an der Spitze.

Auch wenn ihr Engagement befristet ist: Bergmann ist keine Interimsmanagerin. Diesem vergleichsweise seltenen Berufsstand gehören in Österreich an die tausend Menschen an. Genaues weiß man wegen der hohen Dunkelziffer nicht. Zum Vergleich: In den Niederlanden gibt es bei doppelter Einwohnerzahl 40.000 Interims.

Ärmel hoch und los


Interimsmanager sind als Selbstständige unterwegs (schon darin unterscheidet sich die ihr Leben lang angestellte Bergmann). Durch die Bank haben alle langjährige Berufs- und Führungserfahrung, typischerweise in der ersten und zweiten Ebene großer Unternehmen.

Herwig Kluger ist einer von ihnen. Jeden Montag um sechs Uhr früh fährt er vom südlichen Wiener Stadtrand nach München, um bei einem Hightech-Konzern ein Performance-Management-System einzuführen. Mittwochabend kommt er heim, um den Rest der Woche aus dem Home Office am Auftrag zu arbeiten. Wenn sein Kunde es zulässt: Will ihn der Vorstand am Freitag sprechen, ändert er augenblicklich seine Pläne. „Man muss sich sehr schnell anpassen können“, meint der 56-Jährige, „Routine gibt es keine.“

Der Unterschied zum klassischen Unternehmensberater liegt im Umsetzungsfokus. Kluger: „Ich zeige dem Vorstand keine Powerpoint-Präsentationen und ziehe dann wieder ab. Ich bekomme ein konkretes Ziel und liefere ebenso konkreten Ergebnisse.“

Für Kluger ist die Rolle als Externer ein Vorteil, muss er doch damit wenig Rücksicht auf die Hierarchien nehmen: „Ich will ja hier keine Karriere machen.“ Er sieht sich in einer Zwitterposition: Auch wenn er im täglichen Leben keinen Unterschied zwischen sich und den Kollegen bemerkt, bleibt er ein Externer – gekommen, um bald wieder zu gehen. Wie bald, entscheidet der Auftrag. Sechs Monate sind die Untergrenze (projektbedingte Ausnahmen bestätigen die Regel), manche Einsätze erstrecken sich aber über Jahre.

Schwankendes Einkommen

Über mangelnde Auslastung kann der Interim nicht klagen. Sechs bis neun Monate pro Jahr ist er im Einsatz. Das bedeutet vorübergehend hohe Tagsätze, von 1000 Euro aufwärts. Spitzenleute lukrieren bis zu 3000 Euro pro Tag. Als Faustregel gilt: Je länger der Einsatz, desto kulanter das Honorar. Dann wieder folgen Durststrecken von unvorhersehbarer Dauer, in denen Steuer und Sozialversicherung dennoch ihren Tribut fordern. „Das muss man wirklich gut in Ordnung halten und alles weglegen, was man nicht zum Leben braucht“, warnt Kluger.

Erfahrung hoch geschätzt

Wie lang ein Interim auf seinen nächsten Einsatz warten muss, entscheiden sein Ruf und das Netzwerk, das er sich – meist noch in seiner angestellten Zeit – aufgebaut hat. Einen zusätzlichen Anker geben Agenturen, die auf die Vermittlung von Task-Managern (so die alte Bezeichnung) spezialisiert sind. „Interims waren früher eine Art Feuerwehr“, sagt Atlas-Geschäftsführer Gert Keutschnigg, „heute werden sie bei jeder großen Veränderung angefragt“, etwa Change-, Prozess- und Krisenmanagement, Um- und Restrukturierungen, M?&?A oder einfache Kapazitätsengpässe, immer im Management. Keutschniggs Agentur setzt auf den Tagsatz nochmal 20 bis 25 Prozent drauf.

Die Interims zahlen für die Aufnahme in den Pool eine überschaubare Recruiting Fee und eine jährliche Mitgliedsgebühr. Dafür können sie sich nach Belieben in der Pool-Community austauschen und schon einmal gegenseitig Aufträge zuschieben.

Dort tummeln sich nahezu ausschließlich 45+, meist über 50-Jährige. Kluger: „Sich in diesem Alter für eine Anstellung zu bewerben ist sinnlos. Als Interim wird es jetzt erst so richtig interessant!“

Auf einen Blick

► Etwa tausend Interimsmanager sind in Österreich tätig. Sie alle bringen jahrzehntelange Erfahrung in ihrem jeweiligen Fachgebiet mit (typisch IT oder Finance, Change-, Prozess- und Krisenmanagement, Um- und Re-strukturierungen, M?&?A, Kapazitätsengpässe, immer in der ersten oder zweiten Hierarchieebene).
► Weitere Voraussetzung ist mindestens zehnjährige Führungserfahrung. Interimsmanager arbeiten selbstständig mit Gewerbeschein. Ihr Tagsatz beginnt bei 1000 Euro. Manche sind Einzelkämpfer, viele suchen Anbindung an eine oder mehrere Vermittlungsagenturen.
► Interimsmanagement ist eine Alternative zur Anstellung für gut reputierte und flexible 45+-Manager, da Reife in diesem Metier geschätzt wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2014)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Gekommen, um bald wieder zu gehen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.