Kontemplation für geschäftige Leute

Nicht jedes Unternehmen – und nicht jeder Chef – mag etwas für buddhistische Achtsamkeit übrig haben. Entschleunigend wirkt sie allemal.

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Vor 15 Jahren lernte der Unternehmensberater Kai Romhardt in einem Kloster in Südfrankreich eine seltsame Sitte kennen. Alle paar Stunden läutete ein Glöckchen. Die 400 Anwesenden griffen sich lächelnd mit einer Hand auf den Bauch, schlossen die Augen und versanken für ein paar Atemzüge in sich selbst. Bis das Glöckchen wieder ertönte. Atmen-Lächeln-Innehalten hilft, sich der Gedanken bewusst zu werden, die gerade durch den Kopf ziehen, sagt Romhardt: „Ich schälte damals mit ein paar anderen vermeintlich glücklich und zufrieden die Karotten für das Abendessen. Und ertappe mich, dass ich unbedingt Karottenschälerkönig sein wollte.“

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Atmen-Lächeln-Innehalten gefiel Romhardt (Bild Mitte) so sehr, dass er es fortan in seine Meetings einbaute. „Wir schauen uns selbst zu, wie wir gerade funktionieren“, beschreibt er. Aufkommenden Ärger erkennt er an einem leichten Kribbeln im Nacken, das immer höher zieht. „Ist es ganz oben, ist es zu spät.“ Der buddhistischen Tradition schon immer zugetan, lernte er, solche Gedanken weiterziehen zu lassen: „95 Prozent sind überflüssig.“

Auf Einladung von Gaisberg Consulting weihte Romhardt am Montag einen illusteren Gästekreis in die hohe Kunst der Achtsamkeit ein. Vordergründig, um dem hektischen Alltag gelassener zu begegnen: „Es ist doch allemal besser, ich bringe in der S-Bahn meine Gedanken zur Ruhe als ich fürchte mich, dass der Typ, der gerade eingestiegen ist und nach Alkohol riecht, sich neben mich setzt.“ Auf einer tieferen Ebene bewirke das Einsicht und Veränderungen: „Nur weil mein Vater und mein Großvater aufbrausend waren, muss ich es nicht auch sein.“ 

Ein paar Eckpfeiler seiner Erkenntnisse:

  • Single tasking: „Wenn du isst, iss das Brötchen und nicht deine Sorgen“, will heißen: Eines nach dem anderen.
  • Zu Ende bringen: Eine Tätigkeit vollenden, erst dann die nächste beginnen. Den Übergang mit ein paar bewussten Atemzügen markieren. Mit und ohne Glöckchen.
  • Nicht bewerten: Nicht vorgeben, dem Gegenüber zuzuhören, während der innere Kritiker seine Kommentare abgibt. Volle Konzentration auf den Partner.
  • Impulsdistanz: Sich der Gedanken und Impulse bewusst werden, die im Lauf eines Tages durchziehen, ihnen nicht automatisch nachgeben. Das Dringlichste ist nicht das Wichtigste.
  • Sich selber zulächeln: In den Spiegel lächeln, „es gut mit sich meinen“. Im Büro besser ohne Zeugen.
  • Anfängergeist: Die Zynismusfalle der Routiniers. Auch das 1001. Meeting ist neu und verdient einen neugierigen Zugang.
  • Affirmationen: Etwa „Möge ich das rechte Maß an Arbeit und Nicht-Arbeit finden“ oder „Möge ich jeden Tag aufs Neue über meine Unvollkommenheit lachen“.

Mag sein, dass Romhardts buddhistisch-kontemplativer Zugang nicht in jedem Unternehmen (und nicht bei jedem Chef) auf fruchtbaren Boden fällt. Gutes bewirkt er allemal. Wenn auch nicht immer so, wie es sich der Auftraggeber vorstellt. Ein Call Center mit hoher Burn-out-Quote ließ seinen Agents ein Achtsamkeitstraining zukommen. Die zeigten sich begeistert – am nächsten Tag kündigte mehr als die Hälfte.

Kai Romhardt

ist Unternehmensberater, Meditationstrainer und Gründer des Netzwerkes Achtsame Wirtschaft. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter „Wissen managen – Wie Unternehmen ihre wertvollste Ressource optimal nutzen“ und „Slow down your Life“. Romhardt lebt in Berlin.

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