Shitstorm: Die Macht der Ohnmächtigen

Ein Phänomen der digitalen Zeit, dessen Wurzeln tief in der Seele des Menschen liegen. Parallelen mit politischer Propaganda liegen nahe, stimmen aber nicht ganz.

Ein Shitstorm braut sich zusammen
Ein Shitstorm braut sich zusammen
Ein Shitstorm braut sich zusammen – Marin Goleminov

Ein Rindfleisch-Gastronom entlässt einen Kellner, weil der unerlaubt seine Erdbeeren zuckert. Ein Museumsdirektor mag keinen Dialekt. Einer Ö3-Moderatorin gefällt das heimische Musikangebot nicht.

Über alle drei brachen in den vergangenen Wochen digitale Wellen der Empörung herein, deren Heftigkeit in keiner Relation zum Anlass stand. Ohne Interesse für die Fakten überschüttete die anonyme Menge die Akteure mit Spott und beißender Häme.

Warum tun Menschen so etwas?
„Weil es in ihnen drinnen steckt“, sagt Linda Pelzmann, Leiterin der Abteilung Wirtschaftspsychologie an der Universität Klagenfurt. Sie zitiert Sigmund Freuds „Animal Spirits“, niedere Instinkte wie Neid und Hass, die nur auf beliebige Gelegenheiten warteten, um endlich ans Licht zu kommen. „Die Leute sind frustriert: Weil sie Steuern zahlen müssen, weil sie die EU nicht wollen, weil sie Ärger im Job haben.“ Die angestaute Wut suche sich ein Ventil, einen zufällig vorbeikommenden Sündenbock, an dem sich die gallgelben Emotionen entladen.

Rauschmittel Shitstorm
Die Erregung mache süchtig, beschreibt Pelzmann. „Das Belohnungszentrum im Gehirn wird heftig stimuliert – besser noch als nach Kokskonsum.“ Dazu komme das berauschende Gemeinschaftsgefühl, die „anonyme Vereinigung mit der Massenseele“, wie sie schon Literat Elias Canetti beschrieb. Die Sehnsucht nach dem nächsten Rausch treibe die Menschen dazu, mit jedem Mal noch untergriffiger, noch gemeiner zu handeln.

Assoziationen zu politischer Propaganda lägen nahe, sind aber nicht korrekt: „Dort standen dezidierte Interessen dahinter. Beim Shitstorm nicht.“ Die Ohnmächtigen wollten Macht spüren, nicht mehr, nicht weniger. Es gehe ihnen nicht um die Kundgabe einer Meinung, weil sie gar keine hätten. Auch die Wahrheit interessiere sie nicht, ebenso wenig, was sie anrichtet: „Wer sich im Web auskotzt, lebt im Moment. Er denkt nicht an die Folgen.“ Dass er sich in Banalitäten verzettle und von seinen wahren Themen ablenke, wäre ihm ebenso nicht bewusst.

Auch in diesem Punkt unterscheiden sich Propaganda und „Fäkalstürme“: Erstere ist gelenkt, letztere unkontrolliert. Nur eine Personengruppe ist gegen beide immun. Nämlich, sagt Pelzmann, „Menschen, die an etwas glauben. Wer eine Mission hat, lässt sich nicht verführen.“

Was tun, wenn es einen trifft?
Hier scheiden sich die Geister. Der renommierte PR-Berater Wolfgang Rosam rät (in den meisten Fällen) zum gelassenen Aussitzen. Hinter den Kulissen sollten allerdings die Anwälte sofort eine Klage ausloten: „Gegen die Plattform, auf der gepostet wird. Damit sie sich etwas überlegt, um die ethische Barriere wieder hochzuschrauben.“

Bis dahin sei Schweigen besser als Rechtfertigung: „Weil anonyme Foren vernünftigen Argumenten nicht zugänglich sind. Und weil eine öffentliche Verteidigung die Diskussion erst richtig anfacht.“

Andere Experten raten zwecks Schadensbegrenzung zum sofortigen Reagieren. 28 Prozent aller Krisen breiteten sich innerhalb einer Stunde grenzüberschreitend aus, 69 Prozent innerhalb von 24 Stunden, recherchierte die Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer.

Meist kündigen die Attackierten umgehend eine interne Untersuchung an, vornehmlich, um Zeit zu gewinnen. Im Idealfall tritt in der Zwischenzeit ein vorbereiteter Krisenplan in Kraft. Der lohnt sich allenfalls: Bei börsenotierten Unternehmen stürzt der Aktienkurs bereits zwei Tage nach dem Anlassfall ab. Ein Jahr danach liegt er bei der Hälfte der Betroffenen noch immer unter Vorkrisenniveau.

Berühmte Beispiele

In Kürze

Die Wurzeln für das Phänomen Shitstorm liegen tief im Menschen. „Animal Spirits“ nannte Sigmund Freud die niedrigen Instinkte, die sich in Zeiten von Social Media in untergriffigen Attacken gegen beliebige Sündenböcke hochgradig emotional entladen. Im Unterschied zu politischer Propaganda stehen beim Shitstorm weder dezidierte Interessen dahinter, noch ist er von oben kontrolliert.

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