Es muss nicht zwingend kommerziell sein

Franchising II. Noch ist Social Franchising kaum bekannt. Das Grazer Unternehmen Atempo aber bedient zwei Franchising-Schienen, bei denen auch Menschen mit Behinderung einen Arbeitsplatz bekommen können. Von Michael Köttritsch

Mann im Rollstuhl
Mann im Rollstuhl
Mann im Rollstuhl – (c) Erwin Wodicka

Das Social-Franchise-Forum des Senats der Wirtschaft brachte es kürzlich auf den Punkt: Wir befinden uns in einem gesellschaftlichen Wandel, der Sozialstaat gerät zusehends unter Druck. Daher sei Social Franchising ein ideales Werkzeug, um Gutes auf faire Weise zu multiplizieren.

Social Franchising wendet die Methoden des kommerziellen Franchising auf Projekte im Non-profit-Bereich an, die dem Gemeinwohl dienen sollen. Während Franchising im kommerziellen Bereich etabliert ist, ist das Angebot an Social-Franchising-Systemen momentan sehr schmal. Einer der ersten Anbieter ist Atempo.

„Menschen mit Behinderung brauchen eine gute Ausbildung und einen Arbeitsplatz, der ihren Fähigkeiten entspricht“, sagen die beiden Atempo-Geschäftsführer, Walburga Fröhlich und Klaus Candussi, Das Grazer Unternehmen bietet zwei Social-Franchising-Schienen an. Die eine nennt sich Capito.

Dabei werden komplizierte Texte wie Behördenformulare, Beipacktexte oder Infos zur Grippeimpfung in verständliche und barrierefreie Sprache übersetzt, sagt Fröhlich. Menschen mit Lernschwierigkeiten arbeiten dann in einer moderierten Prüfgruppe als Testpersonen.

Und auch in der zweiten Schiene übernehmen Menschen mit Behinderung eine zentrale Rolle. Bei Nueva werden die Qualität und Barrierefreiheit von Wohn- und Ausbildungshäusern sowie Werkstätten überprüft. Derzeit werden in Oberösterreich gerade zehn Menschen mit Behinderung zu Evaluatoren ausgebildet. In Oberösterreich sei es gelungen, sagt Fröhlich, flächendeckend Kooperationen einzugehen.

„Am besten funktioniert es, wenn sich eine Region insgesamt evaluieren lässt.“

Arbeitsplätze geschaffen
Beide Schienen laufen mit Erfolg: In den vergangenen zwei Jahren wurden in Österreich und Deutschland über 50.000 Seiten Text in leicht verständlicher Sprache produziert und rund 500 Einrichtungsangebote evaluiert. 2013 setzten die Partner gemeinsam rund 3,5 Millionen Euro um. Von 2012 bis Juli 2014 wurden 153 neue Arbeitsplätze, ein Drittel davon für Menschen mit (Lern-)Behinderung geschaffen.

Ihnen und den mittlerweile 15 Franchise-Partnern gehe es darum, sagen Fröhlich und Candussi, soziale Wirkung zu erzielen, zu verbreiten und abzusichern. Dafür wurden sie mit dem Trigos-Award für Social Entrepreneurship ausgezeichnet. „Man muss das Rad ja nicht immer neu erfinden“, sagt Fröhlich. Atempo vergibt Lizenzen, bildet die Partner und Mitarbeiter aus und sorgt für Marketing und einheitliche Qualitätsstandards.

„Die Franchise-Partner“, sagt Fröhlich, „sind in der Regel Organisationen, die bereits mit Menschen mit Behinderung arbeiten und ihr Tätigkeitsfeld erweitern möchten.“ Oft hätten diese Einrichtungen noch nicht sehr viel Erfahrung als Arbeitgeber. Aber auch in dieser Hinsicht gibt es Unterstützung aus der Atempo-Zentrale.

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