Führen, ohne Macht zu haben

Freiwilligenarbeit. Hierarchische Vorgesetzte haben es leicht: Sie bestimmen, die anderen folgen. Wie aber führt man Menschen ohne Autoritätsverhältnis? Eine Anleitung.

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Was haben die Katastrophenhilfe in Nepal, der Wiener Wahlkampf und das Sommerfest des Kleingärtnervereins gemeinsam?

Alle drei leben vom Einsatz Freiwilliger. Diese zu führen ist, wie einen Sack Flöhe im Zaum zu halten: Jeder Floh will in eine andere Richtung hüpfen. Freiwillige zu koordinieren braucht straffe Führung – bloß dass die Führungskräfte keine hierarchische Macht, keine Sanktionsmöglichkeit und wenig bis kein Budget haben.

Ronny Hollenstein lehrt in seiner „Gruppe Hollenstein“ die Basics dafür. Für ihn der wesentliche Unterschied zur profitorientierten Organisation: „Freiwillige müssen entsprechend ihren Leidenschaften eingesetzt werden – nicht entsprechend ihrer Position im normalen Leben.“ Würde er den Finanzmann zum Fundraising vergattern, nur weil er gut mit Geld umgehen kann, würde dessen Enthusiasmus rasch erlahmen: Er will doch bloß endlich einmal zupacken dürfen.

Fünf Typen von Freiwilligen unterscheidet der Trainer:

Der Leidenschaftliche ist über alle Maßen engagiert, konstruktiv und verlässlich – der Traum jedes Teamleiters. Immer packt er an, nie sagt er Nein. Genau das birgt die Gefahr, dass er ausbrennt, wenn der Teamleiter nicht aufpasst. Natürlicher Gegenspieler des Leidenschaftlichen:

Der Fordernde ist anspruchsvoll, queruliert und macht sich rar. Damit zieht er viel Energie auf sich. Ungeübte Teamleiter schenken ihm zu viel Aufmerksamkeit – und übersehen die Braven, Verlässlichen. Deshalb sollten diese extra viel Lob und Mitsprache (nicht unbedingt Funktionen) bekommen. Hollenstein, pragmatisch: „Wer da ist, gestaltet. Wer nicht da ist, hat das zu akzeptieren.“

Der Eitle strebt ins Rampenlicht. Er will den Spendenscheck übergeben und beim Handshake am Pressefoto dabei sein. Der kluge Teamleiter gibt ihm, was er begehrt. Es hilft, wenn er selbst nicht eitel ist.

Der Betroffene neigt zu Schnellschüssen aus der Hüfte. Über den entlegensten Bergregionen Nepals will er Impfstoffe abwerfen, ohne zu bedenken, dass diese kaum zweckgemäß genützt werden würden. Hochemotional neigt er zu Kurzschlüssen – und muss mit viel Geduld zu professioneller Arbeit geführt werden.

Der Fachmann schließlich ist so kostbar wie wichtig. Ihm gebührt eine hohe Position. Viele Freiwilligenorganisationen machten den Fehler, sich viele Freiwillige, aber wenig Fachexpertise ins Team zu holen. Der gute Wille allein zählt leider nicht für das Ergebnis.

Versprochen und gehalten

Zwei bis fünf Teamleiter pro Einsatz tragen eine Gruppe, legen die Regeln fest und geben den Takt vor. Auch ohne formale Macht müssen sie auf Verbindlichkeit achten – gemessen nicht am Gesamterfolg wie in profitorientierten Betrieben, sondern am Beitrag, den jeder Freiwillige zusagte. Daher bekommt die Kollegin, die zehn Wochenstunden verspricht und hält, genauso viel Anerkennung wie jene, die 30 Stunden schafft.

Hält sie das Versprochene allerdings nicht ein, würden öffentliche Bloßstellung, Kritik und Sanktionen sie nur vertreiben. Das Zauberwort heißt hier extrem empathisches Coaching ohne den leisesten Hauch von Vorwurf. Oft genügt es, Projektfortschritts- oder Stundenlisten gut sichtbar aufzuhängen – das spornt an.

Für jede Freiwilligenorganisation ist es ein Albtraum, ins Zwielicht zu geraten (ganz besonders, wenn es um Spendengelder geht). Selbst der kleinste Verdacht wird wie eine veritable Krise behandelt, riskiert man doch neben dem Vertrauensverlust der Öffentlichkeit auch den Exodus aller Freiwilligen. Die beste Prävention ist, alles offen zu spielen. Hollenstein: „Transparenz hilft gegen jede Schweinerei.“

ZUR PERSON

Ronny Hollenstein (41) schult in seiner „Gruppe Hollenstein“ u. a. das Führen von Freiwilligen. Davor leitete der Vorarlberger ic2- Consulting, arbeitete in der Personalentwicklung von Max-Mobil und in der Schule des Sprechens und lehrte am WU-Institut für Entrepreneurship & Innovation.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2015)

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