Professionelle Glücksbringer in der Chefetage

Unternehmenskultur. Google hat als erstes Unternehmen Ernst gemacht und einen Chief Happiness Officer eingesetzt. Mittlerweile gibt es zahlreiche Nachahmer. Der CHO soll dafür sorgen, dass Arbeit Spaß macht. Ein nicht unumstrittener Job.

 (Die Presse)

Sie sind von Haus aus glücklich, sind jemand, der andere zu Glück inspirieren kann und der sich um den Wohlfühlfaktor am Arbeitsplatz kümmert. Sie organisieren Feiern, Trainings und andere Aktivitäten, die Mitarbeitern helfen, gute Arbeit zu leisten.

So könnte das Anforderungsprofil für den – nicht lachen – Chief Happiness Officer lauten. Er ist neben dem Chief Executive Officer, dem Chief Finance Officer und dem Chief Operations Officer ein Mitglied der Geschäftsführung.

„Ein CHO tut das, was ein CEO tut: Ressourcen richtig einsetzen“, schreibt Jenn Lim. „Der Unterschied zwischen ihnen ist: Der CHO sieht Glück als Geschäftsgrundlage.“ Lim war erste CHO des Online-Modehändlers Zappos.

Glück ist die beste Verzinsung

Lims Job war herauszufinden, ob die Mitarbeiter sich emotional wohlfühlten. Und gegebenenfalls Arbeitsumfeld und Unternehmenskultur sowie die Kommunikation zwischen Führungskräften und Mitarbeitern zu adaptieren.

Erfolg, sagen CHO-Fans, sei ein Glücksgenerator: Glückliche Mitarbeiter sind produktiver, und Glück, lautet demnach die Rechnung, sei die beste Verzinsung.

Google hat es vorgemacht: Chade-Meng Tan ist CHO im Headquarter in Silicon Valley. Er – einer der ersten Google-Mitarbeiter überhaupt – begründet seine Philosophie auf „compassion“, auf Mitgefühl. Dahinter liege Leidenschaft für das Gemeinwohl, die in drei Schritten erreichbar sei. Erstens: Ich fühle mit dir. Zweitens: Ich verstehe dich. Drittens: Ich möchte dir helfen.

Diese Art Mitgefühl inspiriere die Google-Mitarbeiter, mache Freude und wirke sich zudem positiv auf Ideen und Geschäft aus, sagt Tan.

Von Google inspiriert zogen vor allem Start-ups und IT-Unternehmen nach. Die Münchner Digitalagentur Cobe setzt den Happiness-Faktor als Employer-Branding-Instrument ein. Schließlich leben sie das Barcelona-Prinzip: Wie beim spanischen Fußballteam sollen die Mitarbeiter von Karrierestart bis -ende im Team bleiben.

Bestechung mit Bespaßung?

Ob CHO oder untergeordneter „Feelgood“-Manger, ist letztlich eng mit der Frage nach der Unternehmenskultur verknüpft. Und diese lässt sich weder verordnen noch per Knopfdruck einschalten. Kultur ergebe sich implizit und sei massiv davon geprägt, wie die CxO ihre Werte (vor-)lebten, sagt Nina Haas, Consultant bei OSB international. „Insofern ist es sinnvoll, das Thema auf CxO- Ebene und nicht als ,Feelgood‘-Stabstelle anzusiedeln.“

So oder so sind die Mitarbeiter in der Pflicht, Selbstverantwortung für ihr Glück zu übernehmen: Finden sie es im Unternehmen nicht, müssen sie Konsequenzen ziehen. Steigt in der Folge die Fluktuation, ist das Unternehmen gefordert, über das Umfeld und über glücklich machende Faktoren nachzudenken.

Doch nicht alle Unternehmen haben Interesse an (oft unbequemen) eigenverantwortlichen Mitarbeitern, sondern eher an solchen, die mit Bespaßung bestechlich sind. Und viele Mitarbeiter haben verlernt, sich selbst um das zu kümmern, was sie glücklich macht.

Kritisch äußert sich auch Klaus P. Mörtl (meinoptimierer.com): Unternehmen würden weniger CHO als gute CHRO (Chief HR Officers) benötigen und Manager, die Führungskräfte statt nur Vorgesetzte seien. „Wenn Menschen situativ geführt werden und grundsätzlich stärkenorientierte/intrinsisch passende Aufgaben haben, können sie aus dem Job Befriedigung ziehen. Und darum geht es – nicht um Spaß.“ Happiness als Glücksgefühl also scheint erstrebenswert, die Bespaßungsmaschinerie aber sieht er nicht als Unternehmensaufgabe.

Arbeit muss nicht Spaß machen

Angesichts unsicherer Arbeitsverhältnisse müsse man sich mit dem, was man habe, arrangieren, sagte Isabella Heuser kürzlich in einem Interview. Sie war die erste Frau in Deutschland, die einen Lehrstuhl für Psychiatrie erhielt: Arbeit müsse mich nicht glücklich machen, sie sei nicht dazu da, dem Leben Sinn zu geben, sie könne auch einfach Broterwerb sein, ohne mit „innerer Emigration“ verbunden zu sein. Die gesunde Distanz zum Job – ohne schlampig zu arbeiten – gewährleiste innere Unabhängigkeit und sei zugleich eine probate Burn-out-Prävention, ist die Leiterin der Berliner Charité überzeugt.

Und hört man Philosophen zu, stehen CHOs ohnehin auf nahezu verlorenem Posten: Glück, frei nach Aristippos als Maximierung von Lust und Minimierung von Schmerz verstanden, könne kein Dauerzustand sein. Zudem sei Glück oft erst im Nachhinein erkennbar. Im schlimmsten Fall nach dem wenig glückbringenden Wechsel zur Konkurrenz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2015)

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