Das schwere Los der Andersdenker

Bunter Vogel oder Mainstreamer? In der Theorie wünschen sich viele Unternehmen Querdenker in ihrer Mannschaft.In der Praxis ist es für gegen den Strom schwimmende Bewerber oft besser, sich zu verstellen. Drei Experten, drei Meinungen.

(c) CBS

Selbstverständlich braucht das Unternehmen Querdenker.“ Karl Lang, stellvertretender HR-Leiter bei Siemens, bricht eine Lanze für die bunten Vögel. Unerlässlich wären sie, die Impulsgeber in der innovationsgetriebenen Organisation. Sie dächten anders als der Rest der Welt und brächten diesen damit zum Nachdenken.

Sollen sie ruhig ihr Querdenkertum leben, sagt Lang. Hier würde man sie nicht als Querulanten abstempeln: „Macht nichts, wenn sie anecken. Würde niemand die Organisation irritieren, würden sie nur im eigenen Saft kochen.“

Konstruktive Irritation

Ob er denn gezielt nach Andersdenkenden suche? Nein, sagt der Personalchef, in seinen Bewerbungsgesprächen gehe es in erster Linie um Ausbildung, Erfahrung und bisherige Arbeitserfolge. Auf Persönlichkeitstests, in denen solche Merkmale sichtbar würden, verzichte er meist.

Daher erkenne man Querdenker erst, wenn sie ihre ersten Schritte im Unternehmen machen. Sie dann zu kanalisieren sei Aufgabe der Führungskraft. Die habe für eine gesunde Balance zwischen konstruktiver Irritation und destruktivem Querulantentum zu sorgen. Jedenfalls: „Querdenken ist durchaus willkommen.“

Der Apparatschik lebe hoch

Eine gänzlich andere Erfahrung machen Jobsuchende. Wenn sie ihr Gegen-den-Strom-Denken schon in die Bewerbung schreiben, werden sie gleich gar nicht eingeladen. Selbst Personalberater überlegen sich dreimal, ihren Klienten andere als glatt gebürstete, sprich: überraschungsfreie Kandidaten vorzuschlagen. Allein schon Branchenfremde zu präsentieren, ist gewagt.

„Die Rechnung ist einfach“, zählt Hans Jorda, Chairman der Neumann-Gruppe, auf: „Wenn ich fünf Branchenexperten habe, ist in der Regel einer großartig, drei sind gut und einer ist ein Flop. Wenn ich aber fünf Branchenfremde habe, ist vielleicht auch einer großartig, aber vier sind Flops. Das Risiko ist viel größer.“

War ein Kandidat bisher aber branchentreu, bloß bei der Konkurrenz tätig, bringe er selten das „ganz große Neue“ mit. Ein Henne-Ei-Problem: Weil der Druck (Marktdruck, Margendruck, wirtschaftlicher Druck) stetig steige, wage niemand Experimente. Weil aber niemand etwas wage, gelängen auch keine bahnbrechenden Innovationen.

Auch die Bewerber, vor allem die jungen, scheinen Jorda „fast schon überangepasst“. Warum, zeigt ein weiteres Rechenbeispiel: „Früher waren neun von zehn Bewerbern fachlich nicht geeignet. Heute sind neun von zehn Bewerbern sehr gut geeignet. Einschließlich der internationalen, die nach Österreich wollen.“

Bei so viel Konkurrenz riskiere niemand aufzufallen. Auch später im Unternehmen nicht. Jordas Rat an Konzernquerdenker: „Zum Chef gehen und es ansprechen. Und wenn es nicht erwünscht ist, die Firma wechseln, am besten in eine eigentümergeführte mit kreativem Gründer. Oder selbst gründen.“

Stromlinienförmige Mitarbeiter

Voest-Personalchef Georg Reiser ist in der Branche für seine kreativen Denkansätze bekannt. „Querdenker haben es schwer“, sagt er. Die Konditionierung zum Mainstreamer beginne schon in der Schule: „Wer hervorsticht, wird angefeindet. Niemand will anders sein.“ Dann sage man ihm nach, er hielte die Partie auf und benötige hohe Betreuungsintensität: „Heute muss alles irrwitzig schnell gehen. Wer hat denn da die Zeit, sich in eine Idee hineinzuversetzen?“

Und wer will schon Mitarbeiter, die womöglich kreativer sind als man selbst? Nur wenige Führungskräfte könnten hier über ihren Schatten springen, meint Reiser. Ergebnis: „Der Durchschnitt zieht alle nach unten.“

Fade Leute, fade Ergebnisse

Aber nicht verzagen, der Personalchef weiß, wie es auch Querdenker weit bringen: „Mit jeder Menge sozialer Intelligenz.“

Die helfe, ihre Ideen auf gesellschaftlich verträgliche, idealerweise auch humorvolle Weise („Humor ist eine Wunderwaffe“) unter die Leute zu bringen, die richtige Dosis zu finden, die richtige Wortwahl und das richtige Timing: „Man muss auch wissen, wann man die Klappe hält.“ Sonst gehe es einem wie den hyperintelligenten, aber sozial völlig inkompetenten Nerds der CBS-Serie „Big Bang Theory“.

Zugegeben, das erfordere ständige Konzentration und sei harte Arbeit für einen Unangepassten, aber sie lohne sich.

Auch für das Unternehmen: „Weil fade Leute nur fade Ergebnisse bringen.“


[LKHRT]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2015)

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