Groß im „Darkbusiness“

Andreas Heinecke gründete mit "Dialog im Dunkeln" vor dreißig Jahren eines der ersten Social-Franchise-Unternehmen. Heute gibt es viele die sein Konzept nachmachen.

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Jeder frage ihn, ob er eine blinde Frau oder blinden Bruder oder blinde Verwandte habe. Das verneint Andreas Heinecke dann. Wie kam er auf die Idee, „Dialog im Dunkel“ zu gründen? Heinecke war lange als Journalist beim Westfunk in Deutschland tätig. Ein Kollege erblindete nach einem Unfall mit 28 Jahren. Daraufhin wurde ihm geraten, einfach in Pension zu gehen. Das kam für ihn aber nicht in Frage und der ehemalige Printjournalist, bewarb sich beim Radio. Denn im Radio seien ja schließlich alle blind. Es geht nur um das Gehörte.

Andreas Heinecke bekam die Aufgabe, ihn einzuschulen. „Ich war angetan von seiner Persönlichkeit und sein Wille und hat mich tief beeindruckt“, sagt Heinecke heute. Nach zwei Jahren wurde er fix angestellt und Heinecke wollte seine Arbeit fortsetzen. Am liebsten hätte er sich selbstständig gemacht und beim Radio weiter Blinde ausgebildet. Selbständige bekommen jedoch keine Förderung, darum begann er in einer Stiftung in Frankfurt mit Blinden zu arbeiten.

„1988 kam ich dann auf die Idee, dunkle Räume als Plattform zu benutzen“, sagt er. Anfangs machte er das noch in der Stiftung und dann als Selbständiger. „Wir haben einen ganz klaren unternehmerischen Ansatz, wir verdienen unser Geld über Lizenzen und Eintritte. Wir kriegen keine öffentliche Förderung und auch keine Spenden. Mein Modell ist unternehmerische Mittel mit einem sozialen Gedanken zu verbinden“, erklärt Heinecke. Social Entrepreneurship nennt man solche Sozialunternehmen. Seit 1988 wurden die Ausstellungen rund um Dialog im Dunkeln in rund 30 Ländern und mehr als 130 Städten weltweit gezeigt.

Konkurrenz im „Darkbusiness“

Andreas Heinecke hat mit seinem „Dialog im Dunkeln" eine Nische besetzt, die es damals nicht gab. Seit fast 30 Jahren ist er jetzt im „Darkbusiness“ tätig. Heute gibt es viele Events und Projekte im Dunklen. Von Datingshows bis hin zu Burger-Verkostungen. „Am Anfang war ich stinksauer, als ich gemerkt habe, da gibt es Trittbrettfahrer, die da einfach ohne zu fragen mein Konzept abkupfern und dass dann vielleicht auch noch billig vermarkten“, sagt er.

Natürlich sei er nicht erfreut gewesen. Er sprach auch mit Anwälten darüber, aber die meinten nur, da wäre nichts zu schützen. Sie sagten ihm, das wäre als wolle er das Licht patentieren lassen. „Nachdem ich weniger sauer war, habe ich bemerkt, dass das eigentlich der größte Wirkungsmesser ist. Ich sehe das heute als die beste Bestätigung meines Konzepts, wenn andere es kopieren. Und eigentlich ist jede Auseinandersetzung mit dem Thema auch für uns nur positiv.“

Sinn dahinter

Heinecke war schon immer am Umgang mit Minderheiten interessiert. „Das hat sicher auch stark mit meiner Familie zu tun“, sagt er. Er kommt aus einer Familie, in der Nazis auf Juden trafen. Die Seite seiner Mutter jüdisch, die des Vaters nationalsozialistisch. „Mein Onkel war ein echter Killer. Er war Polizeioffizier in Polen und folgte strikt dem Gesetz." Unter den Nazis galten Menschen mit Behinderungen genauso wie Juden als sogenannte „Balast-Existenzen“. „Der Mechanismus von Ausgrenzung hat mich schon immer beschäftigt. Darum hab ich vermutlich auch Geschichte studiert“, sagt Heinecke.

Die Frage, warum er genau mit Blinden arbeiten wollte, ist nicht einseitig zu beantworten. Heinecken sagt einerseits, weil es seit dem Schlüsselerlebnis beim Westfunk in der Arbeit einfach keinen anderen Weg mehr gibt und andererseits, weil er die Wahrnehmung auf Blinde verändern will. Ihm gehe es da keinesfalls um Mitleid, und auch nicht zwingend darum ihnen Jobs bereit zu stellen, sondern darum, dass die Leute begreifen, dass für Blinde die Welt natürlich anders sei, aber um nichts ärmer. Blinde haben ganz andere Talente und Qualifikationen, meint er.

„Ich will keinen Mythos setzen, wie toll die Blinden oder Gehörlosen sind, weil sie können genauso mittelmäßig oder oberflächlich sein, wie wir halt auch.“ Um das zu veranschaulichen erzählt Heinecke gerne eine Geschichte aus der Arbeit. Bei einer seiner Ausstelllungen sei er zwei besonders hübschen Damen begegnet. Sie kamen ins Gespräch und wollten sich die Ausstellung danach noch ansehen. Heinecke schickte sie zu seinem Mitarbeiter Matthias. Nachdem sie sich unterhalten haben, gingen die beiden Frauen plötzlich weg. Heinecke fragte Matthias, was das Problem war. Und Matthias antwortete „Die waren dumm. Ich hab sie heimgeschickt.“ Darauf fragte Heinecke, warum er das denke und Matthias antwortete: „Weil sie so dünne Stimmen haben.“

Heinecke fragt Matthias daraufhin, wie er sich denn verlieben könne und Matthias meinte: „Über das Parfum. Aber ich sag dir sicher nicht die Marke.“

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