„Habe mich selbst wegrationalisiert“

Porträt. Abteilungen, Hierarchie und Management sind bei Tele Haase Fremdwörter. Christoph Haase revolutionierte in seinem Technologieunternehmen das Verständnis von Zusammenarbeit.

Katharina Roßboth

Das Etablierte schien Christoph Haase nicht passend, als er im Jahr 2010 begann, „das optimale Betriebssystem“ für die Zukunft des Familienunternehmens Tele Haase zu suchen. Denn eines war ihm klar: Er wollte nicht eines Tages als Patriarch im Ledersessel unter seinem eigenen Bild sitzen. „Ich dachte mir, es muss auch anders gehen.“

Passende Konzepte, die der heute 42-Jährige hätte aufgreifen können, fand er nicht. Also begann er, mit den Mitarbeitern etwas Neues zu designen. Was daraus entstand? Abteilungen und Hierarchien wurden abgeschafft und stattdessen drei Prozesse etabliert: Innovation, Produktion, Sales. Und das Management wurde durch Gremien (für Geschäftsplan, Organisation, Qualitätssicherung, Innovation, Umwelt, Marketing/Vertrieb) ersetzt.

In diesen Entscheidungsorganen kommen Mitarbeiter aus allen Prozessen zusammen und bearbeiten strategische Fragen. Dabei gilt: Was eingebracht wird, muss entschieden werden. Jeder Mitarbeiter sollte sich möglichst intensiv beteiligen, sagt Haase: „Gestaltet das Unternehmen!“ Die operativen Entscheidungen hingegen werden direkt von den Mitarbeitern in den jeweiligen Prozessen getroffen.

Gesunder Menschenverstand
Damit, sagt Haase, folge man dem Prinzip der Selbstorganisation: Mitarbeiter entscheiden autonom, sie müssen nicht um Erlaubnis fragen und stimmen sich idealerweise untereinander ab. Es gehe ihm darum, den „gesunden Menschenverstand ins Unternehmen zu bringen“, erklärt Haase.

Damit das gelingen kann, braucht es Mitarbeiter, die das mittragen: Sie müssen selbst denken, eigenverantwortlich handeln und selbstbewusst sein. Eine Mentalität nach dem Motto „Da müsste mal jemand entscheiden“ gelte nicht. Das, sagt Haas, seien beinahe entscheidendere Merkmale als fachliche Kompetenz.

Was es ebenfalls nicht gibt, sind Vorgesetzte. Haase und Markus Stelzmann, sind nur im Außenverhältnis Geschäftsführer. Im Innenverhältnis verstehen sie ihre Tätigkeit als Unterstützungsprozess – nicht anders als es Finanzen, HR und Facility Management für das Unternehmen sind. Und sie nennen ihren Prozess schlicht Regie.

„Hüfttief im Gatsch“
2013 war es, als Haase das mehr als 50 Jahre alte Wiener Unternehmen umgekrempelt hat, das ihm (zu einem Drittel) und seiner Mutter gehört. Ein manchmal sehr anstrengender Prozess. Mitunter habe er sich gefühlt, als stünde er „hüfttief im schwefelstinkenden Gatsch wie im Vorhof der Hölle“. Jetzt findet er, „nicht mehr überall gleichzeitig anschieben zu müssen“. Damals hatte er viele Hüte auf. Zu viele. „Heute habe ich gar keinen auf“, sagt Haase. „Ich habe mich selbst wegrationalisiert.“ Er gehört mittlerweile keinem Gremium an und versteht sich als einer, der mehr am als im Unternehmen arbeitet.

„Technik braucht Kontrolle“, lautet der Claim von Tele Haase. Im Unternehmen keine Kontrolle ausüben zu müssen, erlebt er aber als befreiend. Er ersetzte Kontrolle durch Vertrauen und Offenheit. Etwa, indem Kennzahlen und Protokolle für alle einsehbar sind.

Oft werde er gefragt, wie das Unternehmen funktioniere. „Doch die Organisation ist nur Mittel zum Zweck.“ Eben wie ein Betriebssystem. Vielmehr gehe es ihm um die Philosophie des Betriebs. Erstens: Warum gibt es uns? „Wir wollen mit unserer Technologie die Welt besser machen.“ Zweitens: Was tun wir? „Wir sind ein Innovationslabor für verknüpfte Technologien, in dem probiert werden kann.“ Drittens: Wie gehen wir miteinander um? Das beantwortet Haase mit einer Formel: Innovation (Kooperation, Neugierde, Initiative) plus Nachhaltigkeit (Wertschätzung, Spaß) ergeben Profitabilität.

ZUR PERSON
Christoph Haase (42) stieg im Jahr 2000 – nach Jahren als Art Director in einer Werbeagentur in München – als Marketingverantwortlicher in das Wiener Familienunternehmen Tele Haase ein. 2013 krempelte er das auf Zeit- und Überwachungsrelais spezialisierte Unternehmen radikal um. Das Management wurde durch Gremien ersetzt. Die rund 100 Mitarbeiter steuern seither das Unternehmen selbst.

 

("undefined", Print-Ausgabe, 28.11.2015)

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