Angst im Job: Das große schwarze Ungeheuer

Psychologie. Angst vor Jobverlust. Angst vor dem Scheitern. Angst vor dem Chef. Es gibt genug Anlässe, vor etwas Angst zu haben. Im Beruf steckt meist nur eine einzige Ursache dahinter. Wie man sie bekämpft, darüber herrscht Uneinigkeit.

(c) Marin Goleminov

Die Hände zittern. Das Herz rast. Die Stimme versagt. Das Gehirn auch: Wer akut Angst hat, kann kaum denken. Er fällt auf archaische Grundmuster zurück: kämpfen, flüchten oder tot stellen. In grauer Vorzeit haben sie Herrn und Frau Neandertaler gute Dienste geleistet, sonst hätte sie der Säbelzahntiger gefressen.

Diese Sorgen müssen Herr und Frau Arbeitnehmer heute nicht mehr quälen. Angst haben viele trotzdem. Sie wirke wie Stress, sagt Business-Coach Bettina Stackelberg, „wenn wir nicht hinschauen, wird sie lauter.“ Dann manifestiere sie sich im Körper und mache krank.

„Hallo, da bist du ja wieder“

Genau dieses Hinschauen erlauben sich Angstgebeutelte in ihrer Arbeitsrealität meist nicht. Lieber beißen sie die Zähne zusammen und tun so, als wäre nichts gewesen. Dabei bemerkt die Umwelt, Mitarbeiter und Kollegen, ihren Zustand ohnehin.

Was also tun, wenn wieder einmal die Angst hochsteigt? Schritt eins sei, sagt Stackelberg, sie anzunehmen und wie einen alten Freund zu begrüßen. „Hallo, da bist du ja wieder“, macht sie vor, „danke, dass du mich warnen willst. Aber schau, da ist gar nichts.“

Tatsächlich entsprängen die meisten Ängste alten Glaubenssätzen: dem Zwang zur Perfektion, zum Bessersein als die anderen oder der Furcht, nicht zu genügen: „Das empfinden wir so“, warnt Stackelberg, „aber es ist nicht real.“

Würden sich die Gepeinigten der Realität stellen, fänden sie schnell heraus, dass ihr Druck hausgemacht ist: Der Chef, der plötzlich so böse schaut, hat bloß Ärger mit seiner Frau. Weil man seinen Blick aber auf sich bezieht, wird man fahrig, macht Fehler und gibt dem Chef tatsächlich Grund, böse zu schauen. „Eine selbsterfüllende Prognose“, sagt Stackelberg, „in den meisten Fällen gibt es das große schwarze Ungeheuer gar nicht.“

Codewort Apfelkuchen

Besser als sich in seine Angst hineinzusteigern sei die freundliche Konfrontation mit ihr. „Chef, Sie schauen in letzter Zeit so komisch“, klingt das bei Stackelberg, „hat das etwas mit mir zu tun?“ Entweder kläre sich das Missverständnis schnell auf (Erleichterung!), oder man hätte statt eines irrealen Gefühls nun reale Fakten auf dem Tisch. Die Angst aber wäre beseitigt.

Nicht immer ist es so leicht, den Stier bei den Hörnern zu packen. Dann rät die Coachin, Vertraute im Unternehmen einzuweihen, die die Situation im Ernstfall relativieren. „Es erleichtert schon, darüber zu reden.“ Bei Bedarf könne der Vertraute dem Verängstigten ein diskretes Codewort zurufen: „Apfelkuchen wäre gut.“

Vor dem exzessiven Einsatz von Vertrauten sei aber gewarnt. Erstens, weil das ständige Darüberreden geradewegs in das gefürchtete Gefühl hineinversetzt, zweitens, weil es die Geduld auch der besten Freunde strapaziert.

Alles und das Gegenteil

In den Techniken der konkreten Angstbekämpfung scheiden sich die Geister. Konfrontation in kleinen Schritten wirkt, hier ist man sich noch einig. „Setz dich deiner Angst gegenüber und frag sie, was sie dir zu sagen hat“, ist Stackelbergs Ansatz.

Bei Frauen, der Mehrzahl ihrer Klienten, trete dann oft der Wunsch zutage, von allen geliebt zu werden. Männer würden gern Ersatzthemen – Selbstmanagement oder Arbeitstechnik – vorschieben. Hier dauere es länger, zum eigentlichen Problem vorzudringen.

Beliebt im Coaching-Repertoire sind Was–wäre-wenn-Spiele („Tu einmal so, als hättest du keine Angst“). Oder das genaue Gegenteil, paradoxe Aufgaben („Steigere dich so richtig in deine Angst hinein und beobachte, wie du das machst“). Wichtig: Im Realtraining muss die kritische Situation bis zum Ende durchgestanden werden. Wer vorher abbricht, lernt nichts dazu.

Ende der Unterhosen

Ob die im Akutfall empfohlenen Entspannungstechniken wirken, ist umstritten: Ist der Körper einmal im Panikmodus, ist die Anstrengung, ihn wieder in den Ruhezustand zu versetzen, zu groß. Harvard-Professorin Alison Wood Brooks schlägt daher vor, auf gleichem Erregungsniveau zu bleiben, das negative Gefühl Angst aber in positive Erregung umzudeuten, im Fachjargon zu reframen: „Ich bin so aufgeregt“ fühlt sich weniger schlimm an als „Ich habe Angst“.

Ein verstaubter Rat ist endgültig vom Tisch: sich den Angstgegner in Unterhosen vorzustellen. Das hat noch nie gewirkt.


[M5VGM]

("undefined", Print-Ausgabe, 09.04.2016)

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