Berufsausbildung 4.0: Was Ausbilder alles leisten müssen

Lehre. Ob Berufsausbildung gelingt, hängt massiv von den Ausbildern ab. Auf sie kommen weitere Aufgaben zu.

Berufsausbildung fordert nicht nur die Lernenden, sondern auch die Lehrenden.
Berufsausbildung fordert nicht nur die Lernenden, sondern auch die Lehrenden.
Berufsausbildung fordert nicht nur die Lernenden, sondern auch die Lehrenden. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Rein rechtlich gesehen ist es keine Hexerei, Lehrlingsausbilder zu werden. Ausbilderprüfung ablegen oder den Ausbilderkurs belegen. Punkt.
Erst danach warten die wahren Herausforderungen, den jungen Mitarbeitern in der Berufsausbildung neben dem sozialen auch das fachliche Rüstzeug zu geben. Dazu kommt, dass Arbeiten und Industrie 4.0 die Tätigkeiten und Aufgaben der Lehrlings- und Berufsausbilder verändern werden. „Wir sind Zeitzeugen der Digitalisierung“, sagt Annette Ostendorf, Professorin am Institut für Organisation und Lernen der Universität Innsbruck. Auch wenn die Digitalisierung erst am Anfang stehe.

Den Ausbildern komme eine Schlüsselfunktion zu, denn viele der Bereiche, für die sie ausbildeten, seien längst von der Digitalisierung erfasst oder würden in nächster Zeit erfasst werden. Daher rät sie Ausbildern, sich in einigen Bereichen zu rüsten:

Selbstlernfähigkeit
Die Ausbilder selbst müssten mindestens so viel lernen wie die Lehrlinge, sagt Ostendorf. Und sie müssten in der Lage sein zu erkennen, welche Auswirkungen die Digitalisierung und neue Technologien auf die Ausbildung haben müssen. „Die Ausbilder müssen den Qualifizierungsbedarf sehen“, sagt sie.

Aus- und Weiterbildung
Wenn Ausbilder diesen Blick entwickeln und schärfen, dann „werden sie mittelfristig nicht nur Experten für die betriebliche Ausbildung, sondern generell auch für die betriebliche Weiterbildung“, sagt Ostendorf.

Curriculum erstellen
Mit diesem Überblick kommt den Ausbildern auch die Aufgabe zu, das Ausbildungscurriculum mitzugestalten. Dabei müssen sie darauf achten, die Berufsausbildung breit und flexibel anzulegen. „Wer zu spezialisiert ausgebildet wird, hat eine geringere Anpassungsfähigkeit“, sagt Ostendorf. Und gerade, weil sich viele Lehrberufe sehr dynamisch entwickeln und die Digitalisierungsgeschwindigkeit extrem hoch sei, müssten die jungen Mitarbeiter so geschult werden, dass sie sich leicht in neuen Situationen zurechtfinden können.

Allgemeinbildung
Ostendorf drängt auch darauf, die Allgemeinbildung in der Berufsausbildung nicht zu kurz kommen zu lassen. Sprachkenntnisse etwa seien unumgänglich. „Die Jungen brauchen keinen Goethe lesen“, sagt sie, „aber sie müssen einen Geschäftsbrief schreiben und Fachliteratur lesen können“, sagt sie. Und: Es gelte, immer das Allgemeine im Beruflichen und das Berufliche im Allgemeinen zu lehren.

Kritische Beobachtung
Und noch etwas bedeuten Arbeiten und Industrie 4.0 für Ausbilder. Sie müssten sich selbst in die Strategiearbeit des Unternehmens hineinreklamieren. „Wie sonst sollen sie für die Zukunft ausbilden?“, fragt Ostendorf.

Digitalisierung ist nicht alles

Ob die Ausbildung gelingt, hängt aber auch von ganz analogen Aspekten ab. Etwa davon, ob es im Unternehmen ein Rotationssystem gibt, oder ob die Lehrlinge während der gesamten Lehrzeit von einem Ausbilder betreut werden. Ohne Rotationssystem, sagt die auf Lehrlingsfragen spezialisierte Consulterin Vittoria Bottaro, brauche der zuständige Ausbilder nur den Überblick zu bewahren und könne selbst einen Lehr- und Ausbildungsplan erstellen.

Wird im Unternehmen aber rotiert, sind also mehrere Ausbilder zuständig, erhöhe sich der Kommunikationsbedarf. Denn in der Praxis erlebe sie oft, sagt Bottaro, dass die Verantwortung für die Ausbildung von einem zum anderen Betreuer weitergeschoben werde. Und noch etwas: Lehrlinge würden dann oft primär für Tätigkeiten eingesetzt, die sie sicher und gut ausführen können. Unter dem Gesichtspunkt eines „Stärken stärken“ sei das vernünftig, umgekehrt komme aber das breite Lernen zu kurz.

Bottaro rät den Ausbildern, sich regelmäßig untereinander abzusprechen. „Auch darüber, wo die einzelnen Lehrlinge ihre Stärken und Schwächen haben.“ Die Einschätzungen der Kollegen können vor allem dann hilfreich sein, wenn es auf der Beziehungsebene zwischen Ausbilder und Lehrling nicht so wie gewünscht läuft.

Genau deshalb bekommt die Fähigkeit der Ausbilder, Allianzen einzugehen, immer größere Bedeutung. „Wir wollen in der Technik breit ausbilden“, sagt Thomas Jenny, Ausbildungsmeister in der Dornbirner Lehrwerkstatt des Beschlägeherstellers Blum. „Somit sind andere Abteilungen, wie Produktion, Entwicklung, Konstruktion, Fachabteilungen etc. wichtige Partner.“ Schließlich sei das Ziel, die Lehrlinge fachlich und praktisch nicht nur abteilungs-, sondern bereichsübergreifend auszubilden. In der Blum-Gruppe, in der derzeit mehr als 300 junge Menschen eine Lehre absolvieren, arbeiten die Ausbilder auch eng mit Personalentwicklung und dem -marketing zusammen.

Eltern nicht unterschätzen

Doch nicht nur innerhalb des Unternehmens sind Kooperationen wichtig. Auch außerhalb, sagt Jenny: „Wir beziehen neben der praktischen Ausbildung bei uns im Unternehmen auch die Berufsschule und das nahe Umfeld, also zum Beispiel die Eltern der Lehrlinge mit ein.“

Übrigens: Motivationsprobleme haben Lehrlingsausbilder meist nicht. Die Arbeit mit den jungen Menschen sei fordernd. Doch: „Das Privileg, Lehrlinge und Ausbilder in ihrer Entwicklung begleiten und unterstützen zu dürfen, dabei gemeinsam Höhen und Tiefen zu erleben, motiviert“, sagt Jenny. Und dann auch mitzuerleben, wie und wohin sie sich schlussendlich entwickeln.

(Print-Ausgabe, 17.12.2016)

 

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