Besser, als in Alpbach Visitenkarten zu tauschen

Porträt. Die erst 34-jährige Mathematikerin Petra Grell-Kunzinger gestaltet bei der Österreichischen Post die Zukunftsprojekte für Strategie und Konzernentwicklung.

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Jetzt hat sie es so richtig spannend: Petra Grell-Kunzinger, Österreichische Post – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Eigentlich wollte sie ja Lehrerin werden. Deshalb inskribierte Petra Grell-Kunzinger (34) Mathematik als Lehramtsstudium. Um bald darauf festzustellen: Mathe ja, Lehramt nein. „Vielleicht habe ich auch nur zu viel Nachhilfe gegeben“, sagt sie heute.
Der Mathematik blieb sie (vorerst) treu. Nach dem Magister ging sie bei Raiffeisen International an Bord, Ende 2006 war das. Noch warf die Finanzkrise keine Schatten voraus. Mit viel Freude schnürte Grell-Kunzinger „Kredite und Leasingverträge zu schönen Paketen“. Das ging bis Ende 2010 gut, dann begann das Geschäftsmodell zu bröckeln. „Wir wurden vom Strukturierer zum Investor“, sagt sie bedauernd. Wenig herausfordernd und repetitiv war das. Sie wollte doch so gern etwas bewegen.
Also streckte sie ihre Fühler aus. Angebote gab es genug. 2011 nahm sie das der Beraterschmiede McKinsey an, „weil alles andere doch nur dasselbe in Lilablassblau gewesen wäre“.
McKinsey war lehrreich – und zeigte ihr die Grenzen auf. Bis zu 80-Stunden-Wochen, ständiges Unterwegssein, wenig Freizeit, das alles hätte sie auf sich genommen. Nicht aber, nach dem Erstellen einer Strategie sofort zum nächsten Projekt wechseln zu müssen. In ihr steckte der Wunsch, „meine Babys wachsen zu sehen“, die Verantwortung auch für die Umsetzung ihrer Strategie zu tragen.
Die Lösung kam schneller als gedacht. Auf McKinseys schwarzem Brett fand sie eine Ausschreibung der Österreichischen Bundesbahnen. Es ging darum, Strategien für die Holding zu entwickeln. 2014 bedeutete das noch, direkt unter CEO Christian Kern zu arbeiten. Ihm streut sie bis heute Rosen: „Er hörte seinen Mitarbeitern zu, erfasste schnell und traf Entscheidungen. Nichts davon ist selbstverständlich“, sagt sie.

Lockruf der Großkonzerne

Nun war sie in der ÖBB-Holding für die Gesamtstrategie und insbesondere für den Güterverkehr verantwortlich. Das gefiel ihr: „Ich weiß, warum ich in der Logistikbranche gelandet bin. Sie will auch etwas bewegen.“
Und dennoch wechselte sie zwei Jahre später erneut. Post-Generaldirektor Georg Pölzl bot ihr an, womit die Bahn nicht aufwarten konnte: das Senior Management in der Strategie- und Konzernentwicklung, einschließlich der operativen Verantwortung. Sie würde für alle Bereiche der Post zuständig sein, nicht für eine übergeordnete Holding.
Das Angebot kam genau zu Weihnachten vor zwei Jahren: „Mein erster Impuls war: Nein. Da, wo ich war, gefiel es mir ja. Aber vorm Christbaum habe ich es mir überlegt.“
Heute kümmert sie sich von Philatelie (falls wir es schon vergessen haben: Die Post hat auch Briefmarken) über Paketthemen bis hin zum E-Commerce. Der Konzern blickt auf eine lange Historie (und viele Altlasten) zurück, gleichzeitig will er als innovativ und kundenorientiert wahrgenommen werden. Er wird von zwei Seiten attackiert, von gleichartigen Wettbewerbern (vor allem im Paketgeschäft) und von neuen Playern, die den Markt digital aufmischen. Er setzt sich mit selbstfahrenden Autos („sie werden kommen“) genauso auseinander wie mit Drohnen („nicht am Wiener Himmel“) und Paketrobotern („noch ein Nischenthema“).
Anders gesagt: Für Grell-Kunzinger ist es so richtig spannend.

Lieber Netzwerk als MBA

Gleichgesinnte rieten der jungen Strategin zum Lehrgang „Zukunft. Frauen“, der ambitionierte Managerinnen auf Vorstand und Aufsichtsrat vorbereitet. „Einen MBA kann ich später auch noch machen“, findet sie, „hier bekomme ich eine Ausbildung und lerne interessante Menschen kennen.“ Deren Wert hat sie inzwischen zu schätzen gelernt: „Die Module erstrecken sich über ein halbes Jahr. Das schweißt uns mehr zusammen, als würden wir in Alpbach Visitenkarten tauschen.“

 

Auf einen Blick

„Zukunft. Frauen“: Das Führungskräfteprogramm hat das Ziel, qualifizierte Frauen in Management- und Aufsichtsratspositionen oder in der Selbstständigkeit zu etablieren, zu vernetzen und in der Öffentlichkeit präsent zu machen. Gleichzeitig soll Signalwirkung erzeugt und sollen Frauen motiviert werden, sich für solche gehobenen Positionen zu bewerben.
Entwickelt wurde „Zukunft. Frauen“ nach norwegischem Vorbild vom Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft (BMWFW), der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) und der Industriellenvereinigung (IV).
Es besteht aus acht halbtägigen Themenblöcken und Kamingesprächen mit Experten. Im Februar beginnt der zwölfte Durchgang, im September der 13. Zugangsvoraussetzungen sind mindestens fünf Jahre Führungserfahrung, Branchen- und Fachwissen, starke Vernetzung und ein für die nächsten beiden Jahre angestrebter Karriereschritt. Bewerbungen für September sind bereits möglich.
www.zukunft-frauen.at

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