Gläsernes Sieb statt gläserner Decke

Porträt. Warum gläsernes Sieb? „Weil manche eben doch durchkommen.“ Beiersdorf-Marketingdirektorin und CEE-Geschäftsführerin Irene Szimak verlässt den Konzern und will sich künftig für weibliche Karrierechancen starkmachen.

Irene Szimak baut Mitarbeiter, Marken und Märkte auf.
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Irene Szimak baut Mitarbeiter, Marken und Märkte auf.
Irene Szimak baut Mitarbeiter, Marken und Märkte auf. – [ frauphan.at ]

Was von alledem, das man auf der Uni lernt, braucht man später? Die Handelswissenschaft-Studentin Irene Szimak wusste es nicht. In den 1980er-Jahren war die WU noch sehr nach Westen orientiert. Man sprach über Amerika und Westeuropa, büffelte Spanisch und Französisch. Osteuropa? Interessierte niemanden.
Warum Szimak eine Vorlesung über die Donauländer besuchte – sie weiß es nicht mehr. Für die Uni hätte sie sie nicht gebraucht.
Nach dem Magister führten sie die Lehr- und Wanderjahre zum Verlag Orac. Dort lernte sie die Geheimnisse der Kaltakquise, „so zu telefonieren, dass du nicht gleich abgewimmelt wirst“. Schnell fand sie heraus, wie man mit verschiedenen Menschentypen umgeht – und dass Einseitigkeit nicht ihre Sache ist: „Ich mag nicht nur in einem einzigen Thema tief drinnen sein.“ Bald arbeitete sie mit den Autoren, verantwortete die PR, organisierte Präsentationen. So machte ihr die Arbeit Spaß.
Ihre nächste Station brachte sie als Trainee zu Unilever. Noch war deren lokale Niederlassung ein Dorado für Marketer: „Wir entwickelten noch Kosmetik und Haushaltsreiniger nur für den österreichischen Markt. Wir drehten sogar eigene Fernsehspots!“
1997 verließ sie Unilever als Brand Manager und heuerte beim Konkurrenten Beiersdorf an. Rasch stieg sie zur Marketingchefin auf und fand sich mitten in der Konzernexpansion. Neue Welten eröffneten sich. Seit dem Mauerfall stand Osteuropa im Zentrum des weltweiten Interesses. Und nun, endlich, machte sich die Donauländer-Vorlesung bezahlt.

Deo oder Anti-Aging?

Die Bulgarien-Niederlassung etwa, erinnert sie sich, wurde buchstäblich auf die grüne Wiese gebaut. Man wusste wenig: Wie schminken sich Bulgarinnen? Welche Körperpflegeprodukte benutzen sie? Jedes Land war anders. In Bulgarien waren Deos der große Renner, anderswo Anti-Aging-Cremes. Beinahe jährlich eröffnete sie eine neue lokale Niederlassung. Beiersdorf war überzeugt, die Märkte so am besten bearbeiten zu können.
Szimak, Mutter einer Teenagertochter, war ständig unterwegs: „Ich mache gern Aufbauarbeit: Mitarbeiter, Marken, Märkte. Ich sehe gern Dinge entstehen.“ Schon an der Uni hat sie begriffen, dass man erst Geschichte und Kultur des Landes verstehen muss, um dessen Menschen zu begreifen. Diese rangen ihr Respekt ab: „Die lokalen Manager waren richtig gut. Sie haben die Jahre nach dem Mauerfall genutzt und alles aufgeholt. Das hat auch uns gefordert.“
Nach dem Ende des großen CEE-Hypes stieg Szimak weiter auf. Drei Jahre war sie als Geschäftsführerin der CEE-Holding für 15 mittel- und osteuropäische Länder verantwortlich. Im April 2014 übernahm sie die neu geschaffene Position des Marketing Director Eastern Europe und konnte sich endlich auch persönlichen Anliegen widmen: Szimak ist Aufsichtsrätin beim SOS-Kinderdorf.

Neues Leben beginnt

Jetzt steht ihr eine richtig große Änderung bevor. Nach einer Reorganisation verlässt sie Beiersdorf im Februar nach 19 Jahren – der perfekte Anlass, sich gänzlich neuen Herausforderungen zu stellen. Es zieht sie stark in Richtung Vorstand oder Aufsichtsrat.
Da passt der dafür maßgeschneiderte Lehrgang „Zukunft. Frauen“, den sie zurzeit besucht, ausgezeichnet ins Konzept: „Er macht mir möglich, mich neuen Firmen vorzustellen und weiter zu vernetzen.“ Über ein halbes Jahr verteilt lernt sie alles über Themen wie Jahresabschluss, Interne Organisation oder Informationspflicht.
Mit weiblichem Fokus, versteht sich: „Für mich gibt es einen besseren Begriff als die gläserne Decke: das gläserne Sieb. Weil manche Frauen eben doch durchkommen. Und ich will dazu beitragen, dass die Löcher im Sieb größer werden.“

 

Auf einen Blick

„Zukunft. Frauen“: Das Führungskräfteprogramm hat das Ziel, qualifizierte Frauen in Management- und Aufsichtsratspositionen oder in der Selbstständigkeit zu etablieren, zu vernetzen und in der Öffentlichkeit präsent zu machen. Gleichzeitig soll Signalwirkung erzeugt und sollen Frauen motiviert werden, sich für solche gehobenen Positionen zu bewerben.
Entwickelt wurde „Zukunft. Frauen“ nach norwegischem Vorbild vom Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft (BMWFW), der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) und der Industriellenvereinigung (IV).
Es besteht aus acht halbtägigen Themenblöcken und Kamingesprächen mit Experten. Im Februar beginnt der zwölfte Durchgang, im September der 13. Zugangsvoraussetzungen sind mindestens fünf Jahre Führungserfahrung, Branchen- und Fachwissen, starke Vernetzung und ein für die nächsten beiden Jahre angestrebter Karriereschritt. Bewerbungen für September sind bereits möglich.
www.zukunft-frauen.at

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