Wer fragt, kommt weit

Management im Kopf: Folge 36. Komplexität meistern. Über den klassischen Wettkampf höherer und geringerer Intelligenz.

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Eine Orientierungshilfe für gute Aussichten. In ihrer Kolumne „Management im Kopf“ führt Maria Pruckner in die System Sciences als wichtigste Leitwissenschaft für das Problemlösen und Managen im 21. Jahrhundert ein.

Wandel muss sein. So werden im Management laufend neue Buzzwords en vogue. Disruption, Agility, Diversity, Viability, Resilienz und Achtsamkeit zum Beispiel. Sie alle sind quasi Blümchen von den Weideflächen der Systemwissenschaften. Dort stehen sie für die Fähigkeiten komplexer Systeme, die sich entwickeln, wenn man ihre Wurzeln professionell behandelt, d.h. ihre naturgegebene Bau- und gesetzmäßige Funktionsweise. Doch diese Blümchen werden gerne unbedarft gepflückt und damit von ihren Wurzeln gekappt. So, entsteht leider kein Wachstum. Die abgerissenen Blümchen welken dahin, und werden alsbald durch neue ersetzt. Diesmal am Beispiel der Pflanzenwelt: über den klassischen Wettkampf zwischen höherer und geringerer Intelligenz.

Schulbuben-Mentalität

Ein Aufsichtsrat bietet einem hochkompetenten Menschen eine CEO-Position an. Interessiert stellt er viele professionelle Fragen über das zu führende Unternehmen, und fällt durch. Wer so viel frage, sei unfähig, meint man im Aufsichtsrat. Sorry. Schon mal von den Philosophen der Antike gehört? Schon sie wussten es besser.

Management-Moden?

Agilität, Diversität, Viabilität, Resilienz, Achtsamkeit, Nachhaltigkeit, usw. sind nötige Eigenschaften von Menschen, Unternehmen, Institutionen und künstlichen Intelligenzen, um komplex-dynamische Situationen zu meistern. Wie sie entstehen und erhalten bleiben, klärte man in der Kybernetik anhand spezieller Fragen.

Wann wird Intelligenz Mode?

Ein Überbegriff für die vorhin genannten Charakteristika ist Intelligenz. Damit meint man vor allem hohe Konzentrations-, Lern- und Problemlösungsfähigkeit, also ein überdurchschnittlich gutes Gedächtnis und die Fähigkeit, viele unterschiedliche, situationsadäquate Verhaltensweisen an den Tag legen zu können.

Wenn andere besser sind

Disruption ist abhängig von Intelligenz. Anbieter, die radikal neue Lösungen bringen, welche jene anderer Lieferanten obsolet machen, verfügen über höhere Intelligenz. Jene, die ihretwegen vom Markt gefegt werden, über geringere. Welche von beiden Seiten hat wohl die besseren Fragen gestellt?

Intelligente Systeme

Wie hier schon öfter skizziert, geht es in der Kybernetik im Grunde um zwei Fragen: Wodurch werden Systeme extrem lebens- und leistungsfähig? Wodurch schwach und kaputt? Die Erkenntnisse zu diesen Fragen klingen nicht so sexy wie die Buzzwords des Mainstreams. Aber dafür funktionieren sie verlässlich.

Worauf achtest du?

„Hunderten Externen ist bei uns nicht gelungen, was du in drei Tagen geschafft hast.“ So etwas hört jeder gerne. Aber am liebsten höre ich die Frage, die vom Auftraggeber gleich danach kam: „Worauf achtest du?“ Denn mit Achtsamkeit allein ist es nicht getan. Es kommt vor allem darauf an, worauf man achtet.

Altes und neues Denken

Beim veralteten Denken liegt die Aufmerksamkeit auf den sinnlich wahrnehmbaren Vorgängen. Als Anwender der Systemwissenschaften legt man den Fokus auf das Darunter bzw. Dahinter, also quasi auf die versteckten Wurzeln, und man bewertet vollkommen andere Dinge mit vollkommen anderen Maßstäben.

Wie Neues nichts nützt

Als etwa die Kartoffel nach Europa kam, wussten nur wenige, dass man ihre Knollen isst. Herum sprach sich nur, dass sie exotisch und modern sei. Viele aßen die giftigen grünen Blätter, so wie beim bekannten Kraut oder Kohl, und wurden krank. Für andere war die Kartoffel eine Zierpflanze, manche steckten ihre Blüten ins Haar.

Wer hätte das gedacht?

Wären Sie auf die Idee gekommen, nach Pflanzen zu suchen, die in so hohen Mengen Metalle aus dem Boden anreichern, dass sie sich für die Metallgewinnung und Entseuchung von Böden eignen? Das klingt so unglaublich wie das Gewinnen von Granit aus Kuhmilch. Ist das eine verrückte Idee?

Lohnt sich das?

Phytomining und -sanierung nennt man die eben erwähnte Entdeckung von Biologen. Mehr als 40 Jahre ist sie heute alt. Doch erst seit wenigen Jahren wird ernsthaft, aber immer noch zu wenig, in die Forschung investiert. Lohnt es sich, diese Phänomene für wirtschaftliche und ökologische Zwecke zu nutzen?

Disruption by Nature

Auf den Äckern albanischer Bauern wächst zum Beispiel nur Mauer-Steinkraut. Lange für Unkraut gehalten, kultivieren sie es heute für die Nickelgewinnung, schaffen sich so eine neue Lebensgrundlage und entgiften ihre Böden. Irgendwann wird daher kein Mauer-Steinkraut mehr wachsen, sondern Getreide, Gemüse und Futter.

Fairness by Nature

Das Beste an der ganzen Sache ist: Phytomining und -sanierung funktionieren am besten in den ärmsten Gegenden. Dort wo nur metallbindende Pflanzen wachsen, und sonst nichts. Die Umwelt sanieren, eine Basis für mehr und besseres Leben schaffen und damit Geld verdienen. Sind das gute Aussichten?

Economy by Nature

Der Metallabbau aus den Pflanzen geschieht durch Trocknen, Verbrennen und Herauslösen aus der Asche. Die Verbrennungsenergie könnte man für den Maschinenantrieb der Metallgewinnung verwenden. Alan Baker, der Entdecker, stieß in der Forschung jedoch lange auf nur Unglauben. Forschungsgeld bekam er keines.

Abhängigkeiten

Nur in Rufus Chaney, Beamter einer USA-Umweltbehörde, fand Baker Unterstützung. Sie gründeten eine Forschungsgruppe und fanden einen Investor. Dieser finanzierte das Projekt eine Weile, verlor dann aber das Interesse. Die Patente der Metallgewinnung gehörten leider ihm, das blockierte die Entwicklung zwanzig Jahre.

Ergebnisorientierung

Der Metallgewinn aus dem Gebirgs-Hellerkraut, das Baker entdeckt hatte, kam wohl nicht schnell genug. Investoren wollen Ergebnisse. Wie sie erzielt werden, ist den meisten egal. Mit seiner Ergebnisorientierung meinte Peter F. Drucker jedoch, man solle Ausführenden Strategien nicht aufzwingen, nicht, dass sie egal sind.

Passende Strategien - passende Ergebnisse

Wo nur die Ergebnisse interessieren, nicht aber der Weg, sie zu erzielen, lernt man nichts, bleibt man hinten. Denn gewünschte Ergebnisse aus und in komplexen Systemen entstehen nur über ganz bestimmte Strategien. Das ist mit Disruption, Agility, Viability, Diversity, Resilienz, Achtsamkeit ebenso wie mit Phytomining.

Keine Enttäuschungen?

Fundamental neue Erkenntnisse zerstören, was man bislang geglaubt hat. Sie zerstören Täuschungen, bedeuten Enttäuschungen. Nur intelligente Menschen lassen sich gerne durcheinanderbringen, weil sie wissen, dass sie so neue Wege finden. Wer lieber sein eigenes Denken und Wissen bestätigt sieht, kommt nicht weit.

Leicht zu übersehen

Entdeckt hat Alan Baker das Gebirgs-Hellerkraut auf dem Brachland eines stillgelegten Bleibergwerks, an den kargsten Stellen, die am stärksten mit Schwermetallen belastet waren. Nichts sonst wuchs dort, nicht das kleinste Gräschen. Seine Entdeckung beruhte auf einer ganz einfachen Frage: Was macht diese Pflanze hier?

Die entscheidende Frage

Wie kommt es, dass bei allen Möglichkeiten, die man sich vorstellen kann, ausgerechnet das passiert, was passiert und nichts anderes? Mit dieser einfachen Frage beginnt angewandte Kybernetik, mit ihr geht man zu den Wurzeln. So beginnt jede intelligente Lösung, wenn nicht der glückliche Zufall im Spiel ist.

Achtsamkeit für gute Aussichten

Achtsamkeit für irgendwas kann nicht nur sehend, es kann auch blind machen. Erst kluge Fragen lenken die Aufmerksamkeit auf großartige Möglichkeiten. Sie steuern, wofür man achtsam ist. Sie steuern, was man daher erkennt, entdeckt und gewinnt. Kluge Fragen sind es, mit denen man zu guten Aussichten steuert.

 

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche kybernetische System-Modelle und Denkwerkzeuge für den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens in Wien stattet und bildet sie Führungskräfte sowie interne und externe Experten aus, die in Unternehmen und Institutionen komplexe Situationen professionell meistern müssen.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?
Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner.
Sie wird darauf eingehen.

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