Stellvertreter: Ohne zweite Geige klingt es nicht

Personal. Stellvertreter zu sein, ist eine unterschätzte Aufgabe: Wer wirksam werden will, braucht viel Geschick. Denn Stellvertreter können nicht auf die Machtkarte setzen.

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Rocketdrive/Marin Goleminov

Die erste Geige im Team, der Abteilung oder im Unternehmen zu spielen, das möchten viele Mitarbeiter. Was viele übersehen, ist, dass auch die zweite Geige, die Rolle des Stellvertreters, bedeutend ist: um zu lernen, aber auch, um zu steuern.
Die erste Verantwortung dafür, dass Stellvertretung gelingen kann, hat der Chef. „Er sucht sich einen Stellvertreter, der möglichst unterschiedlich von ihm selbst ist“, sagt Christian Sauer, Journalist, Trainer und Coach, der mit seinem Buch „Stellvertreter – Erfolgreich führen aus der zweiten Reihe“ eine praxisnahe Anleitung liefert. Ist der Chef jung, wählt er einen älteren Stellvertreter, ein Mann wählt eine Frau, ist der Chef eher Fachexperte, wählt er ein Organisationstalent.
Die Auswahl ist wichtig, denn sie ist rechtlich relevant und für den Stellvertreter selbst bringt die Position viele Vorteile: neben dem Renommee einfacheren Zugang zu Informationen, mehr Einfluss und Teilhabe an der Führung. Aber auch Nachteile: mehr Verantwortung, mehr Stress, Sonderstellung im Team (als Klagemauer), Abhängigkeit vom Chef und wenig Sichtbarkeit nach außen.

Loyal, aber eigenständig

Welche Rolle der Stellvertreter einnehmen soll, zeigt Sauer mit dem „Spielmacher-Modell“, in dem es vier Rollen gibt: den Spielmacher, der die Richtung vorgibt. Den Gegenspieler, der als Kritiker Qualität garantiert. Den Zuschauer, der als Beobachter den Überblick behält, und den Mitspieler, der für das Ergebnis sorgt. Und in letzterer Rolle ist meist auch der Stellvertreter zu Hause: als natürlicher, aber starker und eigenständiger Mitspieler des Chefs. Er ist loyal, redet dem Chef nicht bloß nach dem Mund.
Für Stellvertreter gilt es, nicht in eine der vielen Fallen zu tappen: einerseits in Opposition zum Chef zu gehen, ihm andererseits immer Recht zu geben. Ebenso wenig als Klassensprecher Wortführer der Mitarbeiter zu sein wie im Befehlston zu kommandieren.
Führen aus der zweiten Reihe heißt vor allem eines: nicht auf die Machtkarte zu setzen. Das heißt, Provokationen anzusprechen, zurückzuweisen und als Erster wieder zur Sache zurückzukehren. V-Modus nennt Sauer das: verhandeln, Verständigung suchen und Dinge sachlich klären, Positionen beziehen und halten.
So gesehen ist Stellvertreter zu sein eine gute Schule. Denn die Mittel, die zur Verfügung stehen, sind schwach: Gespräche führen, gut organisieren, vorausdenken, die Menschen wahrnehmen.

Prinz-Charles-Effekt

Doch der Stellvertreter kann auch Opfer des „Prinz-Charles-Effekts“ werden: wenn er nicht mehr zweite Geige spielt, sondern als „ewiger Zweiter“ ohne Aufstiegschance gesehen wird. Das sei der Moment, sagt Sauer im Gespräch mit der „Presse“, „wenn man beginnt, den Chef öffentlich zu kritisieren und grundsatzkritisch zu werden.“ Sobald der Chef das merkt, ist er gefragt, aktiv zu werden. Denn ohne zweite Geige klingt es nicht.

Übrigens: Christian Sauer gibt (angehenden) Stellvertretern im Buch "Der Stellvertreter", Hanser Verlag, 184 Seiten, 30,90 €, sieben Tipps, damit sie ihre Aufgabe erfolgreich lösen können:

► Auftrag klären. Was will der Chef, was erwartet das Team, und welche Rolle möchte der Stellvertreter selbst einnehmen?
► Diplomatie gefragt. Gute Stellvertreter vermitteln Interessen und Anliegen zwischen Chef und Team.
► Chef steuert. Seine Leitungsrolle ist zu respektieren.
► Abstand zum Team. Kuschelkurs verschafft keinen Respekt.
► Eigene Bereiche. Stellvertreter sollten bestimmte Planungsaufgaben und Prozesse steuern.
► Profil schärfen. Stellvertreter dürfen auch abweichende Meinungen haben.
► Kommunizieren. Auch für Stellvertreter ist das Gespräch das wichtigste Führungsinstrument.

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