Jedem sein Paradigma?

Management im Kopf: Folge 41. Komplexität meistern. Was Manager, die intelligent und wirtschaftlich führen wollen, unbedingt über Paradigmata wissen sollten.

Schließen
Pixabay

Eine Orientierungshilfe für gute Aussichten. In ihrer Kolumne „Management im Kopf“ führt Maria Pruckner in die System Sciences als wichtigste Leitwissenschaft für das Problemlösen und Managen im 21. Jahrhundert ein.

Komplexes kann man nicht managen, es managt sich selbst - allerdings nicht immer so, wie man es gerne gehabt hätte. Immer wieder kommt etwas anders, als man dachte. Oder es passiert trotz vieler Anstrengungen gar nichts. „Die großen Begebenheiten der Welt werden nicht gemacht, sondern sie finden sich.“ So erklärt Georg Christoph Lichtenberg das Phänomen der Eigendynamik in einfachen Worten. Dem großen Aufklärer verdanken wir unter anderem auch jenen wichtigen Begriff, der seit Jahrzehnten durchs Management geistert: Paradigma. Wer sich für Management-Konzepte interessiert, sollte wissen, was damit gemeint ist. Denn das bleibt meist im Dunklen, und macht so manches komplizierter und teurer statt einfacher und günstiger.

Paradigma – ein Denkmodell

Der lateinische Begriff Paradigma stammt ursprünglich vom griechischen parádeigma ab, er bedeutet so viel wie Beispiel. Das Zeitwort dazu ist paradeiknýnai und bedeutet vorzeigen, sehen. Seit Lichtenberg bezieht sich das Wort Paradigma auf eine grundsätzliche(!) Denkweise, man könnte sagen, auf ein bestimmtes Denk-Modell.

Das Paradigma in der Wissenschaft

Achtung: In der Linguistik und Literaturwissenschaft hat der Begriff Paradigma andere Bedeutungen, die für unser Thema keine Rolle spielen. In der Wissenschaft allgemein meint damit auf jeden Fall eine grundlegende(!) wissenschaftliche Denkweise, Weltanschauung oder Lehrmeinung, also eine bestimmte Denk-Schule.

Konfliktreiche Diskussionen

In der wissenschaftlichen Literatur findet man über den Begriff Paradigma konfliktreiche Diskussionen über die verschiedensten Definitionen des Begriffs. Für die erfolgreiche Management-Praxis muss es nicht ganz so diffizil sein. Hier reicht für die besten Lösungen schon eine der gängigsten Definitionen von Thomas S. Kuhn.

Ein wissenschaftliches Paradigma

Kuhn, ein amerikanischer Wissenschaftstheoretiker, umfasste mit einem wissenschaftlichen Paradigma das Folgende: a) Das, was beobachtet und überprüft werden soll. b) Den Inhalt und die Art der Fragen, die formuliert und gelöst werden sollen. c) Wie Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen interpretiert werden müssen.  

Paradigma – eine Strategie für Vieles

Das wichtigste Charakteristikum eines Paradigmas liegt meines Erachtens in einem allgemein oder zumindest von vielen Wissenschaftlern mitgetragenen Konsens über generell gültige Prämissen und Strategien, die für viele unterschiedliche Frage- und Problemstellungen einen erfolgreichen Lösungsweg vorzeichnen.

Herangehensweise, Ansatz oder Approach

Wissenschaftliche Paradigmata stehen also für präzise definierte Herangehensweisen an zu lösende Aufgaben und Probleme. Es handelt sich um ganze Komplexe von theoretischen Vorannahmen, Prinzipien, Modellen, Fragestellungen und Methoden, die so lange angewendet werden, bis man noch wirksamere Strategien findet.

Das mechanistische Paradigma

Bevor im 20. Jahrhundert das systemwissenschaftliche Paradigma entstand, galt in der Wissenschaft lange Zeit das sogenannte mechanistische Paradigma. Damals ging man davon aus, dass nur Materie existiert, diese nur auf äußere Einflüsse reagieren kann und dass bei gleichem Input jeweils der gleiche Output zu erwarten ist.

Von Uhrwerken und Zahnrädchen

Das Ideal-Modell des mechanistischen Paradigmas war das mechanische Uhrwerk. Typisch für diese Denkschule war die These des Struktur-Determinismus: Alles, was passiert, lässt sich anhand der materiellen Beschaffenheit und Bauweise erklären. Die Struktur bestimmt das Geschehen. Die Ursache bestimmt die Wirkung, dachte man.

Alles lässt sich berechnen, dachte man…

Mit dem mechanistischen Paradigma geht die These einher, die gesamte Wirklichkeit werde durch die Naturgesetze der Materie bestimmt. Seien diese exakt erforscht und kenne man darüber hinaus alles über einen Momentan-Zustand der Welt, könne man davon alle anderen Zustände der Zukunft exakt ableiten.

Paradigmenwechsel durch das Phänomen Energie

Die Vorstellung von Energie ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts bedeutete das Ende des mechanistischen Paradigmas. Mit Albert Einstein kam es zur Überzeugung, dass Materie und Energie dasselbe sind. Nun begann man, alles Geschehen im Universum auf  energetische Vorgänge zurückzuführen: ein Paradigmenwechsel.

Wirkgruppen und Gruppenwirkungen

Mit den Zusammenhängen von Materie und Energie wurde das einfache Ursache-Wirkungs-Prinzip ungültig. Weil im subatomaren Bereich keine einzelne Teilchen, sondern nur noch ganze Gruppen von ihnen erfasst werden können, war ab Max Planck keine Rede mehr von Einzel- sondern nur noch von Gruppenwirkungen.

Von Teilchen-Gruppen zu Systemen

Während man sich von monokausalen Erklärungen durch physikalische Naturgesetze für alles Materielle nichts mehr versprach, geriet mit den Gruppen-Wirkungen eine andere Art des Geregelt-Seins vieler Phänomene in den Fokus der Aufmerksamkeit: die Gesetzmäßigkeiten der Steuerung und Regulierung von Systemen.

Das systemwissenschaftliche Paradigma

Stark beeinflusst von den Erkenntnissen der Quantenphysik begann man nach Ordnungs-Mustern der Natur zu suchen, mit welchen man die vielen anspruchsvolleren Vorgänge in der Welt erklären konnte, die sich nicht eindeutig auf eine einzige Ursache zurückführen ließen. Das war die Geburtsstunde des Systemdenkens.

Eigendynamisches Funktionieren

Um 1950 herum entstanden mit der Kybernetik die Einsichten in die Selbststeuerung und Selbstregulierung in komplexen Systemen – in ihre eigendynamischen Antriebe. Man fand heraus, dass die Wesentlichen davon in lebenden und menschlichen Systemen, aber auch in Maschinen, nach denselben Mustern ablaufen.

Paradigmenwechsel durch das Phänomen Information

Etwa zur selben Zeit entstand die Allgemeine Systemtheorie von Ludwig von Bertalanffy. Das Markanteste der Kybernetik und seiner Theorie: Neben Materie und Energie wird mit Information nun eine dritte Grundgröße hinzugezogen. Als Ideal-Modell gilt statt der Maschine ein lebender Organismus mit seiner Eigendynamik.

Wirkmuster von Veränderungen

Mit Information meint man in den Systemwissenschaften allerdings nicht jede Art von Signal, Datum oder Botschaft, sondern alle Arten von Informationseinheiten, die Unterschiede darstellen, die Veränderungen auslösen können. Wirkmuster – wie etwas wirkt, stehen seither im Vordergrund, nicht mehr, warum etwas wirkt.

Gesetzmäßigkeiten

Dank der Systemwissenschaften, zu denen u.a. auch Jay W. Forresters Lehre der System Dynamics, die Chaostheorie und Chaosforschung gehören, kennen wir heute viele universelle Gesetzmäßigkeiten des Funktionierens von Systemen an sich, von bestimmten Systemarten und bei bestimmten Systemzuständen.

Die Basis für Wirtschaftlichkeit

Das systemwissenschaftliche Paradigma steht für allgemein bewährtes Wissen, was wie gelingen kann und wie nicht, was man sich ersparen kann und was sich lohnt, um rasch die besten Lösungen zu finden. Man erspart sich also viel, wenn man weiß, ob Management-Ideen auf einem veralteten oder aktuellen Paradigma basieren.

Jedem sein Paradigma?

Mancher Manager legt Wert auf sein eigenes „Paradigma“, meint damit aber meist keine wissenschaftliche Lehrmeinung, sondern seine persönliche Denkweise, mit der er seine privaten Meinungen entwickelt. Das ist erlaubt. Die Frage ist bloß, ob sie Vorteile bringt, die mit wissenschaftlichen Paradigmata mithalten können.

Die Quelle der Wissenschaftstheorie

Die meisten Denkmuster in unserer Gesellschaft sind eine Art Cocktail von veralteten und aktuellen Paradigmata. Die Folgen sind Verwirrung, Frust und Zweifel an der Wissenschaft selbst. Hier hilft es, sich ausreichend über die Wissenschaftstheorie – die Wissenschaft über Wissenschaft – schlau zu machen.

Wie man sich ein Paradigma aneignet

Um auf dem Surfbrett eines bewährten Paradigmas flott und zielgerichtet dahinzureiten, muss man es absolut genau nehmen. Ein bisschen davon genügt nie. Denn dann passiert, wovor Georg Christoph Lichtenberg so köstlich gewarnt hat: Wer einen Engel sucht und nur auf die Flügel schaut, könnte eine Gans nach Hause bringen…

 

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche kybernetische System-Modelle und Denkwerkzeuge für den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens in Wien stattet und bildet sie Führungskräfte sowie interne und externe Experten aus, die in Unternehmen und Institutionen komplexe Situationen professionell meistern müssen.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?
Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner.
Sie wird darauf eingehen.

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Meistgekauft
      Kommentar zu Artikel:

      Jedem sein Paradigma?

      Schließen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.