Denen das Gehirn glüht

Hochsensible. 15 bis 20 Prozent aller Menschen können unwichtige Außenreize nicht einfach ausblenden. Sie müssen jeden einzeln verarbeiten. Das führt leicht zu Überlastung.

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Hochsensible bürden sich gewaltige Arbeitsmengen auf – bis zur totalen Überhitzung ihres Systems. – Pixabay

Sie sind gar nicht so schwer zu erkennen. Hochsensible (HSP, Highly Sensitive Persons) lieben die Ordnung, auf ihrem Schreibtisch hat alles seinen Platz. Sie mögen fixe Prozesse und halten sie gewissenhaft ein. Sie haben einen Sinn fürs Detail, auch unwesentliche Kleinigkeiten merken sie sich erstaunlich gut. Ihr Gerechtigkeitssinn und ihre hohen Werte sind sprichwörtlich. Dazu kommt ein gewaltiges Pflichtbewusstsein, aufgrund dessen sie sich gewaltige Arbeitsmengen aufbürden. Mehr als andere brauchen Hochsensible ein harmonisches Arbeitsumfeld. Unvorhergesehenes bringt sie aus der Fassung, Unsicherheit und Chaos rauben ihnen den Schlaf.

Für den deutschen Psychotherapeuten Rolf Sellin ist jeder fünfte bis sechste Mensch den Hochsensiblen zuzurechnen. Sie tragen eine schwere Bürde: Ihr Gehirn ist nicht in der Lage, unwichtige Außenreize einfach wegzufiltern, sondern verarbeitet einen nach dem anderen – bis zur totalen Überlastung, wenn es buchstäblich glüht. Es wundert nicht, dass viele Burn-out-Patienten hochsensibel sind.

Sehnsucht nach dem Mutterleib

Hochsensiblen haftet oft etwas Weiches, Kindliches an. Ihre empfindliche Haut hüllen sie in kuschelige Materialien, ihre Arbeitsplätze richten sie sich höhlenartig-geborgen ein. Psychologen wissen warum: Ihr „inneres Kind“ ist ein „inneres Baby“.
Das Konzept des „inneren Kindes“ steht in der Psychologie für die in der Kindheit gespeicherten Gefühle, Erinnerungen und Erfahrungen. Kinder wollen spielen, toben, lernen, wachsen. Nicht so Babys: Sie brauchen nichts davon, sondern Wärme, Schutz, Nahrung und Liebe, rund um die Uhr, sonst überleben sie nicht. Mangelt es an einem davon, erleiden sie buchstäblich Todesängste.

Auch Jahrzehnte später bedeutet ein „Übersehenwerden“ für Hochsensible noch immer Lebensgefahr. Diesem erschreckenden Gefühl entgehen sie nur, wenn man ihnen genug Aufmerksamkeit und Beachtung schenkt.

Keine Rücksicht auf Verluste

Ihrem hohen Ethos entsprechend wollen sie das durch Leistung erringen. Ohne Wimpernzucken arbeiten sie länger und härter als ihre Kollegen, ignorieren dabei aber völlig ihre spezielle Gehirndisposition und die Grenzen ihres Körpers. Typische Vorzeichen einer „Überhitzung“ sind Entzündungen von Haut, Gelenken und Magen-Darm-Trakt. Migränepatienten sind sie sowieso.

Die Einsicht mag hart sein: Hochsensible werden keine toughen Manager, egal wie sehr sie danach streben. Im ersten Schritt müssen sie ihre Besonderheit anerkennen und ihr Leben darauf abstimmen: viel Ruhe, Schlafpausen zwischendurch (die ihnen übrigens geniale Ideen bescheren), häufiges Essen und Trinken (Ähnlichkeiten mit dem Rhythmus eines Babys sind kein Zufall) und minimierte Außenreize (ruhiges Einzelbüro).

Im nächsten Schritt müssen sie die gängigen Karrierekonzepte loslassen. Statt sich auf der Jagd nach Statussymbolen aufzureiben („mein Haus, mein Pool, mein Auto“) rät ihnen Autor und HSP-Coach Luca Rohleder (alias Dieter L. Schmich) zu einem bescheidenen, aber freien und unabhängigen Leben.

Selbstständigkeit light

Das trifft sich gut, denn HPS machen es ihren Chefs nicht eben leicht (Stichworte Perfektionsanspruch und Beachtungswunsch). Weil sie aber ein intuitiv gutes Gespür für Menschen haben, finden sie Erfüllung in einer überschaubaren Selbstständigkeit, in der sie auf andere eingehen können: als Berater, Verkäufer, Vortragende, Seminarleiter oder Künstler. Nicht in der Pflege: Die ist zu stressig.

 

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Luca Rohleder
Die Berufung für Hochsensible
Dielus Edition
216 Seiten
22,99 €

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