Spannungen machen es erst richtig spannend

Holacracy. Freitag, für Taschen aus Lkw-Planen bekannt, setzt auf ein neues „Betriebssystem“.

Bei Freitag: Krawatte tragen die Mitarbeiter meist nur freitags, die neuen Spielregeln halten sie die ganze Woche ein.
Schließen
Bei Freitag: Krawatte tragen die Mitarbeiter meist nur freitags, die neuen Spielregeln halten sie die ganze Woche ein.
Bei Freitag: Krawatte tragen die Mitarbeiter meist nur freitags, die neuen Spielregeln halten sie die ganze Woche ein. – (c) Peter Hauser

Die Lust am Unkonventionellen ist Daniel Freitag und seinem Bruder Markus nicht abzusprechen. Wie sonst kommt man auf die Idee, aus alten Lkw-Planen Taschen herzustellen. Ihre jüngste Idee ist der Non-Casual-Friday. Das bedeutet Krawattenpflicht an Freitagen – wie auf dem Bild zu sehen ist. Das ist eher ein Werbeschmäh.

Ernst ist es Daniel Freitag (er verweigert auch freitags die Krawatte) hingegen damit, das Unternehmen mit Sitz in Zürich neu und vollkommen anders zu organisieren. „Holacracy“ heißt das neue „Betriebssystem“, das darauf abzielt, die Arbeit zu organisieren und nicht die Menschen, die diese Arbeit ausführen. „In dynamischen Umfeldern sind dynamische Systeme das richtige Rezept“, sagt Freitag.

Die Umstellung, die das Unternehmen vor rund einem Jahr u. a. mit Unterstützung der Wiener Beratungsagentur Dwarfs and Giants in Angriff nahm, kam nicht überraschend. Immer wieder hatten die Freitag-Brüder experimentiert und probiert. Es war, wie Freitag sagt, „eine stufenweise Annäherung an agile Methoden“.

Schon vor längerer Zeit wurde das Organigramm begraben, denn es half nicht mehr: „Es gibt so viel mehr Netzwerk und Interaktion“, sagt Freitag – das werde in einem Organigramm nicht sichtbar. Stattdessen wurde ein Stadtplan der Firma gezeichnet – jedes Haus auf dem Plan wurde mit seinen speziellen Angeboten abgebildet.

Außerdem hatten die Freitag-Brüder keine rechte Freude daran, die CEO-Rolle zu übernehmen: Sie wollten lieber strategisch und kreativ arbeiten. Gleichzeitig registrierten sie ein gewisses Vakuum an Klarheit im Unternehmen. Sie wollten die Verantwortung aufteilen und doch kamen „immer wieder die usual old player zum Zug“. Also entschieden sie sich, ihren Mitarbeitern den Umstieg auf Holacracy zu empfehlen. Die Mitarbeiter ließen sich darauf ein: Seit November wird im neuen System gearbeitet.

Das bedeutet den Abschied von der pyramidenförmigen Hierarchie. Jeder Mitarbeiter übernimmt vielmehr eine oder mehrere Rollen. Jede Rolle richtet sich am Zweck des Unternehmens aus. Verschiedene Rollen, die notwendig sind, um Aufgaben zu erfüllen, werden in Kreisen zusammengefasst, die sich weitgehend selbst organisieren. Handlungs- und Entscheidungsmacht wird nach dem Prinzip verteilt, dass dort entschieden wird, wo umgesetzt wird. Was daraus resultiert, ist eine Hierarchie der Kreise.

Nicht unter den Teppich kehren

Das Schlüsselwort innerhalb der Kreise heißt „Spannung“ – das Wort „Problem“ wird wohl bewusst vermieden. Spannungen sind die wahrgenommene Differenz zwischen dem Stand der Dinge und den Möglichkeiten, die es auszuschöpfen gilt. Diese Spannungen sollen nicht verheimlicht werden, sondern werden in Vorschlägen nach genauen Spielregeln bearbeitet und münden später in der Integration.

Früher, sagt Freitag, seien Meetings für viele Mitarbeiter stressig gewesen: „Es gab permanente Anspannung, den richtigen Moment zu finden, wann ich mich zu Wort melden soll.“ Jetzt liefen die Meetings entspannter ab, dank des Vertrauens in kollektive Prozesse. „Früher musste jeder zeigen, dass er es besser weiß. Jetzt hilft man sich gegenseitig, die beste Lösung zu finden.“

Kein Heilsversprechen

Für die Mitarbeiter heißt das, Verantwortung für das eigene Handeln und die Konsequenzen zu übernehmen. Beim Online-Schuhhändler Zappos, der Holacracy 2013 einführte, wollten oder konnten rund 15 Prozent der Mitarbeiter damit nicht – sie gingen oder wurden gekündigt.

Auch Freitag spürte bei einigen Mitarbeitern deutliche Skepsis, „vor allem bei jenen, für die Hierarchie wichtig war“. Mit den ersten Erfolgserlebnissen aber fielen die Widerstände. Schließlich ist Holacracy kein Selbstläufer, die Spielregeln müssen erst gelernt werden – und das braucht seine Zeit.

Und Freitag ist bewusst: Holacracy ist nicht das neue Heilsversprechen – doch für den Moment das Beste, das er finden konnte.

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Meistgekauft
      Kommentar zu Artikel:

      Spannungen machen es erst richtig spannend

      Schließen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.