„Wien fehlt nichts – außer dem Meer“

Porträt. Eine Hotelkarriere bestehe aus drei Akten, sagt Christian Zandonella, der neue General Manager des Ritz-Carlton in Wien. Auch für danach fällt ihm etwas ein.

Christian Zandonella, Ritz-Carlton
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Christian Zandonella, Ritz-Carlton
Christian Zandonella, Ritz-Carlton – Ritz-Carlton

Am Schubertring residiert ein neuer Generaldirektor: Seit Anfang Februar leitet der gebürtige Meraner Christian Zandonella (39) das Ritz-Carlton. Nach den so branchentypischen Wanderjahren will er nun mit seiner Familie in Wien sesshaft werden. Eine Art Heimkehr, im weitesten Sinn: Seine Südtiroler Mutter hatte neun Geschwister, erzählt er, von denen und allen deren Kindern war er der Einzige, der weiter als bis Deutschland kam.

In den 1980er-Jahren wanderten Zandonellas Eltern nach München aus und eröffneten eine Eisdiele. Die hätte der Sohn übernehmen sollen, aber es zog ihn weiter. Schon bald nach der einschlägigen Ausbildung zum Hotelfachmann leitete er das Restaurant im Ritz-Carlton in Cancun, Mexiko. „Mein Werdegang besteht aus drei Akten“, sagt er. Erster Akt: die Ausbildung. „Mein Handwerk habe ich in Deutschland gelernt. Technisch und grundsolide.“

Kommando über eine "kleine Armee"

Zweiter Akt: die Wanderjahre. Sie führten ihn, in chronologischer Reihenfolge, nach Mallorca, Cancun, New York, die Cayman Islands, Barcelona, Capri, Berlin („Das Adlon, das war großes Kino“), Toronto und Bahrain. 700 Mitarbeiter hatte er zuletzt unter sich, bei 276 Zimmern hierzulande unvorstellbar: „Eine kleine Armee.“
Das Reisen genoss er in vollen Zügen. Zu jedem Ort der Welt fallen ihm Geschichten ein: „In Dubai wollte ich mal einen Kilometer zu Fuß zur Mall gehen. Ich wäre fast überfahren worden. Dort gibt es nur achtspurige Autobahnen.“

Oder New York, das immer sein Traum gewesen war. Heute ist er ernüchtert: „Eine Katastrophe: umständlich, kompliziert und unglaublich teuer. Außer man zahlt gern 3500 Dollar für 20 m2.“
Toronto wiederum beeindruckte ihn mit offenen Menschen und vielen Nationalitäten, die problemlos nebeneinander leben: „Dort geht alles. ,Das kann man nicht machen‘ gibt es dort nicht.“ Ein wenig wünsche er sich diese Einstellung auch in Wien: „Wien hat so tiefe Wurzeln, das wirft so leicht kein Sturm um. Mit solchen Wurzeln kann man sich ruhig mehr trauen.“

Sehnsucht nach Sesshaftigkeit

Zandonellas Wanderjahre waren gut. Doch spätestens mit der Geburt seines heute fünfjährigen Sohnes begann er sich danach zu sehnen, „mit Kaffee und Käsekuchen langweilig auf der Terrasse zu sitzen und Zeitung zu lesen“.

Dem „unbegründeten Wechselwahn“ in der Hotellerie steht er heute nicht mehr kritiklos gegenüber. Alle drei Jahre verlasse man unaufgefordert das Land, sinniert er: „Gibt es eine Position hier nicht, in China aber schon, geht man halt nach China. Weil ein Gast ist ein Gast, da wie dort.“

Seine Frau sei mit diesem Expat-Leben nicht immer gut zurechtgekommen: „Manche Frauen gehen darin auf: Women's Club, gemeinsam zum Friseur, gemeinsam ins Fitnessstudio. Das muss man wollen.“ Seine Frau vermisste die Stabilität: „Bei neuen Freundschaften kann man die Sanduhr umdrehen, wie lang sie halten. In Bahrain sind nahezu gleichzeitig fünf befreundete Paare abgereist. Wir mussten ganz von vorn anfangen.“ Das sei vor allem für Kinder besonders schwer.
Dann kam – endlich! – der Ruf nach Wien. „Es gibt Orte, die wecken Sehnsucht. Barcelona ist so ein Ort. Und Wien. Das Einzige, was Wien fehlt, ist das Meer.“

Mit allem anderen lebe er wunderbar. Vielleicht abgesehen von den Behördenwegen: „Um meinen Führerschein umzuschreiben, muss ich selbst aufs Amt. In Bahrain hätte ich jemanden geschickt.“

Ein kleines Haus in Europa

Womit der dritte Akt von Zandonellas Hotelkarriere eingeläutet ist: die Sesshaftigkeit. Für das knapp fünf Jahre alte Ritz-Carlton Wien hat er den „bescheidenen“ Auftrag, das „wirtschaftlich bereits erfolgreiche Haus“ in den Köpfen der Wiener zu positionieren: etwa mit dem Steakhouse („einem der besten Wiens“) oder der Rooftop-Bar mit Blick auf den Stephansdom.

Was aber kommt nach dem dritten Akt? Der nächste Schritt wäre die Corporate-Karriere. Zandonella schüttelt den Kopf: „Mein Traum war immer ein kleines Haus irgendwo in Europa. So wie jetzt. Das ist perfekt.“ Eine Zusatzoption bliebe ihm immer noch: die Eisdiele seiner Eltern wiederzueröffnen. Vielleicht ja in Wien.

Zur Person

Der in Meran geborene und in München aufgewachsene Christian Zandonella (39) hat eine klassische Hotelmanage-mentkarriere hinter sich: Nach der Ausbildung in München folgten seine Wanderjahre, die ihn in rascher Folge u. a. nach Cancun, New York, Toronto und Bahrain führten. Seit Februar ist er mit seiner Familie sesshaft: Er leitet nun das erst fünf Jahre alte Ritz-Carlton am Wiener Schubertring. Sein Auftrag lautet, das Haus stärker in den Köpfen des Wiener Publikums zu verankern.

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