Wie steht es mit Ihrer Problemempfindlichkeit?

Management im Kopf: Folge 44. Komplexität meistern. Weshalb die Sensibilität für komplexitäts- und systembedingte Probleme in Zukunft entscheidend sein wird. Und eine Einladung zum Science March of Vienna.

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Eine Orientierungshilfe für gute Aussichten. In ihrer Kolumne „Management im Kopf“ führt Maria Pruckner in die System Sciences als wichtigste Leitwissenschaft für das Problemlösen und Managen im 21. Jahrhundert ein.

Worauf jemand empfindlich reagiert, ist ein verlässlicher Indikator für den Grad seiner Professionalität. Im Management macht es einen großen Unterschied, ob es jemand als Profession mit bestimmten Grundlagen, Grundsätzen, Aufgaben und Werkzeugen betrachtet, oder ob er in Führungspositionen nur einen höheren sozialen Rang in Unternehmen sieht, den es zu verteidigen gilt. Wer die Profession im Auge hat, wird auf Probleme empfindlich reagieren, die früher oder später dem Unternehmen schaden. Wer nur den sozialen Status im Auge hat, reagiert nur auf Probleme, die ihm selbst unangenehm sind oder werden können.

Problemempfindlichkeit

Die guten Aussichten für den Einzelnen, Unternehmen und ganze Gesellschaften entscheiden sich durch das, was als Problem erkannt und gelöst wird. Für den Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik schlage ich daher einen einfachen Leitbegriff vor, der zwar nicht cool klingt, aber sicher hilft: Problemempfindlichkeit.

Blind und taub

Mit dem veralteten mechanistischen Paradigma im Kopf bleibt man für die Probleme und Chancen durch hohe Komplexität und Dynamik stockblind und stocktaub. Es wird einem weiterhin vieles als Problem ins Auge springen, was Experten nicht stört. Zum Beispiel der Widerstand eines Mitarbeiters, ob er nun klug ist oder nicht.  

Probleme für Laien

Mit Managementproblemen ist es wie mit Krankheiten. Ein Melanom zum Beispiel sieht aus wie ein hässliches Muttermal. Für Laien ist es oft nur ein ästhetischer Makel. Nur Hautärzte erkennen den aggressiven Hautkrebs sicher. Manche Fett-Tumore der Haut können sehr groß werden. Sie machen Laien oft Angst, sind aber harmlos.

Systemische Probleme

Ein Melanom ist kein lokales sondern ein systemisches Problem. Es streut seine Krebszellen sehr früh, es entstehen bald tödliche Metastasen in den wichtigsten Organen. In der Medizin setzte man daher erfolgreich auf die Aufklärung der Menschen. Man machte sie erfolgreich für das Problem des Melanoms empfindlich.  

Je früher, desto besser

Je früher ein Melanom behandelt wird, desto höher sind die Heilungschancen. Patienten mit Melanomen kommen heute deutlich früher zum Arzt als noch vor ein paar Jahrzehnten. Frühstadien sind heute komplett heilbar. Mit systemischen Managementproblemen ist es genauso. Man muss sie früh erkennen und behandeln.

Lokale Probleme

Manche Fettgeschwülste der Haut sehen dramatisch aus, sind aber harmlose lokale Probleme, die sich mit geringem Aufwand nachhaltig entfernen lassen. So ist es auch mit lokalen Managementproblemen, die sich nicht auf den Unternehmenserfolg auswirken. Etwa mit vollen Papierkörben, die nicht sofort geleert werden.  

Ein Symptom ist ein Zeichen, nicht das Problem

Doch auch die Symptome für systemische Managementmängel zeigen sich immer irgendwo lokal. Sie sind aber nur Zeichen für Probleme, nicht die tatsächlichen Probleme selbst. Sie ziehen wie schmerzhafte Gichtknötchen an Gelenken alle Aufmerksamkeit auf sich, obwohl das Problem von völlig anderen Stellen im System ausgeht.

Problem- statt Symptombehandlung

Der lokale Schmerz bei Gicht kann höllisch sein. Trotzdem hilft keine lokale Behandlung. Es ist eine systemische Behandlung nötig, die im ganzen Organismus wirkt. Auch die meisten Managementprobleme löst man nur über größere Veränderungen im ganzen System, bezogen auf die Qualifikation, Strategie und Organisation.

Wirtschafts-Evolution

Wer in der Industrie 4.0 mit Digitalisierung, Robotik und künstlicher Intelligenz Erfolge feiern will, muss sich mit den damit verbundenen System- und Problemtypen auskennen. Die Probleme und Chancen durch hohe Komplexität und Dynamik wird er nur durch entsprechende Qualifikation, Werkzeuge und Methoden erkennen.

Hype or Type

Aufgeblähte, überspannte Nachrichten der Massenmedien dienen bekanntlich der gezielten Werbung für jemanden oder etwas. Sie mit solider Lehre, Bildung und sicherer Orientierung zu verwechseln, wird nicht zu den gewünschten Erfolgen führen. Man wird nur mit belastbaren System-Modellen sicher orientiert sein.

Täglich „das beste Management“

Doch das meiste über „bestes Management“ ist heute im Stil des Boulevardjournalismus verfasst. Ausgerichtet auf Manager, die sich als Alphatierchen in Viehherden wähnen (möchten). Es verspricht mehr Erfolg, Macht und Einkommen. Und verrät, dass die Verfasser ihre Leser für dumm halten, oder dass sie selbst ahnungslos sind.

Wie Komplexes ganz einfach wird

Über die schwierigsten Probleme im Management, die nur mit relevantem Wissen zu lösen sind, findet man auf Boulevardseiten Ungeeignetes bis nichts. Wer wird werbetechnisch ungeschickt zugeben, dass er so manches nicht lösen kann? Man ignoriert hier die großen Probleme einfach oder stellt sie viel einfacher dar als sie sind.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Intime Kenner fundierter General-Management-Lehren finden schon lange nichts Neues mehr. Fast alles „Neue“, was tatsächlich verlässlich klappt, geht – in neue Worthülsen verpackt –  v.a. auf Peter F. Drucker, Stafford Beer und Hans Ulrich zurück. Es kommt nur Anfängern neu vor, die „Management“ gerade erst lernen.

Man kann auch in die Irre führen

In der neueren Management-Literatur finden sich leider viele Verschlimmbesserungen hervorragender früherer Arbeiten. Bequeme Geister, die sich mit fehlerhaften Plagiaten oder eigenwilligen „Neu-Interpretationen“ in den Vordergrund spielen, führen damit allerdings nicht nur andere, sondern auch sich selbst in die Irre.

Es ist der Geist, nicht der Text

Den Geist guter Köpfe kann man nicht kopieren. Es ist immer der Geist eines Lesers, der einen Text interpretiert, und das auch allemal falsch. Buchstaben enthalten nur Farbe, keinen Geist. Und: Die Buchstaben der Autoren verlässlicher Inhalte sind meist aus entscheidenden Gründen anders gereiht als in verdeckten Plagiaten.

Fake-News und die Postfaktische Ära

Wer professionell führen bzw. managen möchte, ist auch heute in jeder Hinsicht gut dran, wenn er Fake-News und „alternative Fakten“ von Tatsachen unterscheiden kann. Am obigen Beispiel Melanom: Es wird nicht harmloser, wenn man es „Schönheitsfleck“ nennt und ihn wie in den fünfziger Jahren zum Modetrend macht.

Vergesst den Boulevard

Besonders der jungen Generation in der Start-up-Szene und allen, die in ihrer ersten Managementfunktion sind, kann ich nur ans Herz legen: Orientiert euch nicht am Boulevard. Orientiert euch an soliden wissenschaftlichen Grundlagen und Arbeiten. Nutzt, was die Besten bereits erfolgreich für euch gelöst haben.

Kooperiert mit den Besten

Das Verstehen und Lösen komplexer Probleme erfordert große multidisziplinäre Expertennetzwerke, die viel Zeit und Geld kosten und die viel Kritik abarbeiten, bevor ihre Ergebnisse anerkannt werden. Es gibt in der neuen Ära keine bessere Alternative zur Wissenschaft und Forschung, es gibt nur die kluge Kooperation mit ihr. 

Spart euch die Zeit und das Geld

Verlässliche Forschungsarbeiten muss man zwar mit gewisser Anstrengung studieren und begreifen lernen. Aber das kostet bei weitem nicht so viel Zeit und Geld wie das Neuerfinden des Rades. Man kann so gut wie sicher sein, dass das, was man selbst hinbekommt, längst irgendwo in der Wissenschaft beschrieben wurde.

March for Science

Unter dem Titel „March for Science“ haben Wissenschaftler in Washington D.C gerade die Bewegung von  WissenschaftlerInnen in aller Welt in Gang gesetzt: Für eine solide Ausstattung, öffentliche Vermittlung und gesellschaftliche Anerkennung von Wissenschaft. Weltweit sind aktuell rund 400 Demonstrationen organisiert.

Erfolg beruht wie die Wissenschaft auf Fakten

So, und nun ist es aus guten Gründen vorbei mit kurzen Absätzen, die nach fünf, sechs Zeilen die Aufmerksamkeit mit einem Subtitel wieder wecken. Ich habe Oliver Lehmann vom IST Austria gefragt, was hier passiert. Er leitet das Organisationskomitee des Vienna March for Science. „Wissenschaft beruht auf Fakten und gut begründeten Argumenten“, erläutert er. „Nicht nur in den USA geben aktuelle politische Veränderungen Anlass zu großer Sorge. Die Verfälschung und Verleumdung von Tatsachen zu ideologischen Zwecken bedrohen nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Grundlagen der Demokratie. Angesichts der enormen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft brauchen wir Lösungen, die nur gemeinsam von Wissenschaft und Gesellschaft erbracht und umgesetzt werden können.“ Auch Wissen, das aus kommerziellen Gründen verfälscht wird, richtet großen Schaden an. Im Wissen aus erster Quelle steckt meist der höchste Wert.

Kommen Sie mit?

Der Vienna March for Science findet am 22. April 2017 in Wien statt. Lernen Sie viele der besten Partner für Ihre Zukunft kennen. Hier können Sie Ihre Unterstützung bekunden. Kommen Sie mit. Wir sehen uns dort.

 

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche kybernetische System-Modelle und Denkwerkzeuge für den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens in Wien stattet und bildet sie Führungskräfte sowie interne und externe Experten aus, die in Unternehmen und Institutionen komplexe Situationen professionell meistern müssen.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?
Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner.
Sie wird darauf eingehen.

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