Die große Gerüchteküche

Management im Kopf: Folge 46. Komplexität meistern. Wie kontraproduktive Komplexität explodiert und das Mögliche unmöglich wird. Mit einer Einladung zum Vienna March for Science.

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Eine Orientierungshilfe für gute Aussichten. In ihrer Kolumne „Management im Kopf“ führt Maria Pruckner in die System Sciences als wichtigste Leitwissenschaft für das Problemlösen und Managen im 21. Jahrhundert ein.

Probleme mit hoher Komplexität und Dynamik gibt es nur dort, wo man keinen Unterschied zwischen faktischer und phantasierter Komplexität macht. Aus faktischer Komplexität kann man mit wissenschaftlichen Methoden tolle Lösungen entwickeln. Phantasierte Komplexität hingegen macht das Mögliche unmöglich und komplexe Verhältnisse kontraproduktiv. Sie steigert den Orientierungsverlust und erhöht die Misserfolge. Wer gute Aussichten möchte, unterlässt das Verbreiten haltloser Gerüchte, unbewiesener Theorien und Behauptungen, von Unwahrheiten und absichtlichen Lügen. Und zwar egal ob er sie selbst erfunden oder in Social-Media-Kanälen gefunden hat und gedankenlos durch die Welt treibt. Professionelle Führungskräfte gehen noch einen Schritt weiter: Sie sorgen für das konsequente Arbeiten und Problemlösen anhand von Fakten. 

Etwas loswerden

Gerüchte verbreiten sich unaufhaltsam wie schlechte Gerüche. Drum könnte man glauben, das Wort „Gerücht“ käme von „Geruch“. Doch es kommt vom mittelniederdeutschen „geruchte“ – „Gerufe“ oder „Geschrei“. Heute spricht man von „Marketing“, man meint damit aber Werbung. Wer Gerüchte verbreitet, will etwas loswerden.

Erregung

Gerüchte gedeihen durch irgendein Faszinosum. Sie sprechen Bedürfnisse an, erregen dadurch Interesse, fesseln die Aufmerksamkeit und rufen so Resonanz hervor. Das Innenleben von Leuten wird so weit angesprochen, dass es ihnen zum Bedürfnis wird, die Botschaft anzunehmen und weiterzuverbreiten.

Auffallen

Die meisten Leute wollen lieber Aufmerksamkeit für sich selbst als sie solche anderen schenken. Wer selbst nichts vorzuweisen hat, um andere zu faszinieren, greift der Einfachheit halber auf „hast du schon gehört…?“ zurück. Und schon gehört man dazu, ist man mit dabei, glaubt man, nicht mehr allein zu sein.

Aufmischen

Mit Gerüchten ist es wie mit einem Schuss Milch in schwarzem Kaffee. Zuerst entsteht eine faszinierende Marmorierung. Sie breitet sich langsam aus. Mit der Zeit vermischen sich Kaffee und Milch zu einem braunen Gebräu. Umso früher und schneller, je mehr in der Tasse umgerührt wird, etwa mit vielen Clicks auf „gefällt mir“. 

Verwirrung

Manchmal sind Gerüchte wahr, manchmal enthalten sie Fünkchen von Tatsachen, doch häufig sind sie falsch. Falsche Gerüchte entstehen unter anderem durch Köche, die dazu neigen, zu vieles zu glauben, weil sie zu wenig wissen. Sie entstehen aber auch schlichtweg aus unlauteren Absichten zum Zweck der Manipulation.

Dummheit

Der beste Nährboden für Gerüchte ist Dummheit. Sie verbreiten sich am besten dort, wo bewährte theoretische Grundlagen für systematisches Denken und Urteilen fehlen, Vermutungen mit Tatsachen verwechselt, Missverständnisse nicht erkannt und lieber irgendwelche Erklärungen gewählt werden, bevor man keine hat.

Wozu Bildung?

Hohe Bildung dient wider häufig anzutreffender Erwartung nicht einem dauerhaft sicheren hohen Verdienst, sie ist nur eine Voraussetzung dafür. Sie hat den Zweck, Faktisches oder Wahrscheinlichstes klar von Unsinn unterscheiden zu können. Sie hilft, phantasierte Komplexität und damit Verwirrung und Chaos zu vermeiden.  

Verlässliche Faustregeln

Es ist heute für jeden aussichtslos, über alles so gut Bescheid zu wissen, dass man jeden Unsinn eindeutig aufklären kann. Aber es ist heute möglich, anhand der wichtigsten systemwissenschaftlichen Heuristiken schnell zu erkennen, was möglich sein oder funktionieren kann und was nicht. Dazu sind solche Faustregeln da.

Ein fruchtbares Verständnis von Information

Die Kybernetik baut zum Beispiel auf einem speziellen Verständnis von Information auf: relevant ist die Wirkung von Nachrichten. Als Informationen gelten hier nur Unterschiede, die zu Veränderungen führen (können); etwa Erkenntnisse, die ein Denken bzw. Verhalten verändern, oder Milch, die Kaffee zu einer Melange verwandelt.

Selbstverfälschung

Wozu sich an der Wirkung orientieren? Schon jedes Kind lernt durch das Spiel "Stille Post", dass sich Nachrichten auf dem Weg ihrer Verbreitung wie von selbst verändern. Auch Gerüchte bleiben nie dieselben. Wem man etwa ursprünglich nur ein uneheliches Kind nachgesagt hat, der kann bekanntlich bald einmal zwölf davon haben.

Keine Selbstkorrektur

Doch falsche Nachrichten korrigieren sich nie von selbst. Verloren gegangene Informationen stellen sich nie von selbst wieder her. Unverständliches wird nie von selbst verständlich. Falsch Verstandenes korrigiert sich nie von selbst. Wenn man Chaos vermeiden will, muss man das wissen und beachten.

Öl ins Feuer

Das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, wahrgenommen, anerkannt, geliebt zu werden - all das ist legitim, nur allzu menschlich und verständlich. Aber wer dies durch das Verbreiten von Bullshit erreichen will, der muss wissen, dass er damit Öl ins Feuer des Chaos gießt, an dem er auch selbst ausbrennen könnte.

Information = Ordnung

Besser hilft es, eine Beobachtung von Norbert Wiener und Claude B. Shannon aufzugreifen, die sich in der Wissenschaft etabliert hat: Man verstehe unter Information und Ordnung dasselbe. Es gilt die Formel: Je mehr zutreffende Botschaften, umso mehr Ordnung, je weniger zutreffende Botschaften, umso weniger Ordnung.

Marionettenspieler

Nun gibt es immer schon Leute, die sich mit dem absichtlichen Verbreiten von Fehlinformationen rücksichtslos Vorteile verschaffen, die anderen zum Nachteil werden. Sie kennen die Tatsachen. Sie wissen, dass sie Falsches verbreiten. Damit sind sie allen Naiveren überlegen. Damit machen sie sich diese zum Instrument.

Drei entscheidende Fragen

Die Fragen sind also: Will man für Falschspieler eine Marionette sein? Will man unabsichtlich Chaos produzieren, weil man unbedacht Fehlinformationen weiterverbreitet, die absichtlich oder auch unabsichtlich gestreut wurden? Will man von qualifizierten Leuten ernst genommen werden, die die besten Jobs zu vergeben haben?

Wie man zu Fakten kommt

Auch wenn Social-Media-Kanäle dies glauben machen wollen, für ein besseres Leben und Arbeiten kommt es nicht darauf an, ob eine Nachricht gefällt, sondern darauf, ob sie zutrifft. Es hilft, nicht alles, was gefällt, auch zu glauben. Es hilft allein schon, zu fragen, ob etwas stimmen kann und wer es am besten beurteilen könnte.

Hausgemachtes Chaos

In unserer Gesellschaft ist in den letzten Jahrzehnten angeblich vieles schlechter geworden. Zugenommen hat aber im Grunde nur die Orientierungslosigkeit, mit all ihren unangenehmen und wahrlich kritischen Folgen. Besser wird das nur, wenn der naive und auch sorglose Umgang mit Information und Wissen abgebaut wird.

Das Web an sich ist noch kein Heil

Die globale kommunikative Vernetzung – das Internet an sich – ist noch nicht das Heil. Es erhöht nur in enormem Maß das Potenzial für mögliche Ordnung und Unordnung. Bessere Ordnung entsteht nur, wenn weit mehr zutreffende und weit weniger falsche Nachrichten verbreitet, aufgenommen und weiterverbreitet werden.

Kontraproduktive Komplexität abbauen

So lange zu viele Falschnachrichten ohne erfolgreiche Korrektur kursieren, bringt das totale Vernetzen vor allem das totale Zerfetzen, Verhetzen, Verletzen, Verpetzen und Zersetzen. Eine sinnvolle Reaktion, die keinerlei höheren Künste erfordert, eine die jeder ohne Aufwand zeigen kann: Lieber nichts als Blödsinn verbreiten.

Kein Spielzeug

Gut gemachte Software und Apps nutzenden Spieltrieb des Menschen. Die jüngeren Generationen haben den Umgang mit digitalen Medien durch Computer- und Internetspiele gelernt. Das ist aber kein Grund, das Web mit einem Spielzeug zu verwechseln. Es ist im Leben an sich von Vorteil, nicht jedem Impuls hirnlos nachzugeben.

Was das Problem an Problemen ist

Nicht, dass alles so komplex ist, ist schuld an allen Problemen und Unannehmlichkeiten. Es liegt immer am eigenen Informationsmangel und Unwissen. Komplexes bringt zwar immer Ungewissheit und Unsicherheit mit sich. Aber in der Wissenschaft entwickelt man valide Theorien und Methoden, um sie erfolgreich zu klären.

Sichere Orientierung und Vorhersagbarkeit

Valide Theorien unterscheiden sich von haltlosen durch ihre verlässliche Vorhersage, was unter welchen Konstellationen passieren kann und was nicht. Es ist nicht alles so ungewiss wie es scheint. Gewiss ist auch, dass Wissenschaftler und ihre Freunde am 22.4.2017 FÜR das Problemlösen anhand von Fakten demonstrieren. Sie auch?

 

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche kybernetische System-Modelle und Denkwerkzeuge für den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens in Wien stattet und bildet sie Führungskräfte sowie interne und externe Experten aus, die in Unternehmen und Institutionen komplexe Situationen professionell meistern müssen.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?
Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner.
Sie wird darauf eingehen.

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