„Gefühle nur vorzutäuschen ist peinlich“

Ärzteausbildung. Gute Medizinier sind nicht nur fachlich top, sie sind auch Meister der Gesprächsführung. Um ihren Studierenden diese Fertigkeit zu vermitteln, arbeitet etwa die Med-Uni Wien mit professionellen Schauspielern zusammen.

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HUNGARY MUSIC – (c) APA/EPA/BEA KALLOS (BEA KALLOS)

Aus TV-Serien sind sie bekannt. Die zwei nicht ganz klischeefreien Typen von Ärzten. Einerseits die Empathischen, die Patienten und Angehörigen im Gespräch das Gefühl geben: Ich bin für dich da. Andererseits die Schroffen, die kurz angebunden und im Extremfall herablassend sind.
Hinter der Schroffheit, sagen Andjela Bäwert und Eva Trappl vom Teaching Center der Medizinischen Universität Wien, versteckten sich vielfach Stress und Arbeitsüberlastung. Die Art der Gesprächsführung sei aber keine Charakterfrage, sondern Teil der professionellen Haltung und letztlich eine ärztliche Fertigkeit – die wie das Blutabnehmen erlernbar sei.

Alles andere als trocken

Deshalb hat die ärztliche Gesprächsführung Eingang in den Ausbildungskanon der Studierenden gefunden: Wie erkläre ich einer Patientin, dass sie unheilbar krank ist? Wie überbringe ich einem Angehörigen eine Todesnachricht? Wie spreche ich mit einem Patienten nach einem Suizidversuch?
Diese Themen werden nicht frontal im Hörsaal unterrichtet, sondern die Studierenden üben in Kleingruppen. Um die Übungssituation realitätsnahe zu gestalten, wurde 2010 das Schauspielpatientenprogramm in Wien eingeführt, das Bäwert und Trappl betreuen. Das erste Studienjahr, in dem die medizinischen Grundvokabel auf dem Lehrplan stehen, sei größtenteils theoretisch, räumen sie ein. Ab dem zweiten Studienjahr aber würden ärztliche Fertigkeiten gelehrt – darunter fast 50 Stunden Gesprächsführung.

In Gruppen üben zehn bis zwölf Studierende mit einem Schauspielpatienten unter anderem Anamnesegespräche, „Breaking Bad News“ oder „Psychiatrische Explorationstechnik“.
Schauspielpatienten sind professionelle Schauspieler, die dazu ausgebildet sind, Patientenrollen mit deren Krankheits- und Lebensgeschichte darzustellen. 37 Schauspielpatienten zwischen 30 und 70 Jahren sind aktuell für die Med-Uni Wien tätig. Sie betreuen jährlich 720 Studierende und müssen für diese Aufgabe laufend verpflichtende Trainings absolvieren. Schließlich sollen sie nicht nur ihre Rolle spielen, sondern müssen auch dem jeweiligen Krankheitsbild entsprechend reagieren können. Außerdem müssen die Schauspieler, die Bäwert und Trappl mit der Schauspiel- und Kommunikationstrainerin Lennie Johnson casten, über hohe Konzentrationsfähigkeit verfügen. Sie sollen auch in der Lage sein, den Studierenden ein ausführliches Feedback zur Gesprächssituation, die meist zwischen fünf und 15 Minuten dauert, zu geben.

Dabei reiche ein „Ich habe mich beim Gespräch wohlgefühlt“ nicht aus, sagt Irene Halenka. Sie ist seit 2011 Schauspielpatientin. Es gehe darum, das Gespräch aufzudröseln, einzelne Phrasen und Schlüsselmomente aufzuarbeiten, um den Lerneffekt zu maximieren. Dazu müsse sie sich ganz in die Rolle der Patientin oder Angehöriger einfühlen, um dem ärztlichen Gegenüber klarmachen zu können, welche Gefühle einzelne Aussagen oder nonverbales Verhalten ausgelöst haben.
Oberstes Prinzip, sagt die 37-Jährige, die bei Elfriede Ott am Konservatorium der Stadt Wien Schauspiel studiert hat, ist: „Authentisch sein. Gefühle nur vorzutäuschen ist peinlich.“ Deshalb sei es für die Schauspielpatienten nach den Einheiten wichtig, sich abzugrenzen und sich um die eigene Psychohygiene zu kümmern, sagt Halenka.

Die Kraft des Augenkontakts

Umgekehrt zollt der Professionalität der angehenden Ärzte großes Lob: „Ich habe Respekt davor, wie sich die Studierenden auf diese Gesprächssituationen einlassen“, sagt Halenka. Nur ganz selten komme es vor, dass sie ein Gespräch abbreche und den Raum verlasse – so wie es Menschen im echten Leben machen würden.
Die größten Schwierigkeiten hätten die Studierenden, unter Zeitdruck ein strukturiertes Gespräch zu führen. Und Pausen zu machen. „Gerade dann, wenn Tipps oder Trost nicht mehr weiterhelfen, etwa wenn man erklären muss, dass der Tod unmittelbar bevorsteht.“ Diese Emotion müsse man auch als Arzt erst einmal aushalten. „Es braucht viel Mut und Kraft, in diesen Momenten den Augenkontakt zu halten – und einfach da und präsent zu sein.“

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