Lauter glückliche sorgenfreie Menschen

Filmkritik. Wovon sollen wir leben, wenn uns die Arbeit ausgeht? Diese Frage macht die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens salonfähig. Und ruft ideologische Missionare auf den Plan.

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Ein junges Paar aus Anchorage/Alaska spart für die Ausbildung seiner noch sehr kleinen Kinder. Eine Namibierin kaufte sich eine Nähmaschine und führt ihr selbst geschneidertes rosa Prinzessinnenkleid vor. Ein New Yorker Taxifahrer würde, müsste er nicht Geld verdienen, Senator werden und „den Menschen etwas Gutes tun“.

Am Mittwoch hatte in Wien die als Hybrid zwischen Roadmovie und Dokumentation angelegte „Free Lunch Society“ (Untertitel: „Komm komm Grundeinkommen“) Premiere. Sechs Jahre war Autor und Regisseur Christian Tod auf drei Kontinenten unterwegs, um möglichst viele Stimmen für das garantierte arbeitsfreie Einkommen zu sammeln (und keine dagegen, doch dazu später).

Das junge Paar aus Anchorage verdankt seinen Geldsegen einem Fonds, den die Regierung in den späten 1960er-Jahren anlegte, als ihr Ölkonzerne die riesigen Ölfunde an der Küste abgalten. Die Dividende wird jedes Jahr an die Bürger Alaskas ausgeschüttet.
Die Näherin aus Namibia dankte dem früheren Bischof und jetzigen „Minister zur Armutsbekämpfung“ für seine regelmäßigen Zuwendungen an die zuvor bettelarmen Dorfbewohner. Sie alle hätten ihre Träume verwirklicht und etwas aus sich gemacht. Ihr Mann sei jetzt Ziegelmacher.

Vor ein paar Jahren galt es als Absurdität, über bedingungslose Grundeinkommen zu reden (BGE, auch garantierte arbeitsfreie Einkommen oder negative Einkommenssteuer genannt.) Solange die Begriffe Arbeit und Einkommen gedanklich untrennbar aneinander gekoppelt waren, war das Thema utopisch. Jetzt, da uns die Arbeit ausgeht, wird es salonfähig.

Einseitig ideologisch

In seiner Interpretation des Themas lässt Regisseur Tod nicht nur die Beschenkten zu Wort kommen. In mühevoller Kleinarbeit biss er sich durch die Archive der Welt und schnitt Szenen zusammen, in denen sich Prominente (von Vorzeigeökonom Milton Friedman bis zu Milliardär Warren Buffett) positiv dazu äußerten. Womit wir bei der ersten großen Schwäche des abendfüllenden Streifens sind: Er ist einseitig. Gegen- oder auch nur kritische Stimmen bekommen keinen Raum.

Stattdessen nimmt uns Ex-Lotterien-Chef Friedrich Stickler die Angst vor kollektivem Faulenzertum: Seine Lottomillionäre hätte das Geld nicht verändert, sie hätten damit nur „ihr Leben in Ordnung gebracht“.
Zum Beweis hält ein Gastwirt liebevoll arrangierte Menüs in die Kamera: Er habe mit seinem Gewinn einen Kredit zurückgezahlt und lebe nun sorgenfreier. Stickler selbst wäre übrigens (für alle, die das wissen wollten) Forscher und Entdecker geworden, hätte er nicht seinen Lebensunterhalt verdienen müssen.

Aus der Reihe der auffallend sympathisch gefilmten Grundeinkommensbefürworter sticht DM-Gründer Werner Götz heraus. Natürlich stimmt er Stickler vorbehaltlos zu: „Jeder sagt, er selbst würde weiterarbeiten. Nur die anderen verschwinden mit der Hängematte im Wald.“ Und Freiheit sei nicht, tun und lassen zu können, was man will, sondern nicht tun zu müssen, was man soll. Schade um die vertane Gelegenheit, Götz und all die anderen nach der Finanzierung des GBE zu fragen. Robotersteuer, Konsumabgabe oder schlicht und einfach Geld drucken?

Für den Film sind solche Kleinigkeiten kein Thema. Und die Botschaft – ein idealistisches Ja zum arbeitsfreien Einkommen – hätten wir auch schon nach einer halben Stunde verstanden.

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