Mitarbeiter sind keine Bittsteller

Porträt. Er ist Volkswirt, war Chef im U4 und ist heute Geschäftsführer der Casa-Pflegeheime: Markus Platzer arbeitete sich immer wieder in neue Arbeitsfelder ein – und krempelt sie um.

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Markus Platzer denkt Organisationsformen in der Pflege vollkommen neu. – (c) Stanislav Jenis

Über eine Zeile in diesem Lebenslauf, über die stolpert so gut wie jeder, der ihn liest. Auch Markus Platzer selbst wäre beinahe darüber gestolpert, als er vor Jahren Heimleiter bei der Caritas Wien werden wollte: nicht das Volkswirtschaftsstudium, nicht die Tätigkeiten für das Finanzministerium oder für Europay Austria. Auch nicht die Weltreise, die er nach einer Phase als Lokalbetreiber und Eventveranstalter eingelegt hatte. Es ist die Zeile, in der er seine zwei Jahre als Geschäftsführer der legendären wie traditionsreichen Wiener Diskothek U4 beschreibt.

Ursprünglich wollte Platzer, damals noch Banker, einem Freund helfen, das kurz zuvor abgebrannte U4 wieder aufzubauen. Doch als der designierte Geschäftsführer absprang, sprang Platzer in die Bresche. Ohne jede Gastroerfahrung. „Die lehrreichste Zeit meines Lebens“, sagt der heute 39-Jährige. „Und die arbeitsreichste.“ Tagsüber arbeitete er in der Bank, nachts in der Disco. Mit einem Schlag hatte er statt zwei 50 Mitarbeiter. Ein Jahr hatte es gedauert, bis alle Abläufe und Prozesse optimiert waren.

Er habe sich, sagt Platzer, in dieser Welt zu Hause gefühlt. Dennoch stieg er nach zwei Jahren aus. Und erinnerte sich während der Weltreise, dass es kein Zufall gewesen sein konnte, dass er auf der Uni den Schwerpunkt Sozialpolitik gewählt hatte.

Drei Jahre war er Heimleiter eines Pflegewohnhauses, lernte den Alltag von null auf kennen und wurde 2011 zum Geschäftsführer der Casa Leben im Alter bestellt. „Es war ein wichtiger Zwischenschritt“, sagt er. Auch jetzt versucht er, jedes Jahr einige Tage an der Basis mitzuarbeiten und Veränderungen zu sehen. Etwa in den Häusern, in denen Pflegewohnhaus und Kindergarten unter einem Dach sind. Dieses Konzept, das Alt und Jung verbindet, wird im Herbst 2018 in zwei weiteren der acht Häuser umgesetzt.

Derzeit arbeitet Platzer mit seinen 500 Mitarbeitern, die rund 700 Bewohner betreuen, seit 2015 an einer neuen Organisationsform der derzeit acht Pflegewohnhäuser. Worum es Platzer geht: Er möchte weg vom Bild des Mitarbeiters als Bittsteller. „Strenge Hierarchie und strikt reglementierte Berufsbilder fördern das eigenverantwortliche Handeln nicht gerade.“ Kleine Teams, die über die nötigen Mitglieder und Kompetenzen verfügen, um den Alltag bewältigen zu können, sollen sich selbst organisieren und Entscheidungen auch selbst treffen. „Denn Führungskräfte sind in der Praxis zu weit weg vom Einzelfall“, sagt Platzer – und deswegen tendenziell störend. Voraussetzung sind sehr gute Mitarbeiter, denn all das „darf kein Experiment sein. Qualität und Sicherheit für die Bewohner haben Vorrang.“ Die neue Organisationsform löst durchaus unterschiedliche Emotionen aus. Führungskräfte etwa fragen sich: Werde ich noch gebraucht? Bin ich noch wichtig? „Diese Ängste muss man ernst nehmen und Dinge gemeinsam entwickeln“, sagt Platzer und ergänzt: „Das Neue kann ja auch entlasten.“

Politik der ruhigen Hand

Den Führungskräften werde ohnehin viel abverlangt. Auch Platzer erwartet einiges: Dass sie Ruhe bewahren, überlegen und nicht aktionistisch sind, stringent handeln, nicht ständig die Strategie wechseln, ein Gefühl für Personen und Situationen und eine Liebe zu Zahlen haben. „Sie sollten wissen, wie man Zahlen richtig interpretiert“, sagt der Volkswirt. Aber: „Sie müssen keine Zahlenfreaks sein.“

 

Zur Person

Markus Platzer (39) ist seit 2008 für Casa – Leben im Alter tätig, zunächst als Heimleiter und seit 2011 als Geschäftsführer. Davor war der Volkswirt im Bankensektor sowie im Event- und Gastrobereich tätig, mit eigenen Lokal- und Veranstaltungsprojekten und als Geschäftsführer der legendären Diskothek U4.

 

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