Als die Produkte zu leben begannen

Consultingtrends. Industrie 4.0 ist tot, sagt der französische Industrieexperte Eric Schaeffer. Es lebe die Industrie X.0. Und das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange.

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Pixabay

Streng genommen ist das Smartphone nur eine Weiterentwicklung des Mobilphones – wäre es nicht eine „individualisierbare Plattform für fast alles“. Die Apps bilden ein höchstpersönliches Ökosystem, smart, intuitiv und kinderleicht zu bedienen. Dem Konsumenten wächst sein Smartphone so ans Herz, dass es ihm „lebendig“ zu sein scheint. Living Products nennt Eric Schaeffer, französischer Industrial Global Managing Director der Strategieberatung Accenture, solche Spielzeuge. Man will sie nicht mehr aus der Hand legen.

Der Berater beschwört die „Outcome Economy“, in der nicht mehr das physische Produkt, sondern das Kundenerlebnis im Zentrum steht. Die allgegenwärtige Industrie 4.0 erklärt er zum alten Hut, weil es dort „nur“ um die intelligente vernetzte Automatisierung von Produktionsstraßen geht.

Die nächste Ebene heißt Industrie X.0. Um dorthin zu gelangen, müssen die Hersteller ihre grauen Zellen gehörig anstrengen. Gute Hardware genügt nicht mehr. Sie müssen sich Dienstleistungen rundherum einfallen lassen. Dafür gehen sie Partnerschaften mit Unternehmen ein, mit Zulieferern und Institutionen. Gemeinsam nutzen sie vernetzte Technologien, datengestützte Dienstleistungen, digitale Ökosysteme, Hyperpersonalisierung und neue Geschäftsmodelle. Vor allem aber müssen sie wissen, was ihre Kunden wollen – tunlichst bevor die es selbst wissen.

Was nach „Outcome“ kommt

Bald kaufen Häuselbauer keine physischen Heizungsanlagen mehr, meint Schaefer, sondern „ein warmes Haus“. Für das schließen sich Heizungsbauer und Energiebereitsteller zusammen. Und die Anbieter von Baumaterialien kooperieren mit Baumaschinenverleihern und vermitteln Arbeiter. Diese wachen mehr und mehr mit ihren Maschinen zusammen. Man trägt Wearables – Virtual-Reality-Brillen und softwaregesteuerte Handschuhe. Man überlässt die manuellen Tätigkeiten der Maschine und steuert bloß noch seinen „Cobot“, die Synthese aus Kollege und Roboter. Nur das Fällen von Entscheidungen, mahnt Schaeffer, das solle man sich nicht aus der Hand nehmen lassen.

Der nächste Schrei nach dieser „Outcome Economy“ wird die „Pull Economy“ sein. Sie bedeutet noch stärker auf den Einzelkunden zugeschnittene Produkte. Firmen sprechen sich ab, entwickeln Prototypen, skalieren bei Erfolg die Produktion nach oben und fahren sie umstandslos wieder herunter, wenn der Bedarf abnimmt.

Was danach kommt? Es ist nur eine Frage der Zeit.

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Eric Schaeffer: "Industrie X.0", Redline 2017 29,99€ –

[NWBF8]

(Print-Ausgabe, 07.10.2017)

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