Wer Bedürfnisse generiert, überlebt

Arbeitswelten. Zukunftsfähig sei, wer „die Welt in ihren Möglichkeiten sehe“, sagt Innovationsforscher Markus Peschl. Und wer nicht nur die Welt, sondern vor allem sich selbst hinterfrage.

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Marin Goleminov

Wenn von neuen Arbeitswelten die Rede ist, dann reduziert sich die Diskussion oft rasch auf innenarchitektonische Fragen: Desk Sharing ja oder nein, Open Space, Ruhezonen, Telefonzellen, Besprechungsräume und Kommunikationsflächen – kurz: je ein Ort für die unterschiedlichen Tätigkeiten. Wenn Markus Peschl vom Institut für Philosophie/Cognitive Science der Universität Wien darüber spricht, „warum Kognition und Raum für zukunftsorientiertes Arbeiten essenziell sind“, dann meint er nicht nur den physischen, architektonischen Raum. Sondern auch die Organisation, die Unternehmenskultur und das Mindset der Beschäftigten – oder anders gesagt: den Wissensraum.

Peschl ist Professor für Wissenschaftstheorie und Kognitionswissenschaft. Er befasst sich intensiv damit, wie Unternehmen zukunftsfähig werden bzw. bleiben. Er sträubt sich dagegen, wie Innovation heute vielfach verstanden wird: dass aus Vergangenem für die Zukunft extrapoliert wird. Er präferiert den entgegengesetzten Ansatz: „Learning from the future as it emerges.“
Ob es gelingen kann, von der Zukunft für das Heute zu lernen, hänge vom viel besprochenen Mindset der Beteiligten ab, sagt Peschl. Als Grundeinstellung gefragt seien die nötige Offenheit, die aktuelle Situation zu hinterfragen, und die Welt in ihren Möglichkeiten zu sehen. „Also nicht hinnehmen, wie sie ist, sondern die Potenziale entdecken, die noch nicht ausgeschöpft sind.“

Das erschöpfe sich nicht darin, Bedürfnisse zu erkennen und sie zu befriedigen. Vielmehr gehe es darum, sagt Peschl, „Bedürfnisse zu generieren. Zu fragen: Was ist ein menschliches Bedürfnis? Und dann neue Interaktionsmuster zu schaffen, die diese Bedürfnisse erfüllen.“
Das klassische Beispiel lieferte Apple. Das Unternehmen verkaufe vordergründig Hardware. Doch sie ist nur Mittel zum Zweck, denn im Grunde geht es um das dahinterliegende Dienstleistungsökosystem. Sprich: Die Geräte können miteinander kommunizieren, Daten werden in diesem Ökosystem wechselseitig verfügbar. „Retrospektiv muss man sagen: Damals, als es eingeführt wurde, gab es kein Bedürfnis nach Apps oder einem integrierten Entertainmentsystem. Apple hat es geschaffen und befriedigt.“

Analyse ist zu wenig

Den klassischen Businessschulen hält Peschl vor, die Welt eben nicht in ihren Möglichkeiten zu sehen. „Sie lehren das nicht. Sie konzentrieren sich mehrheitlich auf analytische, quantitative Verfahren.“ Sie würden bloß Bestehendes aufgreifen und Hypothesen testen, aber „den Schritt zur Gestaltung oft nicht unternehmen“.
Dabei könne man auch das lehren, wie sein Institut mit einem eigenen Curriculum zeige. Nicht unbedingt als Toolbox, auch wenn dort Methoden wie von Claus Otto Scharmer in seinem Buch „Theorie U – Von der Zukunft her führen“ gelehrt und besprochen würden. Der angesprochene Lernprozess habe vielmehr maßgeblich mit den Lernenden selbst zu tun: Es sei unumgänglich, sich der eigenen Haltungen, Annahmen, Glaubenssätze und Denkmuster bewusst zu werden – und sie in ihren Grundfesten zu hinterfragen. „Das löst oft Irritation aus“, sagt Peschl. „Doch die Verunsicherung ist Grundlage für Neues.“

„Innovation und Veränderung: Warum Kognition und Raum für zukunftsorientiertes Arbeiten essenziell sind“, im Rahmen von „University Meets Industry“ (Uni-Mind) des Postgraduate Center. 21. November, 18 Uhr, Alte Kapelle, Campus Uni Wien. Anmeldung: www.postgraduatecenter.at/unimind

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