Gekündigt in der Vorweihnachtszeit

Warum „Freisetzungen“ kurz vor Jahresende gute Gründe haben, warum man die Zeichen an der Wand nicht ignorieren sollte, und warum Personalisten keine Dankbarkeit für ihre Trostpflaster erwarten dürfen.

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Siemens ist nicht der Einzige. Jetzt Schließungen und „Freisetzungen“ anzukündigen hat in vielen Konzernen Tradition. Betriebswirtschaftlich ist die unglückliche Terminwahl nachvollziehbar. Schon die ersten drei Quartale liefen schlecht, ambitionierte Sanierungspläne brachten keine Wende. Nun zieht das Management die Reißleine. Und zwar möglichst spät im alten Wirtschaftsjahr, um das Engagement der betroffenen Mitarbeiter möglichst lang aufrechtzuerhalten, aber vor Beginn des neuen Wirtschaftsjahres, um dieses möglichst wenig zu belasten.

Den Betroffenen hilft das gar nicht. Höchstens, endlich Klarheit zu haben. Denn Ahnungen hatten sie schon lange. Die beneiden nun jene, die die Zeichen an der Wand erkannten und handelten. Denn diese haben längst neue Jobs.

Jene „Ratten, die das sinkende Schiff verließen“, haben sich den leidvollen Trauerzyklus erspart, der den Vorweihnachtsopfern jetzt bevorsteht (was durchaus ein Plädoyer für aktives Handeln ist).

Werden sie nun in die Personalabteilung gerufen, ist es zu spät zu agieren. Sie können nur noch reagieren. Und die erste Reaktion ist immer – Schock. Dann, um die überlastete Psyche zu schützen, Leugnung. „Das meinen die nicht so“, heißt es dann, „nicht vor Weihnachten.“

Doch, sie meinen es genau so. Hat man das erst einmal begriffen, kommt die Wut. Sie entlädt sich je nach Veranlagung nach innen („Hätte ich nur . . .“) oder außen („Denen werde ich es zeigen“). Doch Wut verraucht, ihr folgen Resignation, Verzweiflung und, im schlimmsten Fall, Depression.

Trostpflaster kommen zu früh

Nun sind Personalisten keine Unmenschen. Auch ihnen macht das Überbringen von Hiobsbotschaften keinen Spaß. Deshalb haben sie schon lange vorher Trostpflaster ausgehandelt, mit denen sie Schmerz (und Imageschaden) lindern wollen: Stiftungen, Abfertigungen, längere Kündigungsfristen, Outplacements.

Das Problem dabei: Direkt zur Kündigung kommen die Trostpflaster zu früh. Sie erreichen die Betroffenen nur kognitiv, nicht psychisch. Denn erst müssen sie zwingend durch die vier Trauerphasen: Schock, Leugnung, Wut und Resignation (in dieser Reihenfolge).

Das gilt für jede Lebenskrise, von Trennung bis Todesfall. Die Dauer des Zyklus variiert von Mensch zu Mensch und von Anlass zu Anlass: Manche sind in wenigen Tagen durch, andere brauchen Jahre. Die Personalisten allerdings, die die schlechten Nachrichten schon Wochen vorher wussten, haben sie längst verdaut. Sie sind den Betroffenen weit voraus. Als Profis wissen sie zwar mit Tränen umzugehen, ihre Trostpflaster aber lindern den Schmerz (noch) nicht. Dankbarkeit dürfen sie keine erwarten.

Raus aus dem Jammertal

Irgendwann endet jeder Trauerzyklus. Nach der dunklen Phase der Resignation folgt Akzeptanz („Hilft nichts, der Job ist verloren“). Jetzt erst wäre man auch psychisch bereit zu verhandeln – und wieder ist das Unternehmen längst Lichtjahre weiter.

Die neue Energie wird anderweitig nutzen: Man aktualisiert den Lebenslauf, aktiviert Kontakte und schreibt Bewerbungen. Der nächste Job mag nicht um die Ecke warten: Sobald man zuversichtlich in die Zukunft schaut, ist man raus aus dem Jammertal.

AUF EINEN BLICK

Ob Kündigung, Trennung oder Todesfall: Immer müssen Betroffene erst den Trauerzyklus Schock, Leugnung, Wut und Resignation durchlaufen, bevor sie sich aktiv Problemlösungen zuwenden können. Personalisten, die früher informiert waren, haben das Thema längst verarbeitet. Ihre gut gemeinten Trostpflaster – Stiftungen, erhöhte Abfertigungen etc. – erreichen die Betroffenen nur kognitiv, nicht psychisch.

 


[O09FL]

(Print-Ausgabe, 25.11.2017)

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