Wenn wir im falschen Leben stecken

Verwirklichung. Die Kinder kluger Eltern sind nicht automatisch auch klug. Genau das wird von ihnen aber erwartet. Und zwingt sie in ein Leben fern ihrer Grundbedürfnisse und Kompetenzen.

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Mama und Papa haben es weit gebracht. Sie haben studiert und ihre eigenen Eltern karrieretechnisch weit hinter sich gelassen. Dasselbe erwarten sie von ihren Kindern. Weil, so die Logik, jede Generation klüger ist als die vorhergehende.

So wird es das nicht spielen, widerspricht der Schweizer Kinderpsychologe Remo H. Largo. Zwar wurden die Menschen in unserer westlichen Welt über die vergangenen Generationen immer intelligenter, im Schnitt um drei bis fünf IQ-Punkte pro Jahrzehnt. Das hatte aber keine genetische Gründe. Es lag an der kontinuierlich besseren Ernährung und Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Jetzt sind auch die untersten Schichten so gut versorgt, dass keine Steigerung mehr möglich ist.

Für Ausreißerbegabungen geht es nun wieder bergab. Als Beweis führt Largo das Gesetz von Galton an, benannt nach dem 1911 verstorbenen Briten Sir Francis Galton, Cousin von Charles Darwin und Mitbegründer der Genetik. Diesem Gesetz zufolge tendiert jedes Merkmal zur „Regression zur Mitte“. Begabte Eltern haben damit nicht notwendigerweise auch begabte Kinder.

Hat demnach einen Frau einen IQ von 130, sind nur 16 Prozent ihrer Kinder gleich klug oder klüger als sie. 84 Prozent kommen nicht an die Mutter heran.

Tröstlich: Gespiegelt gilt dasselbe für die Kinder einer Frau mit einem IQ von 70. Hier werden 84 Prozent ihrer Kinder klüger sein als sie, nur 16 Prozent liegen darunter. Die Erklärung ist in beiden Fälle dieselbe: Jedes Merkmal strebt zum Mittelwert der Bevölkerung. Und der ist beim IQ nun einmal 100 (siehe Grafik).

Den bedauernswerten Aufsteigerkindern hilft das gar nichts. Von ihnen wird erwartet, Ehrgeiz und Erwartungen der Eltern zu befriedigen – was sie beim besten Willen nicht können. Schlimmer noch, argumentiert Largo, statt die vorhandenen Talente auszubilden, gilt alle Aufmerksamkeit ihren Schwächen (Stichwort Durchschnittsfalle). Und so werden aus unglücklichen Kindern unglückliche Erwachsene.

Was ein „richtiges“ Leben ist

Alles wäre anders, kombiniert Largo, könnten die Menschen ihr Leben an ihren Grundbedürfnissen einerseits und an ihren Kompetenzen andererseits festmachen. Erstere definiert er ähnlich wie die Maslow'sche Bedürfnispyramide. Largo verzichtet aber auf eine hierarchische Wertung und gesteht jedem Menschen unterschiedliche Ausprägungen pro Bedürfnis zu. Die da sind: Körperliche Integrität (Hunger, Durst, Schlaf, Sexualität), Zuwendung und Geborgenheit, soziale Anerkennung, Selbstentfaltung, Leistungsstreben und existenzielle Sicherheit.

Verschieden ausgeprägt sind auch die individuellen Kompetenzen, definiert als soziale, sprachliche, musikalische, figural-räumliche, logisch-mathematische, zeitlich-planerische, motorische und körperliche Kompetenzen (letztere meinen die äußere Attraktivität).

Im „richtigen“ Leben, so Largo, befindet sich der, der seine Grundbedürfnisse mit Hilfe seiner Kompetenzen erfüllen kann. So wird eine Künstlerin mit dem Grundbedürfnis Selbstentfaltung am Organisieren von Vernissagen scheitern, wenn ihr die zeitlich-planerische Kompetenz fehlt. Ein Immobilienmakler hingegen mit den Grundbedürfnissen Leistungsstreben und existenzielle Sicherheit sowie figural-räumlichen und logisch-mathematischen Kompetenzen wird sich voll ausleben können.

Steht dem auch seine Umwelt nicht im Weg, sprich, werfen Eltern, Partner und Chefs ihm keine Prügel zwischen die Beine, kann er sogar richtig glücklich sein.


[O1J45]

(Print-Ausgabe, 09.12.2017)

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