Bullshit-Bingo: Die beliebtesten Management-Phrasen

Seit mehr als drei Jahren zieht Michael Köttritsch beliebte Management-Phrasen durch den Kakao. Hier ist das "Best-of" seiner Kolumnen. Alle Sprechblasen auf einen Blick finden Sie hier.

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"Wertschätzung"
Bitte etwas mehr Selbstbedienung. Warum Wertschätzung nicht immer nur eine Bringschuld ist.

Wir fühlen uns nicht wertgeschätzt, klagen Mitarbeiter mancherorts? Ja, sapperlot, haben wir es nur mit unfähigen Führungskräften zu tun? Oder sind es vielleicht die Mitarbeiter selbst, die eine riesige Sprechblase füllen? Wertschätzung, das ist für viele Arbeitnehmer ein Sammelbegriff für Streicheleinheiten aller Art. Es ist für viele mehr ein Gefühl, denn tatsächlich lässt sich der Begriff nur schwer abgrenzen.

Wertschätzung ist, den anderen so anzuerkennen, wie er ist – mit seinen Stärken und Schwächen. Das bedeutet Respekt, Wohlwollen, Interesse und Freundlichkeit. Wertschätzung zeigt sich demnach nicht nur in den Worten, sondern vor allem in der Haltung der Führungskräfte (und besonders in Change-Prozessen).

Das Problem mit der Wertschätzung aber ist, dass sie Mitarbeiter abhängig macht. Es macht angewiesen auf die Führungskräfte. Wie soll es Vorgesetzten gelingen zu erklären, welches Handeln sinnvoll ist, wenn der Einzelne selbst den Sinn nicht erkennen kann? Dass sich Menschen oft nur über den Wert definieren, der ihnen von anderen zugemessen wird. Der Wert der Wertschätzung liegt aber in der Selbstwertschätzung.

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"Win-win-Situation"
Die charmante Beruhigungspille. Warum es nicht immer ein Gewinn sein muss zu siegen.

Verlieren ist nicht gut. Als Verlierer dazustehen noch unangenehmer. Weil Geschäftsbeziehungen meist langfristig angelegt sein sollen wäre es ja geradezu unverantwortlich, das Gegenüber zu brüskieren – auch wenn man es noch so sehr über den Tisch zieht. Also bedienen sich Findige der Win-win-Situation und missbrauchen sie als Sprechblase. Win-win, das klingt nach Gerechtigkeit. Aber was ist schon gerecht? Viele sogenannte Win-win-Situationen sind zumindest für eine Seite ein Hohn.

Tatsächlich tritt eine Win-win-Situation dann ein, wenn die Parteien mehr Nutzen aus der Vereinbarung ziehen, als gäbe es gar keine Übereinkunft. Legendär sind die beiden, die sich um eine Orange stritten und einen Kompromiss zustande brachten: Sie schnitten die Orange in der Mitte durch – und standen beide als Verlierer da. Sie hatten sich nicht wie bei der Mediation die Zeit genommen, ihre Interessen zu ermitteln: Der eine wollte nur die Schale, der andere nur das Fruchtfleisch.

Interessen zu erforschen braucht Zeit, die sich viele nicht gönnen. Bloß von einer Win-win-Situation zu sprechen, wirkt als Beruhigungspille viel schneller.

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„Wenn du willst, kann ich dir das forwarden“
Intelligente Seiten sind besser als Mails. Warum Forwarden und das In-Cc-Setzen hellhörig machen sollten.

Das papierlose Büro wird seit 30 Jahren diskutiert. Trotz Computer, Tablets und Co. ist es nach wie vor Utopie. Immerhin: Es wird heute deutlich weniger ausgedruckt. Dafür werden mehr E-Mails verschickt.

Um sie haben sich einige Sprechblasen entwickelt: „Wenn du willst, kann ich dir das forwarden“, ist so eine. Sie heißt nichts anderes, als jemandem anderen ein Problem umzuhängen. Ganz ähnlich: „Wenn du willst, setze ich dich gern in Cc.“ Und schon gibt es einen Mitwisser mehr.

Doch Vorsicht! Diese Sprechblase ist nicht zu verwechseln mit: „Wenn du willst, kannst du mich gern in Cc setzen.“ Das drückt Misstrauen aus, gepaart mit dem Wunsch nach Kontrolle, wer wann was in welchem Wortlaut zu lesen bekommt.

Letztlich füllen viele dieser Mails nur den virtuellen Papierkorb, was immerhin (umweltschützend) den physischen entlastet. Doch Papier hat viele intelligente Seiten – „Die Presse“ zum Beispiel. Außerdem fanden die Wissenschaftler Abigail Sellen und Richard Harper in ihrer Studie „The Myth of the Paperless Office“ heraus: Computer lenkten nur ab, hingegen fördere es die Konzentration, während einer Sitzung papierene Unterlagen vollzukritzeln.

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"Work-Life-Balance"
Halbe Sache: Das neue Halbe-Halbe. Warum Work und Life nicht ausbalanciert werden können.

Work-Life-Balance. Von dieser Sprechblase haben viele schon gehört. In der Theorie zumindest. In der Praxis weiß ja niemand so genau, warum das Leben gerade dann pausieren soll, wenn gearbeitet wird.

Erstaunlich, dass sich ausgerechnet Unternehmen auf diesen Terminus einlassen, der bereits Mitte der 1980er-Jahre geprägt wurde. Mehr noch: Sie schmücken sich immer noch damit und flechten ihn nach wie vor in ihre Corporate-Health- und Employer-Branding-Auftritte ein. Offen bleibt in aller Regel, wie diese Balance im Detail aussieht: Heißt das Halbe-Halbe zwischen Arbeit und Freizeit (was mit „life“ offensichtlich gemeint ist) – also noch mehr Arbeit? Wird täglich abgerechnet, oder in längeren Durchrechnungszeiträumen?

Unter dem Strich bleibt also jeder selbst für sich verantwortlich, sein Leben (bestehend aus verschiedensten bezahlten und unbezahlten Beschäftigungen) zu organisieren: Kein Unternehmen wird das übernehmen – entgegen allen Ankündigungen.

Übrigens: Die antiken Römer hatten – begrifflich – eine klare Work-Leisure-Balance: „otium“ war für sie die Muße; die Negation, also „negotium“, bedeutete für sie Geschäft.

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„Mensch im Mittelpunkt“
Im Mittelpunkt der Faktor Mensch. Warum bestimmte Personen im Betrieb nichts zu suchen haben.

Damit, dass „die Menschen bei uns im Mittelpunkt stehen“, rühmen sich viele Unternehmen. Das klingt gut. Da fühlt sich jeder Mensch angesprochen. Jeder möchte Mensch sein und bleiben und nicht zur Nummer werden. Das hat Wolfgang Ambros bereits in den 1970er-Jahren besungen.

Doch andersherum: Auf wen sonst soll es ankommen, wer sonst soll im Mittelpunkt stehen als Menschen? Sie denken sich Produkte aus, überwachen die Produktion, kaufen und konsumieren. Da ist es ein wenig seltsam, wenn der „Faktor Mensch“ (!) so betont werden muss. Das nährt den Verdacht, dass die „Mensch im Mittelpunkt“-Geschichte für manchen Manager eine Phrase, eine Sprechblase ist.

Sprechblasen produzieren auch viele Bewerber für Jobs in der Personalabteilung. Nach ihrer Motivation, gerade in diesem Feld arbeiten zu wollen, befragt, ist eine der meistgehörten Antworten: „Weil ich gern mit Menschen zu tun habe.“ Michael Heuser von der Fachhochschule der Wirtschaft brachte es kürzlich auf den Punkt: Wer nicht gern mit Menschen arbeite, solle nicht in der Personalabteilung werken. Mehr noch: Wer nicht gern mit Menschen arbeite, habe in einem Unternehmen gar nichts verloren.

"Expertise"
Es geht noch viel besser als gut. Warum Experten nicht immer eine Expertise zur Hand haben.

Dass sich für das englische Wort Marketing keine deutsche Entsprechung etablieren konnte, überrascht wenig: Stimmung und Werbung zu machen beherrschen die englischsprachigen Kollegen ganz einfach am besten. Sie haben für die Fülle an überschwänglichen Eigenschaftswörtern eine eigene Bezeichnung gefunden: Extreme Adjectives. Eigenschaftswörter, die sich nicht mit einem „very“ nuancieren lassen: „Sehr lustig“ wird zu „hilarious“, „sehr groß“ zu „huge“ oder „sehr spannend“ zu „fascinating“.

In diesem Überschwang wimmelt es im Englischen nur so vor „experts“. Längst haben die Experten auch im Deutschen Einzug gehalten. Ganz unabhängig davon, ob sie selbst ernannt oder (von anderen Experten) anerkannt sind. Experten verfügen – möchte man meinen – über Expertise. Klingt logisch, ist aber eine Sprechblase. Denn Expertise ist nicht gleich Fachverstand, sondern bloß ein Gutachten.

Das Gutachten soll hier keinesfalls schlechtgeredet werden. Im Vergleich zur Expertise verkauft es sich allerdings unter Wert. Denn im Englischen würde es sich nie nur mit dem Wortbestandteil „gut“ zufriedengeben. Stattdessen käme ein Extreme Adjective zum Einsatz – awesome, nicht wahr?

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"Quick Wins"
Zeit gewinnen: Es kann funktionieren. Warum Quick Wins immer auch ein Grund sind nachzufragen.

Effectuation ist ein Zugang, den besonders Entrepreneure gern wählen: In kleinen Schritten vorwärtsgehen, mit den Ressourcen arbeiten, die gerade zur Verfügung stehen, nur leistbare Verluste riskieren. Erfolge bestärken, weiter zu effektuieren. Schnellboote heißen die Vehikel, mit denen Kapitän und Crew dem Erwünschten näherkommen wollen.

Ein anderes Konzept steckt hinter Quick Wins. Das sind Erfolge, die schnell und mit geringem Aufwand eingefahren werden. Sie können helfen, Akzeptanz für Neues zu schaffen. Manager, die es ernst meinen, nützen die dank Quick Wins gewonnene Zeit und Energie, um im Hintergrund an längerfristigen Konzepten zu arbeiten.

Doch Vorsicht, Sprechblase: Oft werden kosmetische Maßnahmen als Quick Wins verkauft. Und in manchen Fällen drängt sich der Verdacht auf, Quick Wins würden nur der Werbung in eigener Sache dienen.

Den Zweck von Quick Wins zu hinterfragen, ist daher sinnvoll. Denn wer nur das Quick sieht, wird das Win für das Unternehmen leicht verfehlen. Dann gewinnt nur der Kapitän, die Crew geht baden.

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„Wir müssen das eintüten.“
Kommt nicht in die Tüte. Warum manche Phrase, nicht
aber ein Stanitzel entbehrlich ist.

Wir müssen den Sack zumachen“, antworten Fußballer vor dem Seitenwechsel gern wenig inspiriert auf ebenso einfallslose Reporterfragen. Sie wollen damit das Programm für die zweite Halbzeit skizzieren. Doch wer hat jemals Kicker mit einem Jute- oder Plastiksack über den Platz laufen gesehen? Überhaupt: Wie wäre der Sack zuzumachen? Das Gerede kann einem ganz schön auf den Nerv gehen.

Ähnlich ergeht es „Sprechblase“-Leser Manfred K., wenn er Ohrenzeuge einer anderen Sprechblase wird: „Wir müssen das eintüten.“ Auch hier ist gemeint, einen Abschluss zu erzielen, einen Prozess zu beenden und möglichst einen Treffer zu landen.

Egal, wie dieses Eintüten funktioniert, es hat mit Einwickeln, Einsacken oder Paketschnüren gemeinsam, dass der handliche Inhalt perfekt hergezeigt werden kann: „Schaut nur, was ich hier eingetütet habe. (Ich bin erfolgreich und schäme mich auch nicht dafür.)“ Ein Nachgeschmack bleibt: Denn den selbstgerechten Eintütern ist schließlich auch zuzutrauen, das Gegenüber genüsslich in der Pfeife zu rauchen.

Fest steht: In eine Tüte braucht uns nichts zu kommen. Angesichts der milden Temperaturen nicht einmal eine Eiskugel. Die gehört ins Stanitzel.

 

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Strategieflut
Banalitäten mit der Aura tiefer Einsicht. Warum nicht alles, was großartig klingt, gleich auch eine Strategie ist.

Was heute nicht alles strategisch ist: Entscheidungen, Vorgaben, der Einkauf. Und natürlich Papiere. Über ihnen haben Auserwählte oft monatelange gebrütet. „Der Strategieschleier ist nach wie vor ein Instrument erster Wahl, um selbst traurigsten Banalitäten die Aura tiefer Einsicht zu verleihen“, macht „Sprechblase“-Leser Michael S. seinem Ärger Luft.

Recht hat er, denn viele sogenannte Strategien haben weder mit grundsätzlichem, langfristigem Verhalten zu tun, noch umfassen sie Wesentliches: das Ausmaß der Umweltbeziehungen, Ressourcen und damit verbundene Fähigkeiten, Wettbewerbsvorteile der Unternehmung sowie Synergien als Resultat strategischen Entscheidens. Das ist nicht einfach: Nicht lineare Zeiten verlangen nicht lineare Zugänge, die Spontaneität und parallele Entwicklungen zulassen, Ängste reduzieren und Ressourcen für Experimente enthalten.

In dieser Strategieflut empfinden Mitarbeiter oft Unbehagen: (Neue) Strategien zwingen dazu, eigenes Verhalten zu ändern, Kompetenzen zu erwerben und gegen das Bauchgefühl zu entscheiden. Daran lässt sich arbeiten. Doch manch neue Strategie ist bloß ein Ausdruck der Selbstverwirklichung. Das ist dann meist keine gute Strategie.

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"Begegnung auf Augenhöhe"
Anlügen auf Augenhöhe. Warum es nicht immer günstig ist, sich Aug in Aug gegenüber zu sein.

Auf Augenhöhe begegnen. Das ist aktuell die Zauberphrase. Überwunden scheint die Zeit, in der die Mächtigen nicht aufzublicken brauchte, obwohl sie saßen, und die Untergebenen zu stehen hatten. Da schwingt viel Psychologie mit: Wer sich eine andere Person größer als sich selbst vorstellt, empfindet sich als unterlegen.

Das wissen alle Beteiligten: Große und Kleine, Führungskräfte und Mitarbeiter. Sie alle haben kräftig an der Sprechblase von der Begegnung auf Augenhöhe gearbeitet. Augenhöhe hat etwas: Die einen fühlen sich wertgeschätzt, die anderen erleben sich sozial kompetent. Ach was, wir sind alle gleich, wir sind ja alle nur Menschen.

Dabei hindert die Begegnung auf Augenhöhe – rein körperlich – nicht daran, dem anderen ins Gesicht zu lügen oder das Gegenüber mit den Worten: „Ich seh dir in die Augen, Kleines“ zu bevormunden.

Echte Begegnung auf Augenhöhe ist nicht gleichmacherisch, sie respektiert Unterschiede. Es sind die Körpersprache, die Art des Redens, Zuhörens und Mitdenkens, die entscheiden. Genau das zu sehen, wird oft erst möglich, wenn man sich nicht Aug in Aug gegenübersteht, sondern den ganzen Menschen im Blick hat.

 

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"Empathie"
Hauptsache ein bisschen Pathos. Warum Sympathie passiert und Empathie mitunter viel Arbeit ist.

Aristoteles wusste in seinen Reden zu überzeugen: Er setzte auf Pathos, den emotionalen Appell an sein Publikum. Heute würde es Aristoteles vermutlich „call to action“ nennen. 2014 müssen sich Redner (Aristoteles würde sie nun als Keynote Speaker bezeichnen) genau überlegen, ob sie pathetisch sein wollen.

Pathetisch ist nicht mehr angesagt. Genauso wenig wie sympathisch. Zu beliebig wurde das Wort verwendet. Dabei kann man sich Sympathie nicht aussuchen: Sie ist die spontane, gefühlsmäßige Zuneigung aufgrund ähnlicher Einstellungen und Zugänge. Sie entsteht – oder nicht.

Anders ist das mit einem Wort, das auch nach Pathos klingt: Empathie ist aktuell begehrt. Manager weisen laufend darauf hin, wie empathisch sie sind. Sie stehen regelrecht unter Druck, sich in andere hineinzuversetzen und deren Motive nachvollziehen zu können. Tatsächlich. Es gibt Führungskräfte, die empathisch handeln. Für andere aber ist Empathie nur Bestandteil des Werbetexts in eigener Sache – und damit eine Sprechblase. Für diese zweite Gruppe gibt es eine gute Nachricht: Empathie kann man sich erarbeiten. (Selbst-)Reflexion vorausgesetzt.

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Nespresso Kaffeekapseln

„Innovation“
Kaffee in Kapseln – zunächst ein Flop. Warum es ein Glücksfall ist, wenn eine Idee zur Innovation wird.

Innovationen braucht unsere Wirtschaft. In diesem Punkt sind sich alle einig. Zu Recht. Schließlich geht es um den Standort Österreich.

Stimmte, was die Werbung den Kunden erzählt, wäre nichts als Freude angesagt: Kein Angebot, das nicht als „innovativ“, kein Produkt, das nicht als „Innovation“ angepriesen wird. Schön wär's. Doch in den meisten Fällen ist die Rede von der Innovation leider nur eine Sprechblase.

Denn es ist regelrecht ein Glücksfall, wenn aus einer Produktidee, einem neuen Verfahren oder der neuen Dienstleistung tatsächlich eine Innovation wird. Dazu muss eine Neuheit nämlich eine erfolgreiche Anwendung finden und den Markt durchdringen: Diffusion nennen das die Experten, die sich am Donnerstag zum 11. Forum Innovation (pfi.or.at) treffen.

Diffus, wenn nicht sogar ein Flop war, was heute als Innovation bezeichnet werden darf: das Kaffeekapsel-System. Eric Favre hatte das Nespresso-System bei Nestlé erfunden und 1976 zum Patent angemeldet. Erst deutlich später kam das Produkt wenig erfolgreich auf den Markt. Erst als Ende der 1980er-Jahre das Marketing grundlegend geändert wurde, begann – what else? – die Erfolgsgeschichte.

(c) dpa/Marcus Brandt (Marcus Brandt)

"Paradigmenwechsel"
Unser Leben im 45-Minuten-Takt. Warum nicht jede Veränderung gleich ein Paradigmenwechsel ist.

Früher mussten Chefs zum Einstand im Unternehmen umrühren und sich zum Amtsantritt beweisen. Mittlerweile basteln auch etablierte Führungskräfte laufend an der Organisation – getrieben von der Dynamik ihrer Umwelt und des Markts.

Nun haben Veränderungen aber ein Imageproblem, weil „Change“ vielfach ein Synonym für Einsparung und Kürzung ist. Die Führungskräfte reagierten und bliesen eine Sprechblase auf: Veränderung heiße neuerdings Paradigmenwechsel. Klingt großartig und lässt selbst jede kosmetische Behandlung als Heldentat erscheinen.

Ein Paradigma, schreibt Ruth Seliger in ihrem Buch „Positive Leadership“, „ist wie die Grammatik einer Sprache: Man denkt nicht über sie nach, man verwendet sie, man denkt und spricht mit und in ihr.“ Es sei wie ein blinder Fleck, den man meist erst erkenne, wenn er sich verändere. So einschneidend ist ein Paradigmenwechsel. Ein wenig mehr an Wertschätzung etwa revolutioniert das Thema Führung daher lange noch nicht.

Paradigmenwechsel also passieren ganz selten. Dabei seien sie so notwendig wie der Seitenwechsel im Fußball, schrieb ein Kollege. Richtig: Aber bitte nicht im 45-Minuten-Takt.

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„Wir müssen unsere Hausaufgaben machen“
Mein Zuhause ist, wo ich gerade bin. Warum Hausaufgaben nicht nur Schülerkram sind.

Wie sehr man doch oft das Unerreichbare ersehnt: Wer zur Schule geht, wünscht sich, erwachsen zu sein und über eigenes Geld zu verfügen. Doch kaum der Schule entwachsen, verklärt sich der Schulalltag. Nur so ist es zu erklären, dass sich berufstätige Menschen der Sprechblase „wir müssen unsere Hausaufgaben machen“ bedienen. Die Selbstbewussteren behaupten sowieso, längst „ihre Hausaufgaben gemacht zu haben“.

Unklar ist, wo diese Hausübungen gemacht werden sollen: zu Hause im Wohnzimmer? Oder ist das Büro das neue Zuhause, weil ohnehin kaum Zeit bleibt, die sogenannten eigenen vier Wände zu bewohnen? Jenen, die Hausaufgaben verlangen, ist das egal. Hauptsache, sie werden erledigt.

Die Schule wirkt stark in das Berufsleben hinein. Das zeigt sich auch an der Fehler(un)kultur. Wie in der Schule werden Leistungen im Job an den Ausrutschern gemessen. Klar, es gibt dumme Fehler. Solche, die aus Schlamperei passieren etwa. Es gibt aber auch die wertvollen: Solche, aus denen sich lernen lässt und die belegen, dass jemand Neues probiert hat.

Wenn die Aufgabe lautet, Neues zu wagen, dann sind sogar Hausübungen sinnvoll. Büroübungen erst recht.

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Die C-Level Blase
Gedankliche Geisterfahrer: Warum CEOs ganz attitüdebefreit auch ein bisschen GF sein sollten.
 
Spiele für Manager verbinden Kooperation und Konkurrenzsituationen mit Lernerlebnissen, Spaß und Ernst. Serious Gaming nennen das die Amerikaner. Der dazugehörige CGO (Chief Gaming Officer) ist anders als der CLO (Chief Learning Officer) aber noch nicht einschlägig bekannt.

So klar ist es mit den C-Level-Bezeichnungen nicht. Die Kürzel CPO und CSO stehen für jeweils sechs verschiedene Funktionen, CAO und CDO tauchen in fünf, CBO und CRO in vier unterschiedlichen Zusammenhängen auf. Einige Bezeichnungen sind bloß Bubbles, wie es auf Neudeutsch heißt. Genau solche Sprechblasen sollen in dieser Kolumne regelmäßig platzen.

Eindeutig ist übrigens der CEO als oberster Chef. Dass sich in Österreich viele Manager Chief Executive Officer nennen, mag ein Indiz für die Exportorientierung ihrer Betriebe sein. Sie könnten sich genau so gut Managing Director nennen oder attitüdebefreit bei GF für Geschäftsführer bleiben.

In Wien wird gelegentlich behauptet, ein „GF“ auf dem Kennzeichen stehe für Geisterfahrer. Übertragen passt das Bild: Gerade der GF, aber auch der CEO, ist gefordert, eingefahrene (Denk-)Pfade zu verlassen. Mitunter inspiriert durch ein Managementspiel.

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„Ein Stück weit“
Darf es „ein Stück weit“ mehr sein? Warum „ein bisschen“ nach wenig klingt und trotzdem ehrlich ist.
 
Es klingt nicht berauschend, wenn sich Partner in Verhandlungen „ein bisschen“ angenähert haben. Wer „ein Stück weit“ weitergekommen ist, feiert zwar inhaltlich keinen größeren Erfolg, wirkt aber gleich viel optimistischer. Reframing nennen das die Experten, und alle Beteiligten fühlen sich besser. Auch wenn niemand weiß, wofür in der „Ein Stück weit“-Phrase dieses „weit“ stehen soll.

Es stimmt schon, die Synonyme „ein wenig“ und „teilweise“ hören sich eben nach wenig an. Ein „Stück“ ist scheinbar mehr: Es könnte sich um ein schönes Stück handeln oder, weil es so klein und daher eine Zumutung ist, um ein starkes Stück. Letztlich bleibt es „ein bisschen“. Oder würde ein Wurstverkäufer jemals sagen: „Darf es ein Stück weit mehr sein?“

Deutsche Politiker haben die „Ein Stück weit“-Inflation ausgelöst. Einer von ihnen sagte über den Rücktritt des früheren deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler: „Ich bin mehr als überrascht und auch ein Stück weit betroffen.“ Also auch das geht.

Doch zurück zum Verhandeln. Wer „ein Stück weit“ gekommen ist, sollte das große Ganze nicht aus den Augen verlieren. Sonst bleibt am Ende nichts als – ein Stückwerk.

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„Veränderung beginnt im Kopf"
André Heller hat natürlich recht. Wo Veränderung beginnt, ist klar. Unklar bleibt oft, wie sie aussieht.
 
"Die wahren Abenteuer sind im Kopf“, sang André Heller. „Veränderung beginnt im Kopf“, sagen die Manager im Chor. Alle haben sie recht. Letztere wissen sogar die Wissenschaft auf ihrer Seite, die belegt, dass allein der Gedanke an Veränderung unser Handeln beeinflusst. In den Köpfen muss noch viel passieren, damit sich die Arbeitswelt verändert. Das hat das Symposium „Das neue Arbeiten“ in Wien gezeigt.

Die Aussage, dass Veränderung im Kopf beginnt, stimmt. Sie ist allerdings nicht mehr als eine No-na-net-Phrase – darum platzt sie ja auch in der Sprechblase. Wo soll denn Veränderung sonst beginnen als im Kopf, wo jede Idee entsteht? Im Bauch vielleicht? Nein, das Bauchgefühl ist letztlich nichts anderes als ein Kopfgefühl: Der kluge Kopf traut sich bloß nicht allein zu entscheiden und beratschlagt lieber mit dem Kollegen weiter unten.

Wer als Manager mutig ist, sagt nicht, dass Veränderung im Kopf beginnt, sondern verrät, wo Veränderung hinführt. Das ist viel verlangt. Manchmal ist es schon großartig, wenn ausgesprochen wird, wie die ersten Veränderungsschritte aussehen sollen. Allein das wäre eine große Veränderung.

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„110 Prozent Einsatz"
Geben wir heute einmal 111 Prozent. Warum wir Zahlenspielern gegenüber vorsichtig sein sollten.
 
Jetzt im Herbst, da es darum geht, die Ernten in Gestalt von Aufträgen einzufahren, fordern Führungskräfte 110 Prozent Einsatz. Und die Mitarbeiter sagen wie selbstverständlich mindestens 110 Prozent zu.

Dabei müssten beiden Seiten wissen, dass sie nichts anderes als eine Sprechblase von sich geben. Mehr leisten als 100 Prozent geht nicht. Und ginge es, warum sollte sich jemand mit 110 Prozent zufriedengeben und nicht mindestens 111 Prozent oder gleich 200 Prozent verlangen?

Richtig, Grenzen sind da, um überwunden zu werden, doch manchmal geht es einfach nicht: Optimaler als optimal kann eine Sache nicht sein, einziger als einzig auch nicht. Und von minimalstem Aufwand und maximalstem Ergebnis soll erst gar nicht die Rede sein. Vor mehr als hundert Jahren hat der italienische Ökonom Vilfredo Pareto schließlich schon herausgefunden, dass es im Schnitt 20 Prozent der Kunden sind, die für 80 Prozent des Umsatzes sorgen.

Zurück zu den 110 Prozent: Die werden im Sport genau so gern gefordert wie in der Wirtschaft. Dort gibt es sogar 1000-prozentige Chancen. Und wenn man sie realisiert, fährt man eines Tages sogar zur Fußball-WM.

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„Am Ende des Tages“
Wann genau ist das Ende eines Tages? Warum Leistung und Zahlen auch untertags zählen.
 
Leistung und Zahlen sind es, die „am Ende des Tages“ zählen, sagen Führungskräfte. Das klingt ernst und objektivierbar. „Am Ende des Tages“ ist aber nur eine weitere Phrase aus dem Managementleben, die in der „Sprechblase“ platzen soll.

Genau genommen entspringt „am Ende des Tages“ einer misslungenen Übersetzung des Englischen „at the end of the day“, was nichts anderes als „schließlich“ heißt. Damit gesellt sich „am Ende des Tages“ zu „das macht Sinn“. Wenig sinnvoll also.

Wenn „am Ende des Tages“ alles passen soll, was ist dann mit all den Produkten, die am Nachmittag gefertigt, den Dienstleistungen, die zu Mittag erbracht und den Dingen, die in der Früh erledigt werden müssen? Und wann ist das Ende des Tages genau? Um Mitternacht oder nach exakt acht Arbeitsstunden, wie es das Arbeitsrecht grundsätzlich vorschreibt?

Mitarbeiter und Manager sehnen sich nach flexibleren Arbeitszeiten, um nach Bedarf in der Nacht oder auch einmal am Wochenende Teilen ihrer Arbeit nachzugehen. Da wird die Forderung, mit allem nur ja am Ende des Tages fertig zu sein, wohl zur Unzeit erhoben. Doch diese Formulierung ist ein Kapitel für sich.

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Negative Worte
„Bad Bank“ kann so harmonisch klingen. Warum man Worterfindern kein einziges Wort glauben sollte.
 
Auf Neudeutsch werden sie No-go genannt: Formulierungen, in denen „nicht“, „nein“ oder Worte mit „un-“ vorkommen. Das ist so negativ. Gute Wirtschaftsleute haben „miserabel“, „schlecht“ oder „böse“ längst aus ihrem aktiven Wortschatz gestrichen.

Sie sprechen niemals von einer „Bad Bank“. Das sind jene Institute, mit denen die Folgen der Bankenkrise beseitigt werden sollen. Über sie werden nicht einlösbare Kreditforderungen und „toxische“ Wertpapiere abgewickelt, deren Ausfall Banken gefährden.

Weil sich „böse Bank“ in den Ohren der Kunden noch schlimmer als „Bad Bank“ anhört, zauberten Worterfinder in den Banken das Synonym „Abbaueinheit“ aus dem Sparschwein. Abbau klingt nach Bergbau und wertvollen Rohstoffen, Einheit nach Harmonie: Die Kreation „Abbaueinheit“ ist ein Verschleierungsvolltreffer und damit ein Fall für diese „Sprechblase“.

An so einer „Abbaueinheit“ bastelt die Hypo Alpe Adria und sucht Harmonie und Einheit mit den Steuerzahlern: Die Bank ließ ausrichten, die „Abbaueinheit“ werde gebildet, um „den Staatshaushalt nicht über Gebühr zu belasten“. Diese Gebühr für sich ist hoffentlich nicht ungebührlich hoch.

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„Die schwarze Null"
Heuer schreiben wir eine grüne Null. Warum Farbenspiele rund um das Ergebnis verwirren können.
 
In vielen Betrieben ist es längst mit dem Weihnachtsfrieden vorbei. In den Finanzabteilungen herrscht hektisches Treiben. Weil um jeden Preis eine „schwarze Null“ erreicht werden soll, werden im letzten Moment abgeschlossene Geschäfte bewertet und Aufträge gebucht.

Mit ihrer Rede von der „schwarzen Null“ wollen Führungskräfte begeistern und wachrütteln. Warum „rote Zahlen“ der Albtraum jeder Geschäftsführung sind und ausgerechnet „schwarze Zahlen“ motivieren sollen, bleibt unklar. Immerhin werden mit dem Schwarzen Freitag gleich einige dramatische Kursstürze an den Börsen assoziiert.

Unklar bleibt der Unterschied zwischen der „roten“ und der „schwarzen Null“. Definition gibt es keine. Nur ein vages Gefühl, ob das Ergebnis knapp positiv oder negativ ist.

Die rot und schwarz eingefärbten Nullen bleiben also Sprechblasen, die vieles, aber nichts Genaues bedeuten. Denn genau genommen ist die Null vom Erfolg und dem Misserfolg gleich weit entfernt – den Bruchteil eines Euros. Die Null aber ist und bleibt null und nichts anders. Vielleicht befindet sich die Null im Cylindre beim Roulette genau deshalb auf einem grünen Feld.

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„Über den Tellerrand schauen"
Das Leben ist ein Kaffeekränzchen. Warum es mehr braucht, als bloß über den Tellerrand zu blicken.
 
Natürlich: Auch die Angloamerikaner lassen sich nicht gern taxieren, kategorisieren und in Schubladen stecken. Aber es hilft nichts: Unser Gehirn benötigt das Kasterldenken, um das Gegenüber einordnen zu können.

Die Angloamerikaner sitzen der gängigen Phrase gemäß also in größeren oder kleineren Schachteln: Sie müssen „thinking outside the box“ betreiben, wollen sie unkonventionellen und kreativen Gedanken nachhängen.

Bei uns klingen sogar die Sprechblasen kulinarischer, bei uns ist das Leben ein Kaffeekränzchen. Wir sind in Häferln und auf Tellern eingeordnet: Denn wer bei uns querdenken will – ganz gleich, ob echter Querdenker oder bloß Quereinsteiger – muss der Phrase folgend wie der Milchschaum auf der Melange schwimmen, um „über den Häferlrand blicken“.

Letztlich aber ist es nicht damit getan, „über den Tellerrand zu schauen“. Es geht darum, den Tellerrand zu überwinden. Dazu ist viel Energie nötig, und dazu sollten auch die richtigen Werkzeuge zur Hand sein. Denn schließlich will jeder ein (Achtung abgedroschene Phrase!) möglichst großes Stück vom Kuchen bekommen. Darum geht es schließlich im Leben – nicht nur beim Kaffeekränzchen.

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„Kostenmaßnahme"
Das Sparbuch war schon mal beliebter. Warum „Kostenmaßnahme“ eine so gelungene Wortkomposition ist.
 
Im Prinzip ist das Wort „sparen“ positiv besetzt. Wir wollen Energie sparen, was uns dank neuer Techniken immer besser gelingt, um die Umwelt zu schützen. Wir wollen Zeit sparen, um die uns wichtigen Dinge länger genießen zu können. Und wir wollen vor allem Geld sparen, was angesichts niedriger Sparbuchzinsen immer weniger gelingt.

Wie stark sich ein Wort verändert, wenn es um drei Buchstaben länger wird, zeigt das Verb „ein-sparen“. Während Private sparen wollen, sind Unternehmen vielfach gezwungen, einzusparen. Beim Sparen bleibt etwas übrig (schönere Umwelt, Zeit, Geld). Beim Einsparen geht etwas verloren. Deshalb ist das Einsparen vor allem bei Mitarbeitern unbeliebt, weil es oft Personal (oder Polizeidienststellen) ist, das eingespart werden muss.

Diese Fakten werden ungern angesprochen. Manager haben daher eine Sprechblase entwickelt: Sie reden von „Kostenmaßnahmen“ – eine gelungene Komposition. Ja, es geht zwar um Kosten, doch in „Maßnahme“ steckt viel Gestaltungs- und Verbesserungswille. Es enthält auch das „Maß nehmen“, was Augenmaß verheißt. Letztlich bedeuten „Kostenmaßnahmen“ trotzdem nichts anderes als einsparen.

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„Überqualifiziert"
Dann beuten Sie mich doch aus. Warum „überqualifiziert“ eine sehr relative Einordnung ist.
 
Die jüngste Arbeitslosenstatistik war alles andere als erfreulich. Viele derer, die sich zuletzt vergeblich um Arbeit bewarben, haben in ihren Bewerbungsgesprächen diesen Satz gehört: „Sie sind überqualifiziert.“

Selbst Personaler gestehen, dass er meist nur eine Verlegenheitsantwort und damit eine „Sprechblase“ ist. Natürlich könnte man wie in der Schnulze „Ein unmoralisches Angebot“ antworten: „Dann beuten Sie mich doch aus.“ Oder: „Da bin ich nicht überfordert.“ Oder: „Ich bringe also alle Qualifikationen mit – ja, sogar noch mehr.“

Es lohnt sich, dieses „überqualifiziert“ zu hinterfragen. Spießt es sich beim Gehalt? Oder wird vermutet, dass der Job nur eine Übergangslösung ist? Oder befürchtet, dass der Bewerber Qualifikationen mitbringt, die nicht gebraucht werden, und Langweile droht? Dann hat er sich tatsächlich für den falschen Job beworben. Nicht nur diesfalls darf der Bewerber erwarten, dass sich der Personalist qualifiziert verhält und das auch ausspricht.

Übrigens: Bei Migranten sind die Personalisten offenbar weniger kritisch. Knapp ein Drittel der in Österreich beschäftigten Migranten wird eingestellt, obwohl sie von ihrer Ausbildung her überqualifiziert sind.

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„Sich-selbst-Erfinden“
Die permanente Wiedergeburt. Warum Abschauen das neue „Sich-selbst-Erfinden“ ist.
 
Daniel Düsentrieb, das ist ein Erfinder. Sich selbst erfand er nie neu. Er blieb seit seiner „Geburt“ 1952 der Alte. Ob das angesichts manch seiner Ideen so gut ist, bleibt dahingestellt.

Außerhalb der Disney-Welt stehen Unternehmen und Menschen unter Druck, sich ständig „selbst neu zu erfinden“, die permanente Wiedergeburt zu leben und mitzuhelfen, eine gewaltige Sprechblase zu füllen: Wer ein neues Produkt anbietet, der hat sich scheinbar bereits selbst neu erfunden.

Etwas zu erfinden ist einmalig, etwas neu(erlich) zu erfinden daher unmöglich. Menschen aber können sich in unbekannten Situationen neu orientieren. Sie können sich selbst finden, neue Seiten an sich entdecken. Doch die totale Veränderung, die „sich selbst neu erfinden“ impliziert, ist unrealistisch. Sie hieße, alles Bisherige zu zerstören. Meist müssen wir zufrieden sein, wenn kleine Schritte gelingen.

Wie hilflos selbst die Sich-selbst-neu-Erfinden-Gurus sind, zeigen ihre Hinweise, sich im Internet Ideen zu holen, frei nach Düsentrieb: „Besser gut abgeschaut als schlecht selbst gebaut.“ Suchenden muss klar sein: Alles, was im Internet zu finden ist, hat irgendwer bereits erfunden. „Sich selbst neu erfinden“ geht eben leider nicht.
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„Proaktiv"
Der Superlativ ist niemals genug. Warum es keine Auszeichnung ist, ein aktiver Mensch zu sein.
 
Es gibt Adjektive, die können sinnvollerweise nicht gesteigert werden: einzig etwa. Menschen oder Dinge werden nicht einzigartiger, nur weil sie superlativisch als die „einzigsten“ tituliert werden. Daneben gibt es Eigenschaftswörter, die gleichsam übersteigert werden: Aus aktiv wurde proaktiv. Wer proaktiv ist, gilt als aktiv und ist obendrein pro, also für etwas. Das impliziert Dynamik, Energie und Entschlossenheit.

Tatsächlich ist proaktiv eine Worthülse und damit ein Fall für die „Sprechblase“. Bewerber müssen auf ihre Aufgaben proaktiv zugehen, verlangen Stelleninserate. Wer lediglich aktiv ist, wirkt beinahe schon passiv. Auch in Politik und Unternehmen reicht Aktivität nicht aus: Alles muss proaktiv sein – vieles davon endet in Aktivismus oder Aktionismus.

Viktor Frankl hat das Wort proaktiv eingeführt, damit aber etwas ganz anderes gemeint: Verantwortung für sich, sein Leben und seine Handlungen zu übernehmen. Davon sind vorgeblich proaktive Mitarbeiter und Führungskräfte oft weit entfernt.

Die abschließende Empfehlung ist zwar nicht ganz neu, aber dringend: Proaktiv sollte nicht in den aktiven Wortschatz übernommen werden.

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„Etwas auf dem Radar haben“
Im Sinn der Fluglotsen. Warum „etwas auf dem Radar haben“ viele Bedeutungen hat.

Unglaublich, wie viele Techniker es in Österreichs Unternehmen gibt. Selbst in technikfernen Betrieben wird mit Radio Detection and Ranging, also Radar, wie selbstverständlich hantiert. „Ich habe das auf dem Radar“, lautet die dazugehörige Sprechblase.

Im günstigsten Fall bedeutet „Ich habe das auf dem Radar“ – ganz im Sinn der Fluglotsen – ich habe diese Sache oder jene Aufgabe im Blick. Das klingt gleich viel aufregender als „ich arbeite daran“. Diese Sache oder Aufgabe findet sich dann längst auf der Agenda. Und falls nicht, wird das Anliegen bestimmt gleich auf die Agenda gesetzt. Agenda klingt schließlich viel gebildeter als die aus dem Englischen übernommene To-do-Liste.

Zurück zu „Ich habe das auf dem Radar“. Die Phrase kann auch anderes bedeuten. Etwa, „Hoppla, danke für die Erinnerung. Das hätte ich glatt vergessen.“ Auch auf eine dritte Variante sollte das persönliche Radar eingestellt sein: „Du nervst! Halte mich nicht auf. Komm wieder, wenn ich nichts Wichtiges zu tun habe.“ Also nie.

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„Das wurde mir so nicht kommuniziert“
Lasst mich ruhig dumm sterben. Warum zwar viel geredet, aber selten etwas gesagt wird.

Es ist nicht besonders modern, etwas „zu sagen“. Wer sich mitteilen will, wählt andere Verben. Es wird getextet, gepostet, getwittert und vor allem „kommuniziert“. Kommunikation, das sagen unzählige Studien, sei verantwortlich für die Begeisterung und das Engagement der Mitarbeiter und letztlich entscheidend für die Produktivität eines Unternehmens.

Unangenehm ist es, wenn man als Mitarbeiter feststellt: „Das wurde mir so nicht kommuniziert.“ Wer sich dieser Sprechblase bedient, lässt meist Entrüstung mitschwingen, nach dem Motto: „Ja, ja, lasst mich hier ruhig dumm sterben.“ Mitunter aber drückt es nichts als das umformulierte Eingeständnis aus, „Ich habe keine Ahnung, ich bin nicht auf dem Laufenden“. Oder, wie es im Büro-Englisch heißt, „Ich bin nicht ,in the loop‘“.

Wem etwas „so nicht kommuniziert“ wurde, der sollte eine Schleife ziehen und das Thema bereden. Doch auch hier gilt Vorsicht: Oft wird bei diesen Gelegenheiten mehr geredet als tatsächlich gesagt. Wie gesagt, „sagen“ ist nicht sonderlich modern.

In der Zwischenzeit basteln andere schon an der nächsten Mitteilung. Ganz geschäftig heißt das dann: „Wir adressieren das gerade.“

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In 14 Tagen gibt es neue Sprechblasen aus der Management-Sprache.

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Sprechblasen-Bingo

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