Bullshit-Bingo: Die beliebtesten Management-Phrasen

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Viel Action im Goldfischteich
Warum High Potentials niemanden kalt lassen.

Nichts polarisiert unter jungen Mitarbeitern so wie das Thema High Potentials. Alle wollen dazu zählen. Denn das bedeutet anspruchsvollere Aufgaben, tiefere Einblicke und meist mehr Geld. Zwar auch viel Arbeit. Doch viel leisten müssen sowieso alle. Dann also lieber als High Potential – besonders motiviert, flexibel, belastbar, intelligent und sozial kompetent – gelten.

Wer doch nicht als High Potential, als HiPo, gesehen wird, mutiert schnell zum Neider: High Potentials seien Halbprofis, die alles zu wissen und können glauben, und opportun seien. Oder zum Spötter: High Potentials wären noch keine Achiever, die etwas erreicht hätten.

High Potential solle man aus seinem Wortschatz streichen, schrieb Christian Scholz, Professor für Organisation, Personal- und Informationsmanagement, einmal in der FAZ. Unternehmen würden sich viel Aktionismus um den High-Potential-Goldfischteich ersparen, in dem nicht wenige zu faulen Weihnachtskarpfen mutierten. Und überhaupt: Die meiste Arbeit werde von normalen Menschen erledigt. Nicht von HiPos.

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Alles ist relativ
Warum „absolut“ ganz und gar „gänzlich“ ersetzt.

"Österreich ist eine demokratische Republik“, heißt es gleich am auf den ersten Zeilen des Bundes-Verfassungsgesetzes. Und trotzdem scheint das Land ganz tief im Absolutismus zu stecken. Das ist keine Anspielung an die Diskussionen, die vor der Bundespräsidentenwahl die Kompetenzen des Staatsoberhauptes sezierten. Das hat auch nichts mit den Landesfürsten und Ortskaisern, die nach wie vor regieren.

Viel mehr geht es um die Sprechblase „absolut“. Die ist absolut populär. Als Antwort auf so gut wie jede Frage und als Kommentar zu so gut wie jeder Bemerkung ist dieses „absolut“ absolut passend.

„Absolut“ verkörpert Entschlossenheit und kaschiert Ahnungslosigkeit. Aber nicht nur adverbiell verwendet, auch als Adjektiv ist „absolut“ der absolute Wahnsinn oder absolut genial. Und alles, was nicht absolut ist, ist damit automatisch nur relativ.

Würde der letzte (zumindest zeitweise) absolute Herrscher heute leben, er würde wahrscheinlich seinen Standardsatz adaptieren: „Es war sehr schön, es hat mich absolut gefreut.“

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Pfusch am Bau
Warum offene Baustellen an Tim Taylor erinnern.

Wie uns Fernsehserien doch unterschiedlich prägen. Die junge Generation zweifelt wie Bob, der Baumeister, Hauptfigur der gleichnamigen Serie. Aber sie lässt sich begeistern. Auf Bobs rhetorische Frage „Können wir das schaffen?“ antwortet sie im englischen Original ganz Obama-like mit „Yes we can!“, in der deutschen Version „Yo, wir schaffen das!“

Die Älteren von uns, das sind die, die heute vielfach in gehobenen Managementpositionen arbeiten, sind mit Heimwerkerkönig Tim Taylor aufgewachsen. Der versuchte in der Serie „Hör mal, wer da hämmert“, seine Aufgaben gemäß seinem Leitspruch „Mehr Power!“ zu lösen. Mit überschaubarem Erfolg. Wäre da nicht sein naiv-bodenständiger Assistent Al Borland gewesen, der viele von Tim verursachte Flurschäden fachgerecht wieder sanierte.

Wenig überraschend, dass genaue diese Generation immer wieder von – Achtung Sprechblase – „offenen Baustellen“ spricht, wenn sie knifflige und noch zu lösende Aufgaben vor Augen hat. Das Problem dabei: Wer zu viele offene Baustellen hat, findet sich schnell als Kandidat für „Pfusch am Bau“ wieder.

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Ein gepflegtes Bier gefällig?
Warum Daten einpflegen unbeliebt bleiben wird.

Pflegeberufe sind zwar nicht sonderlich gut bezahlt, sie genießen aber immerhin Ansehen. Von dieser Reputation möchten andere Berufsgruppen gern naschen und umschreiben ihr Geschäft mit „pflegen“ – anstatt die tatsächliche Tätigkeit zu nennen.

Putzen etwa: Büro, Wohnung etc. werden nicht mehr geputzt, sondern Räume werden gepflegt.

Oder Daten in den Computer eingeben: Das kann stupide sein und wenig geistiger Anstrengung bedürfen. Genannt wird es „Daten einpflegen“. Die Bezeichnung steigert das Selbstwertgefühl der Daten-in-den-Computer-Reinklopfer. Es gibt ihnen das Gefühl, als müssten sie den Daten mit Empathie begegnen und sie fürsorglich behandeln. Und auch dem Auftraggeber vermittelt „Daten einpflegen“ das gute Gefühl, einen unbeliebten Job aufzuwerten.

Mit dem Pflegen kann man es aber auch übertreiben: Wenn Sie auf ein „gepflegtes“ Bier eingeladen werden, lehnen Sie dankend ab. Gepflegt werden Wege, Straßen oder Oldtimer – alte Dinge mit Bestand. Aber niemals frisch gezapftes Bier.

 

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Unselbst, unständig
Warum Unselbstständige beleidigt sein sollten.

Woran sind Selbstständige zu erkennen? Daran, dass sie selbst und ständig arbeiten. Zugegeben, die Antwort ist weder neu noch originell, trifft aber doch in vielen Fällen zu. (Ob Selbstständige gut delegieren können, ist eine andere Frage.)

Selbstständig zu sein, das klingt nach eigenständigen Geschäftsideen und nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit – auch das ist eine eigene Geschichte (und im Zweifel eine unerfüllbare Wunschvorstellung).

Wo es Selbstständige gibt, muss es zwangsläufig auch Unselbstständige geben. Und genau sie sind das Problem: nicht primär, weil sie immer wieder einmal Probleme machen. Der Begriff an sich ist problematisch. Unselbstständige – eine herrliche Sprechblase.

Viel wird aktuell über die Mitarbeiter diskutiert: Sie sollen sich und ihre Ideen einbringen, wirtschaftlich und gleichsam unternehmerisch denken und sich in manchen Unternehmen sogar selbst organisieren. Genau diese Mitarbeiter werden Unselbstständige genannt. Da fragt sich nur, worauf sich das „un“ bezieht: auf selbst oder ständig.

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So etwas von gestählt
Warum Talentschmieden Schmerzen zufügen.

Die gute Nachricht: Nicht jede Maßnahme des betrieblichen Gesundheitsmanagements muss automatisch (viel) Geld kosten. Denn die Gesundheit der Mitarbeiter beginnt bei der Wortwahl – und diese ist grundsätzlich kostenlos.

Ein Beispiel: Unternehmen, die fürsorglich zu sein behaupten, sollten sich dreimal überlegen, ob sie für ihre hoffnungsvollen Führungskräfte und Spezialisten von morgen tatsächlich – Achtung: Sprechblase – Talentschmieden sein wollen.

Talente als Werkstücke zu sehen ist nicht verboten, vermittelt aber ein spezielles Bild: In Schmieden werden die Werkstücke zum Bearbeiten erhitzt und danach sehr schnell wieder abgekühlt. Sie werden durch hohen Druck oder Schläge gestaucht, gebogen und geformt. Ständig sind sie der Wucht des Hammers und der Härte des Ambosses ausgesetzt. Blaue Flecken und Schmerzen gehören selbstverständlich dazu. Gebrochen zu werden ist ein Kollateralschaden.

Manche Talente gehen aus der Schmiede so etwas von gestählt hervor. Ob sich aber der Sinn in ihrer Arbeit auf diese Weise einhämmern lässt, ist ungewiss.

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Da hört sich der Spaß auf
Warum Bespaßung meist höchst oberflächlich ist.

Wie wird in Österreich gearbeitet? Ach ja, aus Spaß an der Freud. So einfach sei das nicht, monierte ein „Sprechblase“-Leser, Spaß und Freude seien keinesfalls synonym.

Spaß, besagt eine Definition, könne man kaufen, er komme von außen, während man die Freude schon selbst mitbringen müsse, komme sie doch von innen. Die ganz Strengen sagen sogar: „Spaß ist Freude ohne Sinn.“ Klingt nicht nur sinn-, sondern auch spaßbefreit. Wie auch immer. Spaß beiseite.

Fakt ist, dass das – Achtung Sprechblase – Bespaßen allgegenwärtig ist. Eltern müssen ihre Kinder bespaßen, ältere Kinder mitunter ihre noch älteren Eltern, Herrln ihre Hunde und – Führungskräfte ihre Mitarbeiter. Schnell wird klar: Ausgelassen und scherzhaft ist das unter Umständen im ersten, aber sicher nicht im letzten Beispiel.

Mitarbeiter, die bespaßt werden wollen, sind vielleicht nicht ganz die Richtigen. Und Führungskräfte, die ihre Mitarbeiter bespaßen, tun das vielleicht nicht ganz ohne Hintergedanken: Sie halten ihre Mitarbeiter bei Laune, damit sie eine schlechte Nachricht leichter ertragen. Und da hört sich der Spaß auf.

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Der Hillary-Clinton-Effekt
Warum Vorbilder mitunter beflügeln.

Sie ist weder originell noch bei Bewerbern sonderlich beliebt: Die Frage der Recruiter nach den Vorbildern. Was soll man schlauerweise antworten? Über jeden Zweifel erhabene Allzeitgrößen vom Kaliber Mutter Teresa oder Mahatma Gandhi, raten Coaches, oder Menschen aus dem persönlichen Umfeld, die der Recruiter kaum kennen kann.

Was immer Recruiter daraus ablesen wollen, eines ist sicher: Von Vorbildern kann man lernen, das eigene Leben muss man selbst leben.

Bestätigt jedenfalls ist, dass Vorbilder beflügeln können, wie der Hillary-Clinton-Effekt belegt: Bei einem Mathe-Test schnitten Clinton-Fans, die sich vor dem Test an die Clinton zugeschriebenen Eigenschaften erinnerten – hart zu arbeiten, talentiert und daher erfolgreich zu sein –, deutlich besser ab als jene, die fanden, Clintons Erfolg basiere auf günstigen Umständen und Glück.

Wer sind Hillary Clintons Vorbilder? Die Demokratin und Menschenrechtsaktivistin Eleanor Roosevelt und die Republikanerin und erste Frau, die um die US-Präsidentschaft kämpfte, Margaret Chase Smith, zählen dazu. Mutter Teresa und Mahatma Gandhi wahrscheinlich auch; aber das ist nicht bestätigt.

 

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Geschlossene Anstalt
Warum Offenheit meist an enge Grenzen stößt.

Unternehmen verlangen sie. Bewerber, spätere Mitarbeiter und selbstverständlich Führungskräfte sind sich sicher, in hohem Ausmaß über sie zu verfügen: über Offenheit.

Ob sie alle auch das Bild von Offenheit im Kopf haben, von dem das Wörterbuch spricht? Nämlich eine freimütige Wesensart zu besitzen, rückhaltlos ehrlich, aufgeschlossen, und bereit zu sein, sich mit jemandem oder etwas unvoreingenommen auseinanderzusetzen, wie es der Duden zusammenfasst.

Auch Organisationen nehmen für sich und ihre Unternehmenskultur gerne in Anspruch, offen zu sein. Bloß bekommt diese oft verwendete Phrase „offen für Anregung sein“ dabei eine ganz neue, durchaus sprechblasige Bedeutung. „Offen für Anregungen“ zu sein, bedeutet dann in vielen Fällen nicht anderes als: Hier dürfen alle offen alles an- und aussprechen, solange sie der Meinung des Managements nicht widersprechen.

Wie diese Form der Offenheit zu verstehen ist, macht unter den Mitarbeitern meinst schnell die Runde. Entsprechend werden sie sich benehmen. So geistesabwesend wie die Patienten einer geschlossenen Anstalt.

 

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Goldene Fesseln
Warum sich Mitarbeiter ungern anbinden lassen.

Wäre doch alles so einfach wie die Welt der Mobilfunkverträge der konventionellen Anbieter. Es gibt ein breites Angebot – aber jeweils nur gegen Mindestbindung.

Bindung ist für Unternehmen ein zentrales Thema: nicht nur, wenn es um ihre Kunden geht. Sondern auch, wenn es darum geht, ihre Mitarbeiter zu halten. Vor allem jene, die für High Potentials gehalten werden. In der Angst, dass sie so schnell, wie sie gekommen sind, das Unternehmen wieder verlassen könnten, etablieren Unternehmen – Achtung: Sprechblase – Mitarbeiterbindungsprogramme.

Doch sie sitzen damit einem Denkfehler auf. Denn wer glaubt, jemanden (an-)binden zu müssen, fühlt sich nicht in der Lage, ein Umfeld zu schaffen, in dem jemand gern bleibt. In der Not setzt man auf Gehalt (das wird teuer) oder auf Weiterbildung (auch das wird teuer). Kein Wunder, dass Mitarbeiterbindungsprogramme in Deutschland gern „goldene Fesseln“ genannt werden.

Was Mitarbeiter hingegen verlässlich im Unternehmen hält, ist simpel und kompliziert zugleich: sie zu begeistern. Täglich. Dann bleiben sie – auch ohne Mindestbindung.

 

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Seit mehr als vier Jahren zieht Michael Köttritsch beliebte Management-Phrasen durch den Kakao. Hier ist das "Best-of" seiner Kolumnen. Alle Sprechblasen auf einen Blick finden Sie hier.

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Ein Synonym für Sparen
Warum Kernkompetenz allein oft nicht reicht.

Viel ist in diesen Tagen von der Kern-Kompetenz in der Politik zu hören. So wie im Jahr 2007 viel von Klima-Wechsel die Rede war. Doch dieser boulevardeske Kalauer mit dem Familiennamen hat hier nichts verloren.

Viel ist in diesen Tagen auch von der Kernkompetenz (Man achte auf den Bedeutungsunterschied bei der Variante ohne Bindestrich!) in Unternehmen zu hören. Und von der Konzentration auf ebendiese Kernkompetenz. Sie ist ja grundsätzlich vernünftig, denn wozu sollen Unternehmen Ressourcen in etwas stecken, das sie nicht so günstig wie andere anbieten können? Wozu Geld in etwas investieren, bei dem „buy“ günstiger als „make“ ist?

Und doch handelt es sich hier um eine wunderbare Sprechblase: Denn in den meisten Fällen bedeutet „sich auf die Kernkompetenzen besinnen“ nur dreierlei: sparen, sparen, sparen.

Gerade in dieser Situation ist die Rückbesinnung auf das, was man einmal gut konnte, eindeutig zu wenig: Wenn der Markt nicht mehr danach verlangt, was die Organisation im Kern beherrscht, helfen die Kernkompetenzen allein auch nicht aus der Krise.

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Eine Solution, die empowert
Warum eine Vielzahl an Lösungsansätzen stört.

Darüber herrscht Konsens: Wir leben in einer Welt, die von Vuka bestimmt wird – also von Volatilität (häufigen, raschen Veränderungen), von Unsicherheit (abnehmender Vorhersagbarkeit), von Komplexität (eh klar, möchte man meinen) und von Ambiguität (mehrdeutiger Faktenlage). Die Ersten, die von Vuka geredet haben, waren übrigens die US-Militärs – und nicht die Berater.

In einer vuka Welt (ja, es gibt vuka auch als Adjektiv) sind einfache Lösungen nur schwer zu finden. Vor allem auch deswegen, weil sie meist gar nicht existieren. Im Arbeitsalltag hört man die Lösungssuchenden – Achtung Sprechblase – daher immer öfter sagen: „Wir verfolgen eine Vielzahl an Lösungsansätzen.“ Klingt engagiert, ist meist aber doch nichts anderes als eine sehr charmante Weise, eines zu sagen: Wir tappen im Dunklen. Wir haben keine Ahnung. Oder auf gut Österreichisch: Nichts Genaues weiß man nicht.

Im Zweifel empfiehlt es sich dann, externe Berater zuzuziehen, die wie selbstverständlich eine Lösung anbieten und letztlich sagen können: „Keine Solution hat den Customer so empowert wie unsere.“

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Drei Dinge auf einmal
Warum ein „Themen haben“ sehr vieldeutig ist.

Wer früher „ein Thema hatte“, war glücklich. Endlich konnte mit Seminar- oder Diplomarbeit, Dissertation oder Habilitation begonnen werden. Man musste das Thema nur kritisch mit dem Betreuer geprüft haben.

Wenn heute jemand – Achtung, Sprechblase – „ein Thema hat“, warten ganz andere kritische Fragen. Ein Beispiel: Vergangene Woche ließ ein europäischer Flugzeughersteller eine Sprecherin ausrichten, bei einer der großen Militärmaschinen sei „im Rahmen der üblichen Qualitätssicherung ein Materialthema“ bekannt geworden. Da hatten dann plötzlich Kunden „ein Thema“ mit dem Management und das Management eines mit den Mitarbeitern.

Immerhin: Alle Beteiligten, die ein Thema haben oder ein Thema mit jemandem haben, schummeln sich erfolgreich um das Wort „Problem“ herum. Und das ist doch wunderbar, denn wer möchte schon Probleme am Hals haben – geschweige denn welche zugeben?

Tja, es soll Menschen geben, die 1) ein Thema mit Menschen haben, die 2) mit der Sprechblase „Ein Thema haben“ kein Thema haben. Trotzdem: Für diese Kolumne war all das 3) ein schönes Thema.

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Ein Leben in Zeitschachteln
Warum Timeboxing eine sportliche Dimension hat.

Langsam spricht sich herum, dass „agiles Management“ ein probates Mittel sein kann, auf volatile, unsichere, komplexe und ambivalente Entwicklungen zu reagieren. Hohes (Entscheidungs-)Tempo ist einer der wichtigen Punkte. Daher werden Arbeitsschritte auch nach dem Prinzip des – Achtung, Sprechblase – Timeboxing zeitlich klar begrenzt.

Das ist gut so, zwingt dazu, Aufgaben und Besprechungen pünktlich zu beginnen und zu beenden und sorgt in Summe für höhere Effizienz. (Dass Timeboxing in der Praxis viel mit dem Boxsport zu tun hat, steht auf einem anderen Blatt. Man muss sich eben mit der vorgegebenen Zeit herumschlagen. Das hat durchaus eine sportliche Dimension, die Kondition erfordert. Zeit, um Zeit sprichwörtlich totschlagen zu müssen, bleibt hingegen keine.)

Eines aber verwundert am Timeboxing: Wie sollen agil gemanagte Menschen „out of the box“ denken, wenn sie in Zeitschachteln arbeiten müssen? Ein Widerspruch. Da hören sich die – an dieser Stelle schon einmal liebevoll eingeschlagenen – Zeitfenster weniger begrenzend an. Aus ihnen kann man sich zur Not immerhin weit hinauslehnen.

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Huhu, ich bin ein Geist
Warum „Ghosting“ die neue Funkstille ist.

Mails sind dankbar: schriftlich zwar, doch nicht so bedeutungsschwer wie und kurzlebiger als Briefe. In Mails wird folglich eifrig geflunkert. Schließlich muss man dem Adressaten der Botschaft nicht in die Augen sehen. Und der kann sich bekanntlich kein Bild davon machen, ob man nicht vielleicht doch rot wird.

Besonders gern wird mit der Wahrheit flexibel umgegangen, wenn die Korrespondenz über Kooperationen, Deals etc. jäh abreißt, sich das Gegenüber lang nicht meldet, irgendwann doch antwortet und sich damit zu entschuldigen sucht, dass das Mail a) im übervollen Posteingang untergegangen sei oder b) auf unverständliche Weise im Junk-Ordner gelandet sei oder die Antwort c) leider im Postausgang hängen geblieben sei.

Mehr oder weniger reumütig wird das schlechte Gewissen erwähnt und ein „Sorry“ eingeflochten.

Die lange Pause, die zwischen den erwähnten Mails liegt, heißt: „Ghosting“. (Danke an „Sprechblase“-Leserin Saskia W. für diesen Hinweis.) Huhu, ich bin ein Geist. Ich bin nicht da. Und Geister können zwar herumgeistern, aber sicher keine Mails schreiben.

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Das schaffst du nie!
Warum To-do-Listen so herrlich frustrierend sind.

Was wäre das (Büro-)Leben ohne To-do-Listen? Diese Sprechblase zum Thema „auf die To-do-Liste setzen“ entstand anhand der folgenden To-do-Liste.

✓Einstieg (41 Prozent aller Aufgaben auf To-do-Listen bleiben unerledigt, ergab eine Studie. Ganz schön riskant, sich überhaupt auf eine To-do-Liste einzulassen.)

✓Pro-Argument (To-do-Listen gaukeln vor, produktiv zu sein. Sofern man die 1-3-5-Regel befolgt: Auf der To-do-Liste sollten sich nur eine große, drei mittlere und fünf kleine Aufgaben finden.)

✓Kontra-Argument (Lange Listen frustrieren. Wer daher bereits erledigte Aufgaben auf die Liste schreibt und abhakt, tut sich nichts Gutes. Übrigens, 23 Prozent verbringen mehr Zeit mit der Pflege ihrer To-do-Listen als damit, die Inhalte abzuarbeiten.)

✓Herzstück (Jetzt erschließt sich auch die Sprechblase „Ich setze das auf meine To-do-Liste“. Sie heißt nichts als: Vielleicht kümmere ich mich darum, vielleicht auch nicht.)

✓Schluss (Experten raten zu Not-to-do-Listen mit Dingen, die man keinesfalls tun will. Erst recht frustrierend, wenn auch von dieser Liste 41 Prozent unerledigt bleiben.)

✓Nachsatz (Es erstaunt, dass diese Kolumne trotz To-do-Liste entstanden ist.)

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Ähm für Vollprofis
Warum sozusagen eigentlich unnötig ist.

Die Pausen sind ein Problem. Nicht die zum Mittagessen, Rauchen oder Kaffeetrinken. Sondern jene beim Sprechen. Zu Unrecht, sind sie doch mitunter ein treffendes Stilmittel.

Dennoch sind die zum Nachdenken dringend benötigten Sprechpausen oft unangenehm. Und weil sich das ständige „Ähm“, „Ah“ oder „Mmh“ nicht rasend intellektuell ausnimmt, greifen Fortgeschrittene zu anderen Füllwörtern: „Eigentlich“ ist so ein Kandidat. Einer, der mit Vorsicht eingesetzt werden will. Besonders bei Gegenübern wie „Sprechblase“-Leserin Maria K., die regelmäßig zu fragen pflegt: „Und uneigentlich?“

Sehr beliebt ist auch die Füllwortsprechblase „sozusagen“. Sie ist nämlich (nämlich, noch so ein unnötiges Füllwort) nicht nur für den Zuhörer lästig, sondern auch für den um seine Autorität besorgten Sprecher unangenehm. Hinterfotzig beinahe: Denn „sozusagen“ offenbart, dass der Sprecher Wörter und/oder Sätze verwendet, die das, was er ausdrücken will, gar nicht richtig beschreiben.

Die Schlussfolgerung: Die kunstvoll eingelegte und für das Nachdenken genutzte Sprechpause ist das Ähm der Vollprofis.

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Freiwillige Gehirnwäsche
Warum „Mindset verändern“ terroristisch ist.

Schuld sind natürlich die US-Amerikaner. Sie haben den Begriff „brainwash“ im Korea-Krieg geprägt und zum Inbegriff psychologisch-manipulativer Übergriffe gemacht: eine schreckliche Sache, der sich die Despoten, Diktatoren und Terroristen dieser Welt seit den 1950er-Jahren dankbar annehmen.

Die Gehirnwäsche steht im krassen Gegensatz zum Gehirn-Durchlüften. Das ist eine gute Sache, weil es meist mit Spazierengehen und einer (kleinen) Pause verbunden ist. Und die benötigt schließlich, wer Spitzenleistungen erzielen will.

Brainwash – es wird bloß nicht so genannt – praktizieren aber nicht nur die offensichtlich Bösen. Vielmehr wird effektive Gehirnwäsche mit der Sprechblase „Mindset verändern“ getarnt.

Man muss, so lauten die Botschaften bzw. Befehle der Beratungsliteratur, das eigene Mindset verändern, um wahlweise schön, erfolgreich, reich, schlank, beliebt, nachhaltig, innovativ etc. zu werden. Entsprechend finden sich on- wie offline zahllose Anleitungen für die Umsetzung. Und weil es sich um Haltungen und Einstellungen dreht, ist das nichts anderes als Gehirnwäsche auf freiwilliger Basis.

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Vorsicht: Trau keinem
Warum Vertrauensräume Sicherheitslücken haben.

Was ist die größte Schmach, die Mitarbeiter heute erleiden, wenn sie sich mit (unternehmensfremden) Freunden unterhalten? Wenn sie nicht ruhigen Gewissens sagen können, in einem Unternehmen mit „gelebter Vertrauenskultur“ zu arbeiten.

Vertrauenskultur, das heißt auf jeden Fall Vertrauensarbeitszeit. Manchmal sogar Vertrauensurlaub (ja, den gibt es). Doch einander bloß zu vertrauen reicht dafür meist nicht aus. Um das ach so große Vertrauen zu beschreiben, bedarf es schon einer Sprechblase: der Vertrauensräume nämlich.

Wenig überraschend ist, dass sich gerade die großen digitalen Datensammler um Vertrauensräume bemühen, um ihre Vertrauenswürdigkeit zu unterstreichen: Die deutsche Bundesregierung etwa lobt die digitalen Infrastrukturen, bei den westlichen Nachbarn ist es E-Health Schweiz.

Diese Vertrauensräume werden im Sprachgebrauch „geschaffen“ und „gestärkt“. Und manchmal auch „geschlossen“. Keine Sorge, das bedeutet nicht das Ende des Vertrauens. Gemeint sind vielmehr die Vertrauenslücken des Vertrauensraums. Aber wer spricht schon freiwillig von Lücken?

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Kristallkugel per 3-D-Druck
Warum „disruptiv“ etwas für Wahrsager ist.

Da passen die Marketingleute ganz genau auf: Das Modewort „disruptiv“ darf auf keinen Fall exakt übersetzt werden. Niemals sollen die tatsächlichen Bedeutungen – störend, auflösend, Unruhe stiftend, zerreißend und zerstörend – zur Sprache kommen. Denn wer hört diese Zuschreibungen über die eigenen Produkte schon gern – außer man ist beispielsweise in der Rüstungsindustrie tätig?

Unglaublich, was heute alles als disruptiv verkauft wird: Anbieter ohne Zahl behaupten von ihren Produkten, sie seien imstande, das jeweilige Geschäftsfeld vollständig umzukrempeln. Gut, bei ganz wenigen mag das zutreffen. Doch ob etwas tatsächlich disruptiv ist (etablierte Unternehmen werden in den Bankrott getrieben, weil sie das weiterbetreiben, was sie in der Vergangenheit stark gemacht hat), lässt sich im Vorhinein nämlich ebenso wenig sagen, wie ob etwas innovativ ist (das können vielleicht nur Wahrsager).

Von der Digitalfotografie können wir heute beruhigt behaupten, sie sei disruptiv. Vielleicht demnächst auch vom 3-D-Druck. Wenn das so ist, dann lassen sich damit sicher auch Kristallkugeln herstellen.

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Ist's denn die Möglichkeit?
Warum Möglichkeitsräume keine Utopie sind.

Mit den Räumen ist das so eine Sache: Da gibt es die Raumwunder, von denen Immobilienmakler und Autoverkäufer schwärmen. Es gibt die Raumgleiter, mit denen es sich schwerelos durch das All schweben und in fremde Galaxien eintauchen lässt. Es gibt Raum für Notizen in Magazinen, deren Autoren der Schmäh ausgegangen ist.

Und wo vom Raum für Notizen die Rede ist, sind auch Räume für Möglichkeiten nicht weit – sogenannte Möglichkeitsräume: Klingt gleich spaciger als schnöde bloße Möglichkeiten.

Doch was meint die Sprechblase Möglichkeitsräume? So etwas wie Handlungsspielräume und Imagination von Zukünften. (Streng zu unterscheiden von Utopien, die sich nicht darum kümmern müssen, was machbar ist.) In Möglichkeitsräumen wird herausgefunden, was gehen könnte. Ist's denn die Möglichkeit?, möchte man fragen.

Dem Online-„Duden“ ist der Begriff fremd, er schlägt als Alternative „Möglichkeitsform“ vor. Auch passend, denn Aussagen in der Möglichkeitsform (im Konjunktiv) zeigen, dass etwas möglich ist. Klassische Fälle für den Möglichkeitsraum also.

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Totgesagte leben länger
Warum „gelebte Kooperationen“ kritisch sind.

Walter Kohl hat es in seinem Buch(-titel) „Leben oder gelebt werden“ treffend formuliert: Das Leben kann sehr aktiv oder sehr passiv verlaufen. Kohl weiß, wovon er spricht: Er hat als Sohn eines prominenten Vaters – ja, des deutschen Wiedervereinigungskanzlers – einiges am eigenen Leib gespürt.

Gelebt werden allerdings nicht nur die Leben anderer, sondern auch Beziehungen. Eine sehr beliebte Sprechblase ist die Rede von der „gelebten Partnerschaft“. Oder von der „gelebten Kooperation“.

Gelebt, das klingt so nach Lebendigkeit, Lebenslust und Lebensfreude. Aber ganz ehrlich: Wer darauf hinweisen muss, wie lebendig, lustig und freudig die Kooperation ist, sollte darüber nachdenken, ob es überhaupt noch etwas gibt, das einen mit dem anderen verbindet. Kooperieren heißt ja schließlich nichts anderes als zusammenarbeiten oder zusammenwirken.

Und überhaupt: Was wäre das Gegenteil von gelebten Kooperationen? Die ungelebten Kooperationen? Oder gar die toten Kooperationen? In diesem Fall hoffentlich nur die totgesagten Kooperationen. Denn diese leben bekanntlich länger.

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Tot stellen hilft todsicher
Warum „Ich werde auf Sie zukommen“ bedrohlich ist.

Dass es mindestens zwei Reaktionen auf Stress gibt, ist seit dem Jahr 1915 und Walter Cannons Forschung bekannt: Flucht oder Kampf. Schön zu zeigen am Beispiel „zukommen“: Wenn ein Fahrzeug auf uns zukommt, ist Flucht angesagt. Wenn wir feststellen, dass Arbeit oder Ungemach auf uns zukommt, wählen viele die Kampfvariante.

In den späten 1980er-Jahren konnte Jeffrey Allan Gray zwei weitere Reaktionen neben flight und fight nachweisen: freeze und fright – Bewegungslosigkeit und Totstellen. Das ist auch gut so. Denn wenn jemand ankündigt: „Ich werde Ihnen das zukommen lassen“, sind wir oft bewegungsunfähig – vor lauter Freude über das nahende Geschenk.

Das Totstellen wiederum erweist sich für die vierte Verwendungsform von „zukommen“ als günstig. Neuerdings sagt kaum jemand mehr: „Ich werde mich bei Ihnen melden.“ Sondern – ganz Sprechblase: „Ich werde auf Sie zukommen.“ Dabei hat der andere gar nicht vor, auch nur einen Schritt vor die Tür zu setzen, er wird bestenfalls anrufen oder mailen. Meist verbunden mit einem konkreten Ansinnen. Dann ist die beste Reaktion mitunter: tot stellen.

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Wagen Sie es: Lesen 4.0
Warum 4.0 das neue Zukunftszauberwort ist.

Es gibt einen ganz simplen Trick, das, was man gerade macht, futuristisch erscheinen zu lassen. Es sind nur kleine Zahlenspielereien, doch aus ihnen werden gewaltige Sprechblasen: einfach ein 4.0 hinten anfügen. Aus Industrie wird Industrie 4.0. Aus Kommunikation wird Kommunikation 4.0. Von Arbeit 4.0 ist schon längst die Rede, und Habits 4.0 sind für viele ohnehin ein alter Hut.

Tatsächlich weiß kaum jemand, was hinter all diesen 4.0s steckt. Am ehesten noch, wenn es um das Internet 4.0 geht. Jeder meint etwas anderes – alles klingt nach Zukunft. Und genau das macht den Zauber aus.

Früher versah man Visionen noch mit einer bestimmten Jahreszahl, die „Vision 2000“ etwa. Das Jahr sollte nah genug sein, um zu motivieren, und fern genug liegen, um nicht an der Unerreichbarkeit des Ziels zu verzweifeln. Und Versionsnummer wurden nur für echte Releases vergeben: Manche erinnern sich noch an das Betriebssystem MS-Dos 3.2 (lang vor der Windows-Zeit). Die MS-Dos-Version 4.0 hingegen war nicht gerade der Renner.

Übrigens: Was Sie gerade gelesen haben, ist die Sprechblase Version 104.0.

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Nicht mehr als ein Richtfeuer
Warum „dialogorientiert“ nur vage Absichten meint.

Mit der Kommunikation war es bis vor Kurzem denkbar einfach. Sie war offen, direkt, grenzüberschreitend oder mitunter politisch. Sie war monologisch oder dialogisch. Wichtig war: Am Ende des Kommunikationsprozesses teilten alle Beteiligten die zu vermittelnden Bedeutungen auch tatsächlich miteinander.

Seit Kurzem aber ist Kommunikation vor allem eines: dialog-„orientiert“. Mit anderen Worten heißt das: Es wäre schon schön, wenn wir uns dialogisch begegneten, wenn wir uns in abwechselnd geführter Rede und Gegenrede einigten.

Dialogorientiert aber bedeutet letztlich nicht mehr als: Wir versuchen es, wir orientieren uns möglichst danach. Misslingt das, ist es auch kein Problem. Denn so ganz interessiert es ja ohnehin niemanden, was das Gegenüber zum jeweiligen Thema sagen möchte. Außerdem ist Monologisieren (scheinbar) unkomplizierter.
Wer sich am Dialogischen nicht nur so beiläufig orientieren will wie ein Steuermann an irgendeinem Richtfeuer, findet in Mitarbeitergesprächen eine ideale Trainingsmöglichkeit.

Sie haben doch vor, im heurigen Jahr Mitarbeitergespräche zu führen, oder?

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Eine Frage der Energie
Warum nicht nur Physiker Quantensprünge lieben.

Soll das besonders Besondere beschrieben werden, muss häufig der Quantensprung herhalten. Politik, Wirtschaft und Technik bemühen ihn geradezu inflationär. Schließlich schwingen in diesem Begriff „weit, groß, gewaltig“ mit. Tatsächlich aber gelingt das besonders Besondere der Politik selten, der Wirtschaft gelegentlich, dafür der Technik oft.

Dabei hat der Quantensprung entgegen der landläufigen Verwendung nichts mit einer Rekordjagd zu tun. Oder mit Skispringern bei der Nordischen Ski-WM, die mit möglichst weiten Sätzen Medaillen gewinnen wollen. Beim ursprünglichen Quantensprung geht ein mikrophysikalisches System von einem Quantenzustand in einen anderen über – indem es Energie oder Teilchen emittiert oder absorbiert. Räumlich gesehen ein winzig kleiner Vorgang.

Zur Ehrenrettung der Quantensprung-Aficionados sei gesagt: Das Q-Wort zu verwenden ist dann zulässig, wenn eine qualitative Änderung beschrieben wird. Vorausgesetzt, es ist viel Energie im Spiel und die Veränderung erfolgt abrupt.

So gesehen muss man kein Quantenphysiker sein, um gelegentlich von einem Quantensprung zu sprechen.

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Jetzt sag doch auch mal was
Warum es so schwer ist, sich zu entscheiden.

Der März ist ein guter Monat für Entscheidungen. Das besagt jedenfalls das von Hans Rudolf Jost („Best of Bullshit“) formulierte 5/12-er-Prinzip.

Es besagt, Entscheidungen vorbehalt- und rücksichtslos in folgenden fünf der zwölf Monate zu treffen: März, April, Mai, Juni und September. Die anderen sieben wären vollkommen ungeeignet: Jänner – zu früh, weil zu kurz nach Jahresbeginn. Februar – alle sind auf Skiurlaub. Juli und August – alle sind auf Sommerurlaub. Oktober – jetzt müsste man mit jeder Entscheidung erklären, warum Budgetziele nicht einzuhalten sind. November – Stress: Jetzt muss das Budget erstellt werden. Dezember – Weihnachtsfeier- und Jahresabschlussdrama, also keine Zeit für nichts.

Tatsächlich ist es mit dem Entscheiden nicht so einfach. Führungskräfte beklagen, dass ihre Mitarbeiter nichts entscheiden wollen: Ihnen fehlt mitunter schlicht der Handlungsspielraum.

Mitarbeiter wiederum beklagen, dass Führungskräfte sie nicht entscheiden lassen: Dabei sind es in vielen Fällen die Mitarbeiter, die sich vor den Konsequenzen fürchten, jetzt doch auch einmal etwas Entscheidendes gesagt zu haben.

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Ganz analog netzwerken
Warum Get-togethers zu Kurzschlüssen führen.

Natürlich könnten die p.t. Gäste ganz einfach zu einem Zusammenkommen zusammenkommen. Doch das klingt bei weitem nicht so weltgewandt wie bei einem Get-together (natürlich After-Work) zu meeten.

Diese Get-togethers pflegen dann entweder „entspannt“ oder doch „kritisch-konstruktiv“ angelegt zu sein – je nachdem, in welchem Kontext sie stattfinden. Letztendlich aber treffen einander Menschen, von denen die eine Hälfte keine Lust auf das Get-together hat. Die andere Hälfte, so schrieb ein Kollege einmal, betrinke sich und feiere die eigene Großartigkeit.

Gerne werden Get-togethers zum Netzwerken genutzt. Ganz analog. Ganz ohne Facebook und die anderen sogenannten sozialen Netzwerke. Darum sprechen manche Get-together-Experten auch von Socialisen. Outdoor-Begeisterte bilden Seilschaften und die besonders Technikaffinen beschließen gleich, sich kurzzuschließen. Da sage noch jemand, ein Get-together sei harmlos und ungefährlich: Bei einem Kurzschluss können ordentlich die Funken sprühen. Gar nicht davon zu reden, was bei Kurzschlusshandlungen alles herauskommen kann.

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Den Bauch entscheiden lassen - aber richtig
Warum die Intuition für unfehlbar gehalten wird.

Manche Führungskräfte legen auf die Feststellung Wert, weniger Bauchmenschen zu sein als sehr rational zu entscheiden. Das ist gut, wenn es um Rechenaufgaben geht.

Manche Führungskräfte legen auf die Feststellung Wert, weniger Kopfmenschen zu sein als auf den Bauch zu hören. Das ist gut, wenn es um Essensbestellungen geht.

Nur Bauch- oder Kopfentscheidungen zu treffen ist sicher nicht die optimale Lösung. Besser erscheint die Mischung gemäß der paradoxen Entscheidungsregel: Alle verfügbaren Fakten rational durchdringen und dann intuitiv entscheiden.

Auffallend ist, dass die Rationalität schlecht beleumundet ist, der Intuition hingegen gehuldigt wird. Das ist insofern nachvollziehbar, als das Denken an sich anstrengend ist – und daher vom Menschen nach Möglichkeit wie alles Anstrengende ver- und gemieden wird.

Dass die Intuition allerdings gleichsam unter dem Schutz eines Unfehlbarkeitsdogmas steht, geht dann aber doch zu weit. Schließlich wird scheinbar immer „intuitiv richtig“ gehandelt. Oder hat jemand jemals zugegeben, intuitiv falsch gehandelt zu haben?

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Ein Kampf mit harten Bandagen
Warum es gefährlich wird, wenn der Chef das Handtuch wirft.

Mitunter wird es im Wirtschaftsleben so eng, dass Führungskräfte ihr Mandat zurücklegen. Salopp heißt es dann: Geschäftsführer X oder Manager Y „wirft das Handtuch“. Das tun sie vielleicht wirklich – zu Hause oder im Fitnesscenter, wenn sie ein gebrauchtes Handtuch im Schmutzwäschekorb entsorgen.

Tatsächlich kommt die Phrase vom geworfenen Handtuch aus dem Boxsport und hat eine ganz andere Bedeutung: Es ist nicht der Boxer, der das Handtuch wirft, sondern sein Betreuer. Erkennt Letzterer, dass sein Schützling so schwer angeschlagen ist, dass er nicht mehr weiterkämpfen oder von sich aus aufgeben kann, weil der Gegner „mit harten Bandagen kämpft“ (ebenfalls ein Boxerausdruck), wirft er ein Handtuch in den Ring. Im Box-Englisch lautet die Phrase unmissverständlicher als im Deutschen „to throw in the towel“. Der Referee bricht daraufhin den Kampf ab.

Der angezählte Manager ist also gar nicht in der Lage, selbst das Handtuch zu werfen. Es ist vielmehr der Aufsichtsrat, der die Führungskraft per Handtuchwurf aus dem Ring entlässt. Wirft der Chef das Handtuch, wird es hingegen für die Mitarbeiter gefährlich: Dann sind sie ihren Job los.

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Copy and paste für Fortgeschrittene
Warum Best Practices oft genauso wenig helfen wie Benchmarks.

Von den Besten lernen. Das klingt gut: eifrig und fast ein wenig demütig. Also wird die Suche nach Best Practices eröffnet, nach gelungenen Lösungen in anderen Unternehmen.

Doch diese Art, mit Copy and paste Modelle zu übernehmen, ist nichts für Anfänger. Denn nur selten sind Best-Practice-Beispiele über die spezielle Situation hinaus gültig. Dazu kommt: Was in der Vergangenheit funktioniert hat, könnte in der Gegenwart ein gravierender Fehler sein.

Wer nach Best Practice sucht, offenbart seine Haltung: Sie ist zurückblickend, nicht vorausschauend. Natürlich: Es ist sinnlos, Vorhandenes nochmals zu entwickeln. Zudem gebührt jenen Respekt, die ein Best Practice erarbeitet haben. Aber: Genuin Neues fördern Best Practices kaum.

Damit verhalten sie sich ähnlich wie Benchmarks, der Kennzahlenvergleich mit anderen Unternehmen. Ursprünglich dazu gedacht, Schwachstellen im eigenen Haus sichtbar zu machen, sorgt Benchmarking mittlerweile für Nivellierung und Annäherung an den Durchschnitt. Denn wer nach Benchmarks ruft, meint vielfach nur: „Schauen wir von der Konkurrenz ab. Das ist einfacher, als uns selbst den Kopf zu zerbrechen."

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Auch mit Schrott lässt sich verdienen
Warum wir Suboptimales nicht lieben und es trotzdem normal ist.

Wer suboptimale Ergebnisse liefert, der sollte an sich nicht unzufrieden sein. Klar, perfekt war es nicht, sonst wäre es ja optimal gewesen. Die Qualität lag eben mehr oder weniger unter dem Optimum. Es gibt also Luft nach oben oder Potenzial, wie man so sagt. Immerhin aber ist das Ergebnis nicht gänzlich hoffnungslos – sollte man meinen.

Wäre da nicht der beschönigende Sprachgebrauch: Wer Suboptimales abliefert, hat schlecht gearbeitet und hat nichts anderes als Schrott produziert. Nun lässt sich auch mit Altmetall Geld verdienen, ganz so einfach aber ist es nicht. Glänzen lässt sich damit kaum.

Der deutsche Ex-Kanzler Gerhard Schröder hat den Begriff „suboptimal“ nach einem nicht so geglückten TV-Auftritt im Jahr 2005 populär gemacht. Seitdem sind die Adjektive „schlecht“, „miserabel“ und „grottig“ arbeitslos. Dabei ist „suboptimal“ in der wissenschaftlichen Literatur schon länger geläufig, seit 2004 hat ihn auch der „Duden“ in sein Repertoire aufgenommen.

Das Suboptimale scheint ganz normal zu sein, wie es Jörg Lau einmal in der „Zeit“ formuliert hat: „Die Aussöhnung mit dem Suboptimalen ist die Ankunft in der Wirklichkeit.“

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Im besten Fall wird es ein Bauchfleck
Warum es ganz und gar schlecht ist, gut aufgestellt zu sein.

Wie soll der Titelgewinn gelingen? Mit einem 4-4-2-, einem 4-2-4- oder doch einem 5-3-2-Spielsystem? Nicht einmal mehr die Fußballtrainer sprechen gern von der Aufstellung. „Wir sind gut aufgestellt“, sagen sie schon gar nicht. Aufgestellt, das erinnert an stehen und Stehfußball (der ist fürchterlich anzusehen) oder an eine Stehpartie (langweiliger geht es nicht).

Auf den Punkt bringt es die Umgangssprache: Wenn „es jemanden aufstellt“, dann landet er oder sie im besten Fall einen Bauchfleck. Die Ehrenrettung des Wortes „stellen“ ist beinahe unmöglich. Immerhin können sich für „Stellung“ die Freunde der allgemeinen Wehrpflicht begeistert. Dennoch, es geht noch schlimmer: Sitzungen sind fast immer sind maximal undynamisch, jede Stehung bringt bessere Ergebnisse.

Manager hingegen lieben die Formulierung „Wir sind gut aufgestellt“ und wiederholen sie mantraartig in der Hoffnung, sie möge sich wie eine Zauberformel erfüllen. Tatsächlich wollen Manager (genauso wie Fußballtrainer) gar nicht, dass ihr Unternehmen gut aufgestellt ist. Sie wollen viel mehr, dass ihre Mitarbeiter herumwieseln und -wuseln und das Unternehmen vorwärtsbringen.

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Nimm mich bitte ernst
Warum es Pech ist, nur Sparringpartner zu sein.

Von den Personalisten wird es verlangt. Von den Organisationsentwicklern und Controllern sowieso und von den Vertrieblern wahrscheinlich auch: Sie alle sollen Sparringpartner der Geschäftsführer sein.
Aus dem Boxsport kommend, schlug der Sparringpartner im Management so schmerzhaft wie ein rechter Haken zu. Nur wer als Sparringpartner wahrgenommen wird, hat es geschafft. Wer Sparringpartner ist, darf sich ernst genommen fühlen – wird zumindest suggeriert.
Die Frage ist nur, ob es so erstrebenswert ist, nur Sparringpartner zu sein. Denn Sparringpartner dienen lediglich zum Trainieren. Wenig verwunderlich verwenden Boxer beim Sparring im Gegensatz zum Wettkampf spezielle, schlagabsorbierende Handschuhe.
Sparringpartner sind wie Freunde, Trainer oder Coaches – Menschen, mit denen man etwas ausprobieren kann, um sich weiterzuentwickeln. Keine Frage – Sparringpartner sind wichtig, die Arbeit mit ihnen ernsthaft.
Wer aber im Unternehmen ernst genommen werden will, muss den Anspruch erheben, mehr zu sein als nur das Gegenüber für eine Trainingspartie.

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"Extrameile"
Mehraufwand oder lohnender Umweg. Warum Siebenmeilenstiefel auf der „Extrameile“ nicht helfen.

Von Mitarbeitern wird oft verlangt: „Du musst die Extrameile gehen.“ Dabei könnten Führungskräfte animierendere Worte finden, wenn sie Zusatzleistungen fordern. Sie könnten, statt ihre Hoffnungsträger auf die „Extrameile“ zu schicken, ihnen vor dem nächsten Aufstieg auf der Karriereleiter noch eine Seitwärtsbewegung auf gleicher Ebene empfehlen. Dieser Zwischenschritt kann ein lohnender, lehrreicher Umweg zu mehr inhaltlicher Breite sein. Und er will ausgekostet werden. Siebenmeilenstiefel bringen auf dieser „Extrameile“ nichts.

Unklar ist, welche Wegstrecke die „Extrameile“ beschreibt. Geht die Phrase tatsächlich auf das Matthäus-Evangelium zurück („Und wenn dich jemand zwingt, eine Meile mitzugehen, mit dem geh zwei.“), dann sind es (zweimal) 1482 Meter. Die Distanz bemisst sich an der römischen Meile. Oder ist die internationale Meile gemeint? Sie entspricht 1609 Metern. Arm dran war, wer zur Zeit der Donaumonarchie eine (Post-)Meile absolvieren musste. Sie maß 7585 Meter.

Übrigens: Die „Extrameile“ ist der Phrase entsprechend zu „gehen“. Ein feiner Dienstwagen hilft da nicht.

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„Interessante“ Themen
„Nein“ mit elf Buchstaben. Warum uns „interessante“ Themen meist gar nicht interessieren.

Es ist eines der großen Missverständnisse, dass unsere Gespräche dann lebendiger werden, wenn wir viele Eigenschaftswörter einbauen. Unsere Geschichten leben vielmehr von Beispielen. Von treffenden Beispielen, um ein zutreffendes, aber überflüssiges Adjektiv einzustreuen.
Ein ganz hinterhältiges Adjektiv ist das Wort „interessant“. Es klingt wunderschön, wirkt aber wie ein Todesurteil: Vorschläge, die von Vorgesetzten mit einem „interessant“ quittiert werden, haben keine Chance, je umgesetzt zu werden. „Interessant“ ist nichts anderes als ein „Nein“ – aber eben mit elf statt vier Buchstaben.
Ein Nein auszusprechen, das kostet eben ein bisschen mehr Überwindung. Ein „Nein“ ist verbindlich; „interessant“ hingegen schmeichelt dem Adressaten – beinahe so wie eine Katze. Aber auch anschmiegsame Katzen können sehr hinterhältig sein.
Übrigens: „Interessant“ hat einige Geschwister. „Spannend“ zählt dazu. Wer ein „spannend“ als Antwort erhält, ist mit seinem Ansinnen längst durchgefallen. Auch „nett“ gehört zu dieser Familie: Ein nettes Gespräch mit einem netten Gegenüber finden wir zumeist nur – sehr interessant.

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„Offen und ehrlich“
Ganz konkret: Alles andere ist gelogen. Warum wir niemals etwas „offen und ehrlich“ sagen sollten.

Die Gespräche verlaufen zäh. Mühsam kommen sich die Gesprächspartner entgegen. Als endlich nur noch wenig zur Einigung fehlt, passiert es: „Ich sage Ihnen das jetzt ganz offen und ehrlich . . .“

Meist gehen die Gespräche an diesem Punkt weiter. Doch wer diese Phrase zu hören bekommt, sollte aufstehen und gehen. Was soll dieses „offen und ehrlich“ bedeuten? Streng genommen gibt es nur eine Antwort: Alles andere, was ich bislang erzählt habe, war taktisch angelegt und vor allem – gelogen. (In vielen Fällen wird das eine recht ehrliche Antwort sein.)

Natürlich: Abgesehen von Gesprächen zwischen Freunden, die an sich offen und ehrlich sein sollten, wird „offen und ehrlich“ meist nur aus dramaturgischen Gründen eingesetzt. Trotzdem will die Botschaft richtig verstanden sein: Es ist jede Information wichtig, die vor dem „offen und ehrlich“ ausgesprochen wurde. Alles danach ist zu vernachlässigen.

Genau umgekehrt funktioniert eine andere Phrase. Sie lautet, geschickt in der Endphase eines längeren Monologs platziert: „Ich formuliere es jetzt ganz konkret . . .“ Richtig: Jetzt zählt, was nach „konkret“ kommt. Alles davor war nur Geschwätz.

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„Komfortzone“
Die Vertreibung aus dem Paradies. Warum die „Komfortzone“ wie ein Hop-on-hop-off-Bus funktioniert.

Freude soll der Job machen. Spaß soll er bereiten. Wohlfühlen sollen sich die Mitarbeiter am Arbeitsplatz. Aber wehe, sie richten es sich hinter dem Schreibtisch, vor dem Computer oder im Büro zu gemütlich ein. Dann heißt es: „Raus aus der Komfortzone!“'

Das Topmanagement verlangt das von den Führungskräften, die Personalentwickler verlangen das von den Managern und von den Mitarbeitern verlangen es alle miteinander: „Raus aus der Komfortzone!“

Manchmal schwingen Ärger oder gar Neid mit, die jeweils anderen würden zu wenig zum Erfolg beitragen.
Hinter der „Raus aus der Komfortzone“-Phrase steckt aber die Chance, im eigenen Aufgabenbereich besser zu werden. Dann, wenn sie nicht als K.-o.-Phrase dient, sondern fördernd und fordernd eingesetzt wird. Wenn Führungskräfte wie Mitarbeiter jeden Tag ein Stück weiter gehen, als sie es für möglich gehalten hätten.

Allerdings: Menschen sollten ihre „Komfortzone“, den Bereich, in dem sie sich sicher fühlen, immer nur für relativ kurze Zeit verlassen. Das exerzieren Sportler regelmäßig vor: Intervalltraining besteht aus Einheiten höchster Belastung, gefolgt von Pause und Erholung.

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Vor dem Frost zurechtstutzen
Warum Schrumpfungsprozesse auch charmant sein können.

Im Business gilt nach wie vor: „Size matters.“ Deswegen ist auch von „upsizing“ (selten) und „downsizing“ (öfter) die Rede. Dazu gesellt sich neuerdings ein dritter Begriff: „rightsizing“.
Mit diesem Wort schwingt mit, dass es richtig ist, an den Schrauben zu drehen und Größenverhältnisse zurechtzurücken. Und streng genommen ist nicht ausgeschlossen, dass Unternehmen beim „rightsizing“ vergrößert werden. Alles scheint möglich. Darum ist es in Managementkreisen auch beliebt. Dabei wird es meist als Synonym für das ungeliebte „downsizing“ bemüht – das es nicht ist.
Denn „downsizing“ steht für einen reaktiven Prozess. Er wird notwendig, wenn sich äußere Einflüsse ändern und Organisationen nicht mehr wie gehabt zu führen sind. Auch „rightsizing“ ist nichts anderes als ein Schrumpfungsprozess – in Angriff genommen aber von Managern, die Marktbedürfnisse, Trends und Alternativen vorhersehen.
Schmerzlich sind beide Redimensionierungsarten, „rightsizing“ hat immerhin den Charme der Voraussicht. Es empfehlen ja auch Baumfreunde: Zurechtstutzen soll man, bevor der Frost kommt. Das gilt erst recht für ökonomische Kälteeinbrüche.

 

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„Wie herzig, ein Mitarbeiter!"
Warum ohne „-preneur“ heute alles nichts ist.

Verzeihen Sie bitte, dass es heute so persönlich wird. Erlauben Sie die Frage: Was sind Sie? Mitarbeiter? Also einfach nur Mitarbeiter? Oje. Sie sind Leiter des Bereichs x oder Head of y? Vergessen Sie es, das ist nur wenig besser.

Wer heute „impact“ erzielen will, muss die eigene Funktion anders inszenieren. Ohne das Suffix – Achtung, Sprechblase – „-preneur“ funktioniert da nichts.

Vorschlag: Werden Sie Entre-preneur, also Unternehmer oder Social Entre-preneur, der mit seiner Unternehmung eine gesellschaftliche Wirkung entfaltet. Oder noch besser Multi-preneur und damit von all dem noch ein wenig mehr.

Okay, Sie haben keine eigene(n) Geschäftsidee(n). Auch kein Problem. Dann werden Sie zumindest Intra-preneur, ein unternehmerisch denkender Mitarbeiter (was immer das auch im Detail sein mag). Oder ein Inter-preneur, der in seiner Abteilung Verantwortung übernimmt. Oder sind Sie zumindest Inner-preneur? Wer, bitte, außer Ihnen selbst soll sich um Sie kümmern?

Sie verstehen jetzt: Lehrer sind heute im Idealfall Edu-preneure; Info-preneure versuchen, Information zu verkaufen, Ganja-preneure verchecken Marihuana, und Culture-preneure beherrschen die Kunst, Kultur zu Geld zu machen.

Wenn nichts von dem zutrifft, dann bitte versuchen Sie es zumindest als Leisure-preneur.

(c) Pexels
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"Hör auf, perfekt zu sein."
Warum „permanent beta“ bloß ein Tippfehler ist.

Vilfredo Pareto wusste es schon im 19. Jahrhundert: Es bringt nichts, perfekt zu sein. 20 Prozent des Gesamtaufwands genügen, um 80 Prozent der Ergebnisse zu liefern. Das also ist effizient – und nicht die in allen Details perfekte Lösung.
So ähnlich ist das bei – Achtung, Sprechblase – „permanent beta“.

Es geht weniger um ein abgeschlossenes, fertiges Endprodukt, vielmehr darum, ständig zu probieren, etwas auf den Markt zu bringen und laufend zu verbessern. Um sich dem Wandel auf dem Markt anpassen zu können, sagen die „Permanent beta“-Anhänger.


Großartig, an sich. Solange man nicht der ist, der sich als Kunde mit irgendetwas Halbgarem herumschlagen muss. Da kann man sich dann ohnehin nur an die Hoffnung klammern, dass „beta“ bloß aus einem Tippfehler heraus entstanden ist und man bei jeder Entwicklungsschleife sagen kann: „Permanent better.“

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„Die Waffen nieder"
Warum „kriegsentscheidend“ Krieg voraussetzt.

Also ist man einmal ehrlich und sagt, was man sich denkt. Und dann wird das als Fehlleistung abgetan: Ein Versprecher soll das gewesen sein – sagen die Freudianer. Zum Beispiel, wenn man am Ende eines langen und zugegeben mühsamen Gesprächs statt „Jetzt halte ich Sie wirklich nicht mehr auf“ tatsächlich „Jetzt halte ich Sie wirklich nicht mehr aus“ sagt.

Womöglich kein Versprecher ist es, wenn man erzählt, sich vor Verhandlungen mit Geschäftspartnern in Stellung zu bringen und alle Geschütze aufzufahren. Und wenn man im Gespräch die entscheidenden Punkte nicht „entscheidend“ oder „spielentscheidend“, sondern viel mehr – Achtung, Sprechblase – „kriegsentscheidend“ nennt.

Da gilt es aufzupassen, dass man am Ende nicht bloß die Schlacht gewinnt, aber den Krieg, ähm, die gute Geschäftsbeziehung verliert.

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"Eh schon fast am Ziel"
Warum „Ich bin dran“ meist unbefriedigend ist.

Da war sie: die Bitte, den Termin zu vereinbaren, das Thema zu recherchieren, den Bericht zu verfassen. Nur kam auf die schüchterne Nachfrage nach dem Stand der Dinge irgendwann später nur ein – Achtung Sprechblase – „Ich bin dran“ zurück.

Zugegeben, eine gute Antwort, weil meist nicht gelogen. Sie kann ja bedeuten: „Schwierige Aufgabe, ich geb mein Möglichstes, mache kleine Fortschritte, bin aber leider noch nicht am Ziel.“ Theoretisch.
Oft handelt es sich aber nicht um Aufträge, bei denen jeder schreit: „Ich bin dran!“, weil sie so viel Spaß machen würden oder so prestigeträchtig sind.

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Warme Eislutscher
Warum wir ständig an „phygital“ denken sollten.

Träumen darf man ja bekanntlich von ihnen, den warmen Eislutschern. Bis vor kurzem war es spätsommerlich, da sollte auch das Eis kalt sein. Aber jetzt. . .

Oxymoron nennen die Rhetoriker sprachliche Konstruktionen, die nach einem inneren Widerspruch innerhalb eines Wortes aussehen, aber mitunter doch recht klar sind. Nach der „virtuellen Realität“, „dynamostatisch“ und „agilstabil“ sollten Unternehmen sich mit dem Begriff „phygital“ auseinandersetzen: der Kombination der englischen Worte „physical“ und „digital“.

Beschrieben wird damit, wie die Offline- und Onlinewelt ineinander übergehen und wie physische und digitale Elemente zu Produkt-, Service- und/oder Dienstleistungspaketen zusammengefasst werden.

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 Fünf Vokale sind genug
Warum der AQ jedenfalls gemessen werden sollte.

Ob „messen, was messbar ist“ wirklich von Galileo Galilei stammt, tut nichts zur Sache. Manche sind regelrecht versessen auf den zweiten Teil des Satzes, „messbar machen, was noch nicht messbar ist“.

Also wird seit 113 Jahren versucht, die Intelligenz eines Menschen mit einer Zahl auszudrücken, dem IQ, Intelligenzquotienten. Weil es mehr Zahlen braucht, um eine Person zu beschreiben, wird seit 18 Jahren Emotionale Intelligenz mittels Quotient dargestellt, dem EQ.

Ganz aktuell ist der – Achtungs Sprechblase – AQ, der Agilitätsquotient, der Lern- und Anpassungsfähigkeit ausdrückt. Was kommt als nächstes, und was wird sich wohl hinter OQ und UQ verstecken? Ein Glück, dass es nur fünf Vokale gibt.
Wobei: AQ ist mindestens doppelt belegt, manche sagen, es stünde für Adversity Intelligence Quotient. Dafür gibt's schon ein anderes Schlagwort: Resilienz.

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Mein Gott, 21 Konsonanten
Warum es gar nicht genug „Quotienten“ geben kann.

Nicht wundern, es ging bereits um Agilitäts- und Intelligenzquotienten und um den Quotienten, der die emotionale Intelligenz misst. Also um solche, bei denen sich jeweils ein Vokal an das „Q“ schmiegt. Was aber bitte sei mit den Konsonanten, fragte „Sprechblase“-Leserin Sandra K. und bat, den HQ nicht aus den Augen zu verlieren.

Richtig: In der Literatur sind unter anderem der Waghalsigkeitsquotient DQ (Daring Intelligence Quotient), der FQ (Financial Intelligence Quotient), der MQ (Moral bzw. Mental Intelligence Quotient), PQ (Practical Intelligence Quotient), sogar der SQ (Spiritual Intelligence Quotient) oder der WQ (Will Intelligence Quotient) bekannt. Von den 21 Konsonanten sind hier noch einige frei.
HQ übrigens steht hier für Humorquotient – und der ist von all diesen Quotienten wohl der wichtigste.

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 "Algorithmus“
Warum wir „Algorithmus“ verstehen sollten.

Er ist beinahe sagenumwoben. Wer von ihm spricht, der kniet in Gedanken nieder. Huldigt ihm und ist von Ehrfurcht ergriffen. Er ist – Achtung Sprechblase – der „Algorithmus“.

Schon richtig, da gibt es durchaus komplizierte, ja sogar komplexe Algorithmen. Aber auch recht simple, die jeder beherrschen sollte. Zum Beispiel: Addiere a und b. Das Verfahren ist in einer präzise festgelegten Sprache eindeutig beschrieben, ist tatsächlich ausführbar, benötigt endlich viel Speicherplatz und umfasst endlich viele Schritte.

Ebenfalls richtig, was „Sprechblase“-Leser Michael S. anmerkt: Auch Kuchenrezepte sind nichts anderes als Algorithmen. Auch auf diesem Feld gibts einfachere Einsteigervarianten und aufwendigere Vollprofiversionen. Am Ende ist entscheidend, dass wir die Sache gebacken bekommen – und dass sie uns im Idealfall auch noch schmeckt.

 

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"AI hier, AI da, alles AI"
Warum „künstliche Intelligenz“ aufregt.

Manche Menschen haben mit Kunst ein Problem: Zu progressiv ist sie ihnen, oder zu seicht. Manche mögen das Künstliche nicht, weil es nicht echt ist: das Licht, die Heiterkeit, die Aufregung. Aufregend finden hingegen manche die – Achtung Sprechblase – künstliche Intelligenz (Artificial Intelligence, AI). AI hier, AI da, alles AI.

Dass man zwischen ANI und AGI differenzieren könnte, ist dabei egal. Das N steht für Narrow: einzelne Fähigkeiten der Rechner wie Schach spielen, navigieren oder Sprache erkennen. Das G steht für General: die Verknüpfung einzelner ANI zur „denkenden“ Maschine.

Das ist zu kompliziert, lieber nur von AI reden. Und dabei immer von der Zukunft sprechen. Dabei sind wir längt von ANI umgeben.
Wie sagte Computerpionier John McCarthy: „Sobald etwas funktioniert, nennt es keiner mehr AI.“ Sei es ein Trost – oder nicht: Derzeit wird vieles AI genannt.

 

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"Scheinbar wird alles verortet"
Warum wir derzeit alles verorten wollen.

Eine kleine These: Wahrscheinlich haben noch nie so viele Menschen auf Landkarten nachgesehen wie heute. Den Routenplanern der Smartphones sei Dank. Ständig werden irgendwelche Verbindungen und vor allem Orte gesucht.

Vielleicht kommt es daher, dass momentan scheinbar alles – Achtung, Sprechblase – verortet wird: das Büro des Kunden, die Bar für das Afterwork-Bier. Auch Trends, Ergebnisse, Geschäftsvolumina werden verortet. Alles Mögliche wird zeitlich, geschlechtlich, altersmäßig verortet. Das Nachdenken. Politische Haltungen sowieso. Und manche verorten sogar sich selbst.

Da man die Informationen zu all dem Verorteten nicht vergessen will, wird sie gespeichert: in der Cloud. Wo die ist? Eine gute Frage. Selbst auf der digitalen Landkarte im Satellitenbildmodus des Routenplaners hat sie noch niemand verorten, äh, finden können.

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"Rufen Sie mich ruhig an"
Warum „Rufen Sie mich ruhig an“ bedenklich ist.

Um den Urlaub wird an den Arbeitsplätzen viel Theater gemacht. Um das Urlaubsziel. Und um die Inszenierung. Manche stellen schon Tage vorher den Abwesenheitsassistenten auf Dauerfeuer („Ich urlaube“ o. ä.), obwohl sie weiterarbeiten. Ein Trick, um unliebsame Anrufer abzuwehren, oder als Beruhigung für das hausinterne Controlling. Der Urlaub ist in der Standesverwaltung eingetragen. Aber es ist noch so viel zu tun.

Andere verabschieden sich mit – Achtung Sprechblase – „Rufen Sie mich ruhig an“ in den Urlaub. Wollen sie damit vor Mitarbeitern wie Kunden wirklich sagen: „Für dich verzichte ich auf alles.“? Oder sind sie nur schlecht organisiert und unfähig, zu delegieren?

Die Workaholics können beruhigt sein: Nach sieben bis zehn Tagen tritt der maximale Erholungseffekt ein. Dann darf wieder gearbeitet werden. Denn erholter als erholt geht ja doch nicht.

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"Mein Baby"
Warum ein Projekt nicht „mein Baby“ sein sollte.

Das ist doch wunderbar: Mitarbeiter, die Freude an ihren Aufgaben haben. Kaum zu toppen ist die Freude, wenn die Aufgabe aus einer eigenen Idee resultiert. Das hört man auch. Vor allem, wenn nicht mehr von Aufgabe die Rede ist, sondern von – Achtung, Sprechblase – „meinem Baby“.

Stimmt schon: Man ist mit der Idee schwanger gegangen, hat sie ausgetragen, für sie Verantwortung übernommen und darf ihr später zusehen, wie sie wächst: #mankriegtjasovielzurück.

Man kann vor lauter Begeisterung für den Job alles vereinnahmen: Man kann das Büro als „mein Zuhause“ bezeichnen, Mitarbeiter „meine Kinder“ nennen und mit Frollegen (Freund und Kollege) „Büroehen“ schließen. Wie gesagt: Man kann, aber man muss nicht.
Nur sollte man dann, wenn man die Aufgabe oder das Projekt abgibt, das Kind auch beim Namen nennen: Es heißt Kindesweglegung.

 

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"Eingeschränkter Zugriff"
Warum „eingeschränkter Zugriff“ sehr viel aussagt.

Wie lang dauert der maximal erholsame Urlaub? Zwischen elf und 14 Tagen, sagen Experten – zu kurz, sagen viele Urlauber. Uneinigkeit auch über das Thema Nachrichtenlesen im Urlaub: Die einen hindert der ständige Kontrollblick am Entspannen, die anderen beruhigen nur laufende Meldungen, die Welt stehe noch.

So hilfreich elektronische Abwesenheitsassistenten, so interessant sind die darin gewählten Formulierungen: Nachrichten weder heute noch nach der Rückkehr zu lesen oder aber umgehend zu antworten. Oder – Achtung, Sprechblase – auf den aktuell „eingeschränkten Zugriff“ auf Mails zu verweisen.

Das ist eine Möglichkeit zu sagen: „Natürlich schaue ich permanent, aber ich antworte nur Menschen, die mir wichtig sind.“
Könnte nicht auch reichen: „Ich befinde mich im Urlaub“? Ob man „wohlverdient“ dazuschreibt, muss man sich halt überlegen.

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"Interoperabilität"
Warum Interoperabilität die neue Kooperation ist.

Die Computermenschen haben derzeit bei allem die Nase vorn: bei Technologie und Algorithmus, beim Gehalt sowieso. Und bei der Sprache, wie immer neue Begriffskreationen zeigen. Da bei Technologie, Algorithmus und Gehalt andere Berufsgruppen kaum nachkommen, ist es einfacher, die Sprache raubzukopieren. Das derzeit beliebteste Beutestück ist – Achtung, Sprechblase – Interoperabilität.

Weil: Zusammenarbeit klingt noch öder als Kooperation. Und dass Menschen kompatibel sein sollen, ist selbst Profi-Businesssprech-Sprechern zu kühl. Also: Interoperabilität, nahtlos zusammenarbeiten, Informationen effizient austauschen.

Eines übersehen Interoperabilitätsfans: Schnittstellen (Interfaces, wie die Computermenschen sagen) müssen offengelegt werden. Ui, von Transparenz hat keiner gesprochen (da müsste man offen zueinander sein). Nur von Interoperabilität.

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"Karriereleiter" und "Berufslaufbahn"
Warum Kultur in dieser Komposition auch nur ein Missverständnis ist.

Vor Kurzem hätte man gesagt, die Fußball-WM und das Arbeitsleben verbindet eines: Es geht um den Aufstieg. Noch immer wird Karriere als etwas Lineares gesehen. Die Rede ist von der – Achtung, Sprechblase – „Karriereleiter“ (rauf oder runter) oder der „Berufslaufbahn“ (vor und zurück). Der Schritt zur Seite ist weder auf der Laufbahn (Disqualifikation) noch auf der Leiter (Absturz) günstig.

Tatsächlich hat sich das Karriereverständnis aber geändert. Die Seitwärtsentwicklung bedeutet keinen Imageschaden mehr. Im Gegenteil, sie ist willkommen, zum Lernen und Probieren, um später vielleicht noch spannendere Aufgaben zu übernehmen, ohne in der Hierarchie aufsteigen oder in die erste Reihe treten zu müssen.

Und damit ist Karriere doch wieder wie Fußball. Manchmal muss man den Ball abspielen, sich freilaufen, um letztlich zu scoren.

 

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Ach du liebes Hühnerauge
Warum „Schmerzpunkte“ (keine) Probleme bereiten.

Es spricht sich langsam herum, dass Emotionen und Gefühle viel mit dem Businessalltag zu tun haben. Jedenfalls mehr, als wir als Denker und Rechner zu wissen glauben.

Das spiegelt sich in der Wortwahl wider. Probleme, die ja längst nicht mehr als solche angesprochen werden dürfen (Stichwort: Lösungs- statt Problemorientierung), haben neue, euphemistische Umschreibungen erhalten. Was bis vor Kurzem noch Chance, Herausforderung, Challenge oder ein Thema haben hieß, wird jetzt – Achtung, Sprechblase – Schmerzpunkt genannt. Oder Druckpunkt.

Au ja, da schwingen Emotionen und Gefühle mit, da entstehen neue Bilder. Doch wie soll man mit diesen neuen Problemen umgehen? Die Ursachen suchen und bekämpfen – oder mit Aspirin die Schmerzpunkte lindern und auf die Druckpunkte ein Hühneraugenpflaster auflegen?

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"Zeitkultur"
Warum Kultur in dieser Komposition auch nur ein Missverständnis ist.

Beim Thema Kultur bekommen Führungskräfte gern große Ohren. Kultur klingt gescheit, gepflegt, gehoben – kultiviert eben. Wer kultiviert ist, kann kaum ein schlechter Mensch sein.

Kultur taugt also zur Imagepolitur. Sie haben Führungskräfte angesichts der Zwölf-Stunden-Tageshöchstarbeitszeit-Debatte nötig, die sie als Ausbeuter erscheinen lässt. Da ist die Rede von Unternehmens- und Fehlerkultur und nun auch von – Achtung, Sprechblase – Zeitkultur. (Jaja, Zeit managen, in den Griff bekommen, Zeit ist Geld etc.)

Was dabei oft übersehen wird: Kultur ist kein Steuerungselement, man kann sie nicht vorschreiben. Der Kultur liegen Normen, Werte und Haltungen zugrunde, doch Kultur ist immer nur, was tatsächlich gelebt wird – als Summe tatsächlicher Verhaltensweisen.
So genau will es meist eh keiner wissen. Hauptsache, kultiviert geht es zu.

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„Was beschäftigt dich gerade?“
Warum „Wie geht's?“ besser als sein Ruf ist.

Das Feine am Sommer ist, dass man nicht zwingend über das Wetter reden muss, um ins Smalltalken zu kommen. Es gibt ja die Frage, ob man schon geurlaubt habe, als dankbares Gesprächsthema.

Der Klassiker unter den Smalltalk-Einstiegen bleibt aber immer noch – Achtung, Sprechblase – die vordergründig hintergründige Frage „Wie geht's?“. „Danke“, lautet die Antwort oder: „Gut.“ Wer sagt schon „Hundsmiserabel“? Wer „Wie geht's?“ gefragt wird, kann getrost davon ausgehen, dass die Fragenden die Antwort meist ohnehin nicht interessiert.

„Wie geht's?“ ist also gar nicht so weit entfernt vom „How are you?“-„Fine“-Nonsense der dafür viel gescholtenen Amerikaner.

Wie schlimm wäre es, würde man stattdessen gefragt werden: „Was beschäftigt dich gerade?“ Da müsste man sich ja etwas überlegen. Hilfe! Also lieber: „Und, schon auf Urlaub gewesen?“

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"Core" - der Kern der Sache
Warum „Core“ selbst öde Themen aufregend macht.

Wie motzt man im Business-Sprech Inhalte auf, die an der Schnarchgrenze vegetieren? Man greift in die Anglizismuskiste und setzt ihnen ein – Achtung Sprechblase – „Core“ voran. Schon wird aus dem Thema ein Core-Thema, dem Geschäft ein Core-Geschäft und dem Team ein Core-Team. Aufregend. Aufregender als Kern-Thema, -Geschäft, -Team etc.

Also gibt es Core-Segmente, -Werte und -Immobilien (angeblich die Besten der Besten). Absurd wird es bei Core-CEE-Ländern. Welche Staaten zu den zentral- und osteuropäischen zählen, ist an sich schon unklar, wer deren Kern bilden soll, dann umso mehr.

Und: kein Kern ohne sein Gegenteil, etwa Non-Core-Kreditportfolio. Die hochgezüchtete Obstindustrie aber hat das bislang verschlafen: Immer noch will sie uns „kernlose Weintrauben“ verkaufen – anstatt Non-Core-Weintrauben.

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"On Demand"
Warum Learning on Demand enttäuscht.

Zugegeben: Warten ist öd. Insofern muss man dem Osterhasen den Vorwurf machen, dass er uns die gesamte Fastenzeit lang warten lässt. Umgekehrt: Es dauert eben, bis alle Ostereier sorgfältig gefärbt sind.

Ein Glück, dass wir in digitalen Zeiten leben, in denen es vieles auf Knopfdruck gibt: Videos, Bücher, TV, E-Mobilität, Dates, ja sogar den Doctor on demand gibt es. Theoretisch auch Learning on demand: Wissen dann erwerben, wenn es gebraucht wird. Das funktioniert in vielen Fällen auch.

Doch wer fachliche Tiefe will, wird on demand nur bedingt glücklich: Lernprozesse dauern eben. Und wer den großen Überblick haben will, wird on demand auch nicht weit schauen können – ohne Wissen auf Vorrat wird es nicht gehen.

Also lernen wir: Wer nicht warten kann/will, der kann/darf sich auch nicht viel erwarten. Auch nicht vom Osterhasen.

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"Schulzen"
Warum „schulzen“ kein Politikerprivileg ist.

Wortspiele mit Familiennamen sind eine heikle, weil oft peinliche Sache (Kurz-Geschichten, Kern-Spaltung, Klima-Wandel etc.), die meist schnell an Reiz verliert.

Aus Deutschland erreicht uns dieser Tage allerdings eine Familiennamen verballhornende Sprechblase mit Unwortpotenzial: das Verb schulzen. Aus dem politischen Kontext stammend, bedeutet es so viel wie eine vollmundige Ankündigung machen, um dann diametral zu handeln und das als große Leistung darzustellen – obwohl der Schaden meist nicht zu übersehen ist.

„Ja, ja, die Politiker“, sagen Sie jetzt vielleicht. Aber was habe das mit dem Businessalltag zu tun? Kleiner Tipp: Bei den nächsten Besprechungen mitprotokollieren und gelegentlich nachlesen. Das Archiv ist ja, wie wir dank Robert Hochner wissen, die Rache der Journalisten – und der Mitarbeiter.

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"Eng abstimmen"
Warum „eng abstimmen“ von wenig Vertrauen zeugt.

Man kann es als Prädikat verstehen, sich mit mit seinen Vorgesetzten – Achtung, Sprechblase – „eng abstimmen“ zu dürfen (oder zu müssen). Schließlich ist es ja fein, mit der Führungsriege auf Tuchfühlung und nahe am Auge des Orkans zu sein – also dort, wo entschieden wird. Richtig gehört: Das ist eine passive Konstruktion. Andere treffen die Entscheidungen.

Man könnte daher „eng abstimmen“ auch als ein An-der-kurzen-Leine-Führen verstehen: Der Aktionsradius ist eingegrenzt und definiert, wo man hingehen darf. Man kann an der Leine zerren, ausreißen aber ist meist unmöglich. Vertrauensvoller Umgang sieht anders aus, selbst wenn ein Korridor, in dem man sich bewegen soll, und eine Richtung vereinbart sind.

Doch eine Leine braucht es ebenso wenig wie einen Beißkorb. Und Sitz, Platz und Fuß kann man sich auch sparen.

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„Ich sage nur ein paar Worte“
Warum man „ich sage nur ein paar Worte“ sagt.

Schade, dass Ostern in Unternehmen selten zum Anlass für Feiern dient. Das Fest führt eher ein Frühlingsmauerblümchendasein im Vergleich zu Jahrestagen, Weihnachten und dem Sommer. Damit wird Ostern auch eine der schönsten Ansprache-Sprechblasen verschwiegen: „Ich sage nur ein paar Worte.“

Die Formel ist rätselhaft. Will sie das „nur“ betonen? Das „ein paar“? Also, dass es eine ganz kurze Rede wird, die aber unumgänglich notwendig ist. Oder die „Worte“? Also, dass etwas gesagt wird, weil die Führungskraft bei derlei Gelegenheiten traditionell etwas sagen muss, sich Inhalte erspart und nur Wort an Wort reiht? Es bleibt: ein Rätsel.

Eines aber ist wichtig: Was mit „ich sage nur ein paar Worte“ begonnen hat, darf nach einigen Minuten niemals ohne ein „ich komme schon zum Schluss“ auskommen. Am besten so ungefähr bei der Halbzeit.

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"Hands-on"
Warum „hands-on“ nur eine Nullnummer ist.

Stellenanzeigen zu texten, ist keine einfache Aufgabe. Knackig und aussagekräftig (so wie das zumeist verlangte Motivationsschreiben) soll sein, was in wenigen Zeilen Gusto auf den Job machen will.

Kein Wunder, dass sich darin unbestimmte Begriffe wie belastbar, flexibel oder stressresistent finden. Beliebt ist auch die – Achtung Sprechblase – „hands-on“. Einen spielerischen Zugang, den eines Praktikers, sucht man mit „hands-on“. Ja, eh, was denn sonst? Wer will schon Theoretisierer, die nichts praktisch umsetzen, nicht einmal Konzepte schreiben wollen? Hands-on ist also eine Nullnummer.

Oder ist die Angst vor den Delegierern so groß, dass Selbstzupacker gefragt sind? Dabei fällt selbst vielen Führungskräften das Delegieren schwer. Oft weil sie nichts aus der Hand geben wollen. Für sie wäre es ganz gut, der Stellenanforderung „hands-off“ zu entsprechen.

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„Mühen der Ebene“
Warum die „Mühen der Ebene“ irrelevant sind.

Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass sich positives Denken alles andere als negativ auswirkt. Es sei denn, man darf nicht mehr ansprechen, was ist, und jedes Problem ist zwanghaft als „Chance“ zu bezeichnen.

Im Business-Sprech geht es mitunter nicht darum, Lösungsorientierung (Stichwort: Sag Chance zum Problem!), sondern Leistungsbereitschaft und Ausdauer zu demonstrieren. Dann ist von den – Achtung Sprechblase – „Mühen der Ebene“ die Rede und wie heldenhaft man sie bewältigt.

Wanderer und Läufer kennen diese Mühen nicht. Ihnen setzen dort höchstens Langeweile und der Gegenwind zu. Ins Schwitzen kommen sie, wenn es bergauf geht. Oder bergab, wenn die Knie lädiert sind. Geht es mit Unternehmen bergab, wird es erst richtig mühsam. Und die Mühen der Ebene wirken dann wie ein Kindergeburtstag.

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"Silos"
Warum „Silos“ Denker und Karrieristen beirren.

Da haben uns die Spanier was eingebrockt. Mit den „Silos“. Die sind nur gut, Zement, Getreide und Co. zu verwahren. Aber das war's dann mit den positiven Seiten des spanischen Lehnworts „Silo“. So stößt sich Sprechblase-Leser Paul D. am Äußeren der Silos und will sie kunstvoll dekorieren. Andere stört die Unklarheit, ob es „der“ oder „das“ Silo heißt. In Büros wirft man Kollegen anderer Abteilungen oft Silodenken vor. Oder dass sie Silokarrieren machten. Engstirnig, unflexibel, ohne Weitblick.

Nur starke Persönlichkeiten können Silos überwinden. Oder sprengen. Dabei aber gilt größte Vorsicht, wie sich Anfang der Woche im dänischen Vordingborg zeigte. Denn so ein Silo kann eigenwilliger sein als angenommen: Manchmal fällt er bei der Sprengung einfach in die falsche Richtung um. Im konkreten Fall können die Spanier ausnahmsweise nichts dafür.

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"Mach keine Wissenschaft draus"
Warum man „keine Wissenschaft draus machen“ soll. Oder doch.

Wenn es ums Image geht, haben die Theoretiker schlechte Karten. Ähnlich den Wissenschaftlern sind sie als verkopft und praxisfern verschrien. Ihnen fühlen sich die Leute aus dem Business gern überlegen, die „Hands on“-Mentalität für sich beanspruchen: Sie packen an, setzen um, kassieren Lob.

Wer den Aktionismus der Macher genauer anschaut, wird mit einer Sprechblase gestraft: „Mach keine Wissenschaft draus!“ Eifriges Tun lässt sich eben gut verkaufen – nachfragen, -forschen und -denken nicht so sehr.

Paradox wird es dann, wenn jene, die „Mach keine Wissenschaft draus!“ sagen, als Grundlage für ihre G'schaftigkeit nicht irgendwelche Befunde heranziehen, sondern sich auf „wissenschaftliche Studien“ stützen. Da ist die Wissenschaft dann wieder gut genug. Oder anders gesagt: Wissenschaftler haben es manchmal schwer.

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Kündigung ist nicht gleich Entlassung
Warum eine Kündigung keine Entlassung ist.

Juristen, lautet das Klischee, seien pedantisch. Besonders, wenn es um Fachbegriffe geht. Mag sein. Doch diese Art der Genauigkeit zeigen viele Menschen, die ihr Ding mit Leidenschaft verfolgen. Versuchen Sie einmal, eine Kilowattstunde und Pferdestärken zu vergleichen. Oder besser: versuchen Sie eben nicht, Arbeit und Leistung gleichzusetzen. Außer Sie wollen den berechtigten Aufschrei der Naturwissenschaftler provozieren.

Manchmal ist es auch karrieretechnisch wichtig, die richtigen (juristischen) Termini zu verwenden. In den Köpfen der Personaler entstehen etwa ganz unterschiedliche Assoziationen, wenn sie hören, ein Bewerber sei gekündigt (die Kündigung bedarf keiner Begründung), oder er sei entlassen worden. In letzterem Fall muss er etwas angestellt haben (etwa Untreue, Diebstahl etc.) – also deutlich mehr als Kilowattstunden mit Pferdestärken gleichzusetzen.

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"Das Dilemma der letzten Meile"
Warum das „Dilemma der letzten Meile“ rätseln lässt.

Von „Mühen der Ebene“ war im Teil I der „Raunzen“-Miniserie vergangene Woche die Rede. Die heutige Sprechblase: „Das Dilemma der letzten Meile“.
Sprechen Logistiker von ihm, ist das einigermaßen nachvollziehbar: Mit einem 40-Tonnen-Lkw Kunden in Wiens Innenstadt zu beliefern, ist echt dilemmatisch.

Bei allen anderen (besonders Projektleuten), die vom „Dilemma der letzten Meile“ sprechen, stellt sich die Frage: Warum sollte es immer ausgerechnet die letzte Meile sein, die Sorgen bereitet? Weil sie vieles erst auf den letzten Drücker erledigen oder schlecht geplant haben, was sie besonders im Projektfinale spüren?

Und heißt es letzte „Meile“? Bekommt Österreich das Dilemma gar nicht zu spüren, weil wir metrisch – und nicht in Meilen rechnen? Eher ist die deutsche Version des „last mile dilemma“ ein „Dilemma der schlechten Übersetzung“.

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"Karenzurlaub"
Warum „Karenzurlaub“ ein Missverständnis ist.

Mit den steigenden Temperaturen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Urlaub im Small Talk thematisiert wird: Kurzurlaub, jetzt am verlängerten Wochenende, Wellness-, Wander-, Strandurlaub oder Aktivurlaub (wenn es den gibt, was bitte ist dann ein Passivurlaub?). Wichtig ist: Der Urlaub ist belebend – gleich, ob er entspannend ist oder eine spannende Zeit bietet. Daheim, ums Eck oder in der Ferne.

Es gibt aber auch andere Möglichkeiten, sich für einige Zeit aus dem Job zurückzuziehen: Bildungskarenz, Mutterschutz und Mutter-/Väter- bzw. Elternkarenz. Wer diese Zeiten selbst erlebt hat, weiß: Sie sind bereichernd, er- und ausfüllend – in vielerlei Hinsicht. Interessant ist, dass noch immer von – Achtung Sprechblase – „Karenzurlaub“ gesprochen wird. Wahrscheinlich von jenen, die noch nie karenziert waren – oder nie auf Urlaub.

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Weg mit der Kugel
Warum wir im Job so gern „am Ball bleiben“.

Wer glaubt, nur in Russland wird in diesen Tagen gekickt, der irrt. Nein, es sind die heimischen Büros, die nicht nur während der Fußball-WM (ja, sie läuft eh nur noch bis 15. Juli) als Arenen, Stadien oder zumindest Spielfelder dienen.

Da ist man in Großraum- und Einzelbüros, in Besprechungsräumen, Kaffeeküchen und auf Gängen – Achtung Sprechblase – „am Ball“. Mehr noch: Da werden sogar ambitioniert „viele Bälle in der Luft gehalten“ – man ist ja Profi.

Da ist alles eine runde Sache. Besonders, wenn man scoren kann – das ist dann natürlich eine Einzelleistung, die man gewürdigt wissen will.

Und wenn es nicht so ganz nach den Vorstellungen läuft, dann wird der Ball flach gehalten. Und wenn gar nichts mehr geht, dann wird jemand anderem der Ball zugespielt. Bloß weg mit der Kugel. Wozu hat man schließlich Teamkollegen?

 

(c) Pixabay
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Helikopterperspektive
Ganz schön abgehoben. Warum die Helikopterperspektive abgehoben ist.

Da sitzt man eben noch am Besprechungstisch, und schon wird er wahr – der Traum vom Fliegen. „Gehen wir gemeinsam in die Helikopterperspektive“, sagt das Gegenüber. Na dann, guten Flug.

Von oben sehen die Dinge immer ein bisschen anders aus: mehr Überblick, doch Distanzen erscheinen verzerrt. Wer schon einmal aus dem Helikopter oder von einem Berggipfel hinuntergeschaut hat, weiß das. Wer aus der Helikopterperspektive blickt, muss aufpassen, nicht von oben herab auf die Dinge zu schauen. Etwas bescheidener erscheint eine andere Phrase: einen Schritt zurücktreten.

Aber wenn wir schon von abgehobenen Dingen sprechen: Viel ist von den Helikoptereltern, die wie ein Gottseibeiuns über ihren Kindern rotieren, alle Probleme und Schwierigkeiten vorhersehen und vorauseilend ausräumen, die Rede. Die Kinder sind schnell daran gewöhnt, und in den Unternehmen – so hat es Dieter Rappold, Chef der Agentur Vi Knallgrau, kürzlich formuliert – geht die Sorge um, dass sie nach den Helikoptereltern auch Helikopterunternehmen verlangen. Auch diese Forderung scheint ganz schön abgehoben.

(c) Pixabay
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"Hallo von meiner Seite"
Kein Ding für Angela Merkel. Warum ein "Hallo von meiner Seite" wenig freut.

Sie sind tückisch, diese sprachlichen Bilder: Wer mit ihnen Geschichten erzählt, sagt (un-)gewollt mehr. Wer etwa von der einen und der anderen Seite spricht, dem sind Unterschiede und Abgrenzungen wichtig. Wie bei der Münze: Ihre Seiten sind fix verbunden, mögen sich aber nicht – einerseits Kopf, andererseits Zahl.

Der Klassiker: Zwei Personen präsentieren. Eine beginnt, die andere ist später am Wort. Und da zu Beginn nichts Verbindendes gesagt wurde, folgt eine Sprechblase: „Hallo auch von meiner Seite.“ Das grenzt ab.

Es ist seltsam, was es mit der „Seite“ auf sich hat: An jemandes Seite zu gehen erklärt die Anatomie. Doch dass das Vergnügen auf meiner Seite liegt und die Freude auf meiner Seite ist? Internetseiten sind jedenfalls nicht gemeint.

Apropos Homepage: Auf uni-protokolle.de wurde diskutiert, ob es „Von meiner Seite her“ oder „Von meiner Seite aus spricht nichts dagegen“ heißt. Wie wäre es mit „Ich bin dafür“?

Dafür ist sicher auch Sowohl-als-auch-Kanzlerin Angela Merkel. Ein ausgrenzendes Entweder-oder ist ja nicht ihr Ding. Oder haben Sie sie je „Ein Hallo auch von meiner Seite“ sagen hören?

(c) APA/dpa/Michael Kappeler
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"Ich bin ganz bei Ihnen"
Ich bin ganz bei mir. Warum "Ich bin bei Ihnen" Angst einflößt.

Menschen mit Berührungsangst können gar nicht anders. Selbst wenn sie die Meinung des Gegenübers teilen und wenn sie einverstanden sind: Sie müssen dagegen sein. Denn sie müssen sich schützen. Schützen vor jener Sprechblase, die Zustimmung ausdrücken soll: „Da bin ich ganz bei Ihnen.“ Stellen Sie sich das einmal bildlich vor. Dieses Ganz-bei-Ihnen-Sein drückt mehr als bloß inhaltliche Tuchfühlung aus.

Trotzdem hört man das „Da bin ich ganz bei Ihnen“ ständig. Auch von Menschen, die über die unterschiedlichen Distanzzonen Bescheid wissen: öffentliche Distanz – rund vier Meter –, wenn wir am Strand das Badetuch auflegen. Soziale Distanz – bis zu vier Metern – auf dem Bahnsteig. Persönliche Distanz – zwischen einem halben und einem Meter, also der Armlängenabstand – im Gespräch mit Kollegen. Und Intimdistanz, sie ist selbsterklärend.

Was das Körperliche betrifft, haben wir das mit der Distanz verstanden. Doch sprachlich hapert es bei vielen. Sie sind weiterhin ständig bei den anderen. Manchmal wünscht man sich, sie würden, bevor sie bei jemandem anderen sind, erst einmal zu sich kommen.

(c) Pixabay
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"Handel ist Wandel"
Was sich reimt, ist gut. Wieso "Handel ist Wandel" von Pumuckl sein könnte.

Das wusste schon Pumuckl – wir erinnern uns: der kleine, barfüßige Kobold mit grüner Hose, gelbem Shirt (damals hieß das Leibchen) und rotem Haar, der nur für den Tischler Meister Eder sichtbar war. „Was sich reimt, ist gut.“ Wenn die gereimte, apodiktische Behauptung dann noch dazu nicht zu widerlegen ist, umso besser. Die Sprechblase „Handel ist Wandel“ – erfüllt alle diese Kriterien.

„Handel ist Wandel“ ist ein Spruch, der gern von Führungskräften benutzt wird, um die „andauernd notwendige Veränderungsbereitschaft in Handelsunternehmen in prägnante Worte zu fassen“, definiert „Gabler Wirtschaftslexikon“ diese Sprechblase.

Ja, richtig, der Handel ist in ständigem Wandel – wie wir in dieser Ausgabe beschreiben. Übrigens: So wie auch alle anderen Branchen.

Pumuckl hat nicht nur Belangloses wie „Pumuckl neckt, Pumuckl versteckt, niemand entdeckt“, sondern auch wirtschaftsbezogen gereimt: „Oh die Stunde sei gesegnet, wo ein Schlosser mir begegnet.“ Reimt sich, ist folglich gut. Und inhaltlich richtig – oder gibt es jemanden, der noch nie auf Handwerker gewartet hätte?

(c) ORF
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"Ich weiß nicht"
Ich weiß, dass ich vieles weiß. Warum "Ich weiß nicht" nur ein billiger Trick ist.

Führungskräften, von denen erwartet wird und die von sich selbst erwarten, alles zu wissen, ist es hoch anzurechnen, wenn wie mit ruhigem Gewissen mitunter sagen: "Ich weiß es nicht." Besonders dann, wenn sie neu in einer Führungsposition sind, wie in unserer Online-Serie "Ich bin der neue Boss" beschrieben.

Ein ähnlicher Satz hat sich im Führungskräfte-Sprachgebrauch schon vor längerer Zeit als Sprechblase eingebürgert. Ihm fehlt nur das "es". Er lautet: "Ich weiß nicht." Im Manager-Sprech ist er Teil einer strengen Choreografie: Zuerst wird eine beliebige Aussagte platziert. Dann folgt: "Ich weiß nicht", um danach auf elegische Weise das eigene, umfangreiche Wissen darzulegen.

Der billige Trick, um Aufmerksamkeit zu heischen, hat einen umgangssprachlichen Bruder und heißt "keine Ahnung". Er tritt nach demselben Schema in Aktion. Der missratene, gewaltbereite Neffe tritt gelegentlich als "Schlag-mich-tot" in Erscheinung. Wer bitte meint, was er da sagt? Und warum sagt, wer das sagt?
Dazu sagen auch Psychologen "ich weiß nicht" – um danach auf elegische Weise das eigene, umfangreiche Wissen darzulegen.

(c) Pixabay
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"Aus gegebenem Anlass"
Max hat richtig Mist gebaut. Warum „aus gegebenem Anlass“ heute passend ist.

Regelmäßig finden sie sich im Posteingang: Mails mit dem Betreff „Aus gegebenem Anlass“. Im Text findet sich dann so etwas Ähnliches wie „weisen wir darauf hin, dass . . .“

Ja, was wollen Führungskräfte ihren Mitarbeitern damit sagen? Dass es nicht schadet, gelegentlich das eigene Gewissen zu erforschen? Oder soll es via digitalen Zeigefinger daran erinnern, nur ja brav zu sein?

Zwei Effekte haben „Aus gegebenem Anlass“-Mails jedenfalls. Erstens: Sie sind eine Art Pauschalanschuldigung. Jeder Einzelne fragt sich mehr oder weniger pikiert: „Was habe ich damit zu tun?“ Zweitens: Sie sorgen für Gerüchte, wer denn wieder richtig Mist gebaut hat. Denn irgendetwas muss ja schließlich passiert sein, und da will ein Schuldiger gesucht und gefunden werden. Denn gäbe es keinen Anlass, könnte und würde nicht darauf hingewiesen werden.

Beide Nebenwirkungen erspart sich, wer entweder den Anlass beim Namen nennt oder ganz unaufgeregt schreibt: „Wir erinnern daran, dass . . .“

Übrigens: Der gegebene Anlass, die Worthülse „aus gegebenem Anlass“ zum Thema zu machen, ist die 100. Folge dieser Kolumne.