Wo Fehler nicht passieren dürfen

Sicherheit. Fehler werden toleriert, solang sie kein zweites Mal passieren. Es gibt aber Branchen, in denen schon ein erstes Mal fatal wäre. Was wir uns von der Luftfahrt abschauen können.

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Marin Goleminov

Manchmal wundert sich Johann Härting, wenn er mit Vertretern anderer Branchen spricht. Härting ist Kapitän bei den Austrian Airlines (er fliegt den Airbus A320) und für die Abteilung Human Factors verantwortlich. Dort schult er nicht technische Themen, Sicherheit und Zusammenarbeit. Alleiniges Ziel: Wie verhindern wir im Flugbetrieb Fehler? Da jeder fatal sein könnte.

Was Härting also auffällt, wenn er mit Branchenfremden plaudert: „Sie machen etwas, es scheitert, sie schauen, warum ist es gescheitert, und dann machen sie es anders.“ Ex-post-Analyse oder, wie es in der Luftfahrt heißt, Safety 1. Solch reaktive Konzepte sind dort zu wenig: „Wir schauen, was wir gut machen – und dann sorgen wir dafür, dass es alle machen. Weltweit.“

Dieser Ansatz heißt Safety 2 und brachte der Luftfahrt trotz Rekordpassagierzahlen 2017 das sicherste Jahr in ihrer Geschichte. Was können sich Wirtschaftskapitäne davon abschauen? Einiges, ist Härting überzeugt.

Individualität schadet

In der Wirtschaft will jeder die Dinge so erledigen, wie es ihm am besten scheint. „Gehen Sie in 25 Bankfilialen und verlangen Sie 25-mal dasselbe Service. Sie werden es 25-mal anders bekommen.“ In der Luftfahrt werde der beste Prozess eruiert und verpflichtend ausgerollt. Für alle, rund um den Globus.

Checklisten entlasten

In der Wirtschaft fühlt man sich durch Checklisten entmündigt („Trauen die mir das nicht zu?“) Die Luftfahrt liebt sie. „Da sie das Gehirn entlasten.“ Härting zitiert den verstorbenen deutschen Politiker und Piloten Heiner Geißler. „Er sagte einmal, als Pilot treffe er während eines einzigen Fluges mehr Entscheidungen als ein Politiker während eines ganzen Jahres. Und er könne auch nicht kurz das Flugzeug stoppen und nachdenken.“ Im Cockpit sorgen deshalb Checklisten für strukturierte, nachvollziehbare Entscheidungen.

Anweisung wiederholen

Ein Notarzt weist für eine Reanimation die Schwester an, ihm 2,3 mg Atropin in einer Spritze aufzuziehen. 3 mg sind tödlich. Sie drückt ihm wortlos die Spritze in die Hand. Woher weiß er, dass sie ihn richtig verstanden hat? In der Luftfahrt sei das anders, schildert Härting: „Bekommen wir im Cockpit die Anweisung, etwa auf Flughöhe 330 zu steigen, wiederholen wir das, bevor wir es umsetzen.“ Die schöne Tugend der Rückbestätigung habe schon so manches Missverständnis verhindert.

„Unfit to fly“

Man stelle sich vor: Ein Manager ruft in seiner Zentrale an, um persönliche Probleme kundzutun, die ihn am Arbeiten hindern. Piloten dürfen genau das. Sie melden sich „unfit to fly“, wenn sie sich in ihrer Reaktionsfähigkeit eingeschränkt fühlen – weil Sicherheit über allem steht. Die Crew wird auch zu Fatigue (Müdigkeit) geschult und lernt alles über Schlafphasen, Schlafhygiene und den Umgang mit Kaffee (er wirkt erst nach 20 Minuten). Damit an Bord stets alle fit sind.

Aufeinander aufpassen

Ein Pilotenspruch besagt: „Wenn du acht Kilometer in der Minute fliegst, musst du acht Kilometer in der Minute vorausdenken.“ Zwecks Vorausdenken trifft sich jede Crew zu Dienstbeginn und geht die Besonderheiten des Flugs durch: VIP-Gäste, Passagiere mit Beeinträchtigungen, erwartete Turbulenzen.

AUF EINEN BLICK

Was machen Fluglinien besser als andere Unter-nehmen, um Fehler zu vermeiden? AUA-Kapitän Johann Härting nennt etwa den Verzicht auf Individuallösungen zugunsten stan-dardisierter Prozesse, Checklisten für strukturierte Entscheidungen, das Wiederholen jeder Anweisung und gegenseitiges Aufeinander-Aufpassen.

„Die Flugbegleiter müssen doch wissen, wann sie die Mahlzeiten servieren sollen.“ Unmittelbar vor den Turbulenzen warnt sie der Kapitän, indem er das Anschnallzeichen einschaltet. „Wir passen aufeinander auf. Das ist unser Geheimnis.“ Auch das dürfen sich Wirtschaftskapitäne abschauen.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2018)

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