Es muss nicht immer Friseurin oder KFZ-Mechaniker sein

Für alle, die jetzt eine Lehrstelle suchen: worauf dabei geachtet werden muss. Wo die Digitalisierung zuschlägt. Welche Berufe kommen, welche bleiben, welche gehen.

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Mädchen lernen Einzelhandel, Bürokauffrau und Friseurin, Burschen Metall-, Elektro- und KFZ-Technik. Am Klischee ändert sich wenig, an den Berufen viel. Auch daran, wie sicher sie sind.

1. Handel, Büro und Finanz: Mit Vorsicht zu genießen.

Einzelhandel ist der All-time-Hit. Mit 15 bewährten Schwerpunkten, von „Baustoffhandel“ bis „Uhren- und Juwelenberatung“. Der 16. ist der zeitgeistigste: In „Digitaler Verkauf“ lernt man, über Video oder Tablet zu beraten und Multichannels zu managen. Alternativ passt auch „E-Commerce-Kaufmann oder -frau“, der bzw. die Waren online präsentiert und Social-Media-Kanäle professionell bespielt.

Diese beiden Richtungen seien jenen wärmstens ans Herz gelegt, die in den Handel streben. Denn die großen Ketten von Spar bis Saturn, die gerade so eifrig Lehrlinge aufnehmen, experimentieren auch mit radikalen Veränderungen. Dann ersetzt Onlinezustellung den täglichen Einkauf (nicht umsonst baute Rewe extra dafür ein millionenteures Lager in Inzersdorf) und Self-Scan-Kassen die Kassierer. Amazon geht noch weiter: In Seattle sperrte eben der erste Shop ganz ohne Kassen auf. Dort registrieren Sensoren am Regal die entnommene Ware. Wer braucht da noch Verkäufer?

Mit Vorsicht ist auch die Allround-Ausbildung zu Bürokaufmann oder -frau zu genießen. Gelehrt wird hier günstigstenfalls auf der Höhe der Zeit. Doch die üblichen Tätigkeiten – Anfragen weiterleiten, Termine führen, Kalkulationen erstellen, Zahlungsverkehr abwickeln – können Chatbots und künstliche Intelligenzen schneller und billiger ausführen. Langfristig droht in Büro und Finanz ein Exodus der Jobs. Wer schon in diesen Berufen steckt: schleunigst Digitalkompetenzen aufrüsten.

2. Elektrotechnik, Elektronik, Mechatronik und IT: Unbedingt.

Alles richtig macht man mit einer Ausbildung zum Elektrotechniker, Elektroniker oder Mechatroniker. Sie sind das, was Österreich braucht. Es gibt genügend Lehrstellen und -betriebe, auch Mädchen sind hochwillkommen. Der einzige Rat lautet zu checken, wie modern und digitalaffin ein Betrieb tatsächlich arbeitet. Im Zweifelsfall ist der Betrieb vorziehen, der vielleicht räumlich nicht ums Eck, aber auf der Höhe der Zeit ist.

Das gilt auch für IT-Technik und IT-Informatik. Hard- und Software – eh klar, aber es macht einen Unterschied, ob man mit Stand-PCs und Standard-Software oder Tablets und Apps arbeitet.

In der Gebäudetechnik hingegen werden Gas, Wasser, Heizung und Lüftung immer gebraucht werden. Daher ist auch gegen eine Lehre in einem traditionellen Betrieb nichts einzuwenden. Wer die Dinge aber nicht so machen will, wie sie immer gemacht wurden, heuert bei einem Internet-of-Things-, Ökoenergie- oder Solarspezialisten an.

3. Maschinen, Fahrzeuge und Metall: Ja, aber.

Die meisten Lehrstellen in dieser Berufsgruppe gibt es für KFZ-, Metall- und Karosseriebautechniker. Doch Achtung: Gerade die großen Arbeitgeber automatisieren zügig und stellen auf Industrie 4.0 um. Hier unbedingt darauf achten, dass man auf dem letzten Stand der Technik ausgebildet wird.

4. Chemie, Kunststoff und Recycling: Genau schauen.

„Chemie ist in“: Seit Jahren kämpft eine Imagekampagne gegen wenig inspirierende Erlebnisse im Chemieunterricht. Sie hat recht: Chemie steckt tatsächlich überall drin und schafft reichlich Nachfrage nach Chemieverfahrenstechnikern, Kunststofftechnikern und -formgebern, Pharmatechnologen und Textilchemikern.

Aber auch hier hat die Digitalisierung großen Einfluss. Roboter steuern solche Prozesse präziser als der fehleranfällige Mensch, 3-D-Druck macht ganze Bereiche obsolet, schafft aber auch neue (etwa Häuser aus dem Drucker). Deshalb: Genau schauen, wo man anheuert. Die Zahl der Lehrbetriebe ist leider nicht berauschend.

Detail zur ebenfalls in diese Gruppe fallenden Ausbildung zum Reifen- und Vulkanisationstechniker: Dieser Lehrberuf wurde 2017 runderneuert. Moderne Betriebe schulen nun auch im Umgang mit Diagnosecomputern und Reifendruckkontrollsystemen.

Wenig ausgebildet, aber über die Maßen wichtig sind Entsorgungs- und Recyclingtechniker. Wer keine Berührungsängste mit Abfall und Abwässern hat, findet hier ein weites Betätigungsfeld.

5. Gesundheit, Schönheit, Medizin und Pflege: Krisenfest.

Wir werden immer älter, und die Älteren werden immer mehr. Also braucht es künftig mehr Augenoptiker, Hörgeräteakustiker, Orthopädieschuhmacher und -techniker, pharmazeutisch-kaufmännische oder zahnärztliche Fachassistenten (Pfleger auch, aber das ist kein Lehrberuf). Zahntechniker hingegen werden aussterben, da der 3-D-Drucker nur Minuten für einen Zahnersatz braucht, an dem sie Stunden feilen.

Um Friseure, Kosmetiker und Fußpfleger müssen wir uns keine Sorgen machen. Die Industrie (siehe Chemie) wird immer neue Produkte erfinden, die an den Mann/die Frau gebracht werden müssen.

6. Tourismus, Gastronomie undHotellerie: Nicht überrascht sein.

Zu Hunderten ausgebildet und dennoch verzweifelt gesucht: Junge Hotel-, Restaurant- und Gastronomiefachleute gibt es genug, aber sie bleiben nur kurz in der Branche. Dass bis spät in die Nacht und am Wochenende gearbeitet wird, sollte einem bereits vor der Ausbildung bewusst sein. Der Beruf des Reisebüroassistenten hingegen wackelt. Wen wundert es, in Zeiten florierender Selbstbucherportale?

7. Transport, Verkehr und Lager: Besser sein als der Computer.

Betriebs- und Speditionslogistiker und -kaufleute sind gesucht und werden gern ausgebildet. Doch Vorsicht: Jeder Computer berechnet die Routen schneller. Sicher ist auch dieser Job nur, wenn man etwas kann, was er nicht kann.

Liste aller 200 Lehrberufe unter www.wko.at


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2018)

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