Die Macht der Höchststand-Ende-Regel

Psychologie. Was eine Darmspiegelung mit einer gelungenen Karriere zu tun hat. Und wie unser Selbstbild uns laufend austrickst. Zu unserem vermeintlich Besten.

dpa/Frank Rumpenhorst

Eine Gruppe von Ärzten überlegte, wie sie ihren Patienten die schmerzhafte Darmspiegelung so angenehm wie möglich gestalten konnte. Sollten sie lieber kurz und heftig oder langsam und sanft arbeiten? Die Ärzte probierten beides aus und baten ihre Patienten, den empfundenen Schmerz im Minutenabstand auf einer Skala von Null bis Zehn zu bewerten. Am Ende ersuchten sie um eine Beurteilung des „Gesamtschmerzniveaus“.

Das Ergebnis überraschte die Mediziner. Die Patienten summierten nicht etwa die Einzelschmerzwerte. Bei dieser Methode hätte eine längere Untersuchungsdauer eindeutig schlechter abgeschnitten. Nein, sie addierten nur zwei Werte, den größten Schmerz und den am Ende, und bildeten daraus das Mittel. Für die Ärzte hieß das: Gestalte vor allem das Ende der Untersuchung sanft und angenehm – und der Patient wird sie in besserer Erinnerung behalten (was jeder Kinderarzt weiß, der seinen kleinen Patienten zum Abschied einen Lolli schenkt).

Praktische Anwendungen

Für die Höchststand-Ende-Regel gibt es Dutzende Beispiele. Politische Parteien spekulieren damit, dass sich ihre Wähler nur an wenige Highlights der Legislaturperiode erinnern und schenken ihnen zu deren Ende großzügige Wahlzuckerln. Mitarbeiter bauen darauf, dass sich ihre Vorgesetzten beim Jahresgespräch nur herausragende Leistungen gemerkt haben und geben sich in den letzten Tagen besondere Mühe. Autoverkäufer schenken ihren Kunden nach beinharter Preisverhandlung die Fußmatten und bleiben als großzügig in Erinnerung.

Der Wissenschaftler und Autor Yuval Noah Harari liefert in „Homo Deus“ seine eigene Erklärung für die Höchststand-Ende-Regel. Für ihn spaltet sich unsere Identität in ein „erlebendes Selbst“ und ein „erinnerndes Selbst“. Das erlebende Selbst konzentriert sich auf den Moment und weiß ganz genau, dass eine lange Darmspiegelung mehr quält als eine kurze. Doch es vergisst schnell. Das Abrufen von Erinnerungen, das Erzählen von Geschichten und das Treffen von Entscheidungen sind die Domänen des erinnernden Selbst. Wann immer es Erlebnisse bewertet, ignoriert es deren Dauer und orientiert sich nur an Höchststand und Ende.

Trotzdem sind erlebendes und erinnerndes Selbst keine völlig getrennten Instanzen. Das erlebende Selbst liefert seinem Gegenspieler den Rohstoff für dessen Erinnerungen und Geschichten. Diese wiederum beeinflussen die künftigen Empfindungen des erlebenden Selbst. Wir empfinden Hunger unterschiedlich, je nachdem, ob wir gerade fasten, uns auf eine Darmspiegelung vorbereiten oder kein Geld für Essen haben.

Die „gelungene“ Karriere

Trotzdem identifizieren sich die meisten Menschen mit ihrem erinnernden Selbst. Ihr Selbstbild besteht aus den Geschichten, die sie über sich selbst im Kopf haben. Diese müssen objektiv weder richtig noch korrekt gewichtet sein. Ob wir also unser Leben, unsere Karriere als „gelungen“ empfinden, entscheidet nicht die Summe der Erlebnisse, sondern entscheiden Höchststand und Ende.

AUF EINEN BLICK

Nach der Höchststand-Ende-Regel erinnern wir uns nicht an die Summe der Ereignisse, sondern nur an das intensiv-ste Gefühl und das am Ende. Die Anregung zu diesem Artikel stammt aus dem Buch „Homo Deus“ des Wissenschaftlers und Bestsellerautors Yuval Noah Harari.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2018)

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