Eine Insel für Schöngeister

Porträt. Otto Ernst Wiesenthal, OEW genannt, kommt aus dem Finanzbereich. Er mag Menschen. In Marketing ist er auch ganz gut. Und er liebt moderne Kunst. Warum das alles nicht verbinden?

(c) David Sailer

Draußen: eine Baustelle. Drinnen: eine feine Melange aus Spittelberger Mietshauscharme, zeitgeistiger Innenarchitektur und farbenfroh-moderner Kunst. Otto Ernst Wiesenthal (69), kurz OEW genannt, baute sich mit seinem Hotel Altstadt Vienna eine Insel. Im Grunde genommen eine Insel für sich selbst, denn „jeder braucht doch eine Insel“. Weil er aber leidenschaftlich gern Kunst sammelt und dafür eine Ausstellungsfläche brauchte, teilt er sie mit seinen Gästen. Diese wiederum kommen zu ihm, weil sie sich wohlfühlen, umgeben von Kunst und gutem Geschmack. Bundespräsidenten, Spitzenmanager, Schauspieler.

So stellte OEW sich das vor, als er 1990 den ersten Gebäudeteil kaufte. Unmittelbar davor hatte er seine Karriere als Finanzmanager in der IT-Industrie beendet.

Gehen wir noch einen Schritt zurück. In OEWs Kindheit zwischen großbürgerlichen Salons und Schulrausschmissen. Er wechselte die Internate wie andere die Hemden: „Weil ich immer sagte, was ich mir dachte.“

Sein Internatstourismus ließ ihn zwei Talente ausprägen: Erstens, gut mit Menschen zu können. Schon als Schüler absichtslose Netze zu knüpfen: „Wer kann schon auf vier, fünf Maturatreffen gehen?“ Zweitens, exakt zu wissen, wie man nicht untergebracht sein will.

Eine Externistenmatura und ein abgebrochenes WU-Studium später heuerte er 1980 als Controller bei Wang an. Wang, das waren die Ur-Textverarbeitungrechner, revolutionär zu ihrer Zeit. Das Geschäft boomte. OEW, bald Osteuropachef, stellte mehr als hundert Mitarbeiter ein, um sie wenig später, als die große Konkurrenz aufkam, wieder abbauen zu müssen. „Kündigen war nichts für mich“, sagt er. 1990 schmiss er hin und rechnete seinem Chef vor, dass sein eingespartes Gehalt für fünf andere reiche.

Was nun tun? Für einen Geschäftsfreund sollte er einen Hotelstandort ausfindig machen. Er entdeckte das abgelebte Immigrantenquartier in der Kirchengasse, mit hohen Räumen, einst herrlichen Salons und idyllischem Ausblick auf die Kirche St. Ulrich. Das ist der Platz für meine Bilder, dachte er. Seinem Geschäftsfreund konnte er nicht helfen, sich selbst schon. Ein Jahr später eröffnete er.

"Die Leute reißen sich darum"

24 Zimmer und Suiten waren es zu Beginn, jetzt sind es bald 60 quer durch das verwinkelte Gebäude. Jedes ist individuell gestaltet von Designern und Architekten, von Lilli Hollein bis Adolf Krischanitz. Ein Geschoß „mit wirklich schlechten Zimmern in unattraktiver Lage“ entwarf Matteo Thun: „Die Leute reißen sich darum.“

Marketing ist seine Domäne. Von Hotelmanagement hingegen hatte er „nicht wirklich Ahnung“. Pre-Sales vor der Eröffnung? Fehlanzeige, weil er nichts darüber wusste. Er hinterlegte einfach auf dem Rückweg von den Bregenzer Festspielen seine Broschüren in allen Vier- und Fünfsternhotels. So machte man das damals. Im Monat darauf war er praktisch ausgebucht. Bis heute.

Ansonsten betreibt er heute „Management by Absence“. Er reist viel herum, weil er das gern tut, und macht auf sein Haus aufmerksam. Was sonst sollte er den ganzen Tag tun? Seit fünf Jahren hat OEW einen Geschäftsführer, den er „machen lässt“. Wie alle anderen auch. „Es gibt eine Richtlinie: Von zehn Entscheidungen darf eine falsch sein. Es darf nur keine wichtige sein.“ Er selbst kommt nur mehr zum Frühstück, „weil irgendwo muss ich ja frühstücken. Und hier gefällt es mir.“

Erst kürzlich berief er eine Familienkonferenz ein. Liebe Kinder, sagte er zu seinen drei Töchtern, nächstes Jahr bin ich 70. Lasst uns überlegen, wie wir weiter tun. Es wird ihnen schon etwas einfallen.

ZUR PERSON

Ernst Otto Wiesenthal (69) hatte eine Finanz- und Managementkarriere hinter sich, als er 1991 das Hotel Altstadt Vienna am Spittelberg eröffnete und seither ständig erweitert. Der Fokus liegt auf Kunst und Ausgestaltung durch namhafte Architekten. Die Vermarktung ist seine persönliche Domaine.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2018)

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