Wirtschaftstreuhand: Digitalisieren wie wild

Jobsicherheit. Früher wurde outgesourct, was nicht niet- und nagelfest war. Heute kommt so manches zurück. Die Jobs gehen trotzdem verloren. Faustregel: Wer tippt, verliert.

Digitalisierungsaffin und dennoch ein Freund von Büchern: BDO-Partner Peter Bartos.
Digitalisierungsaffin und dennoch ein Freund von Büchern: BDO-Partner Peter Bartos.
Digitalisierungsaffin und dennoch ein Freund von Büchern: BDO-Partner Peter Bartos. – Die Presse

Wer länger im Geschäft ist, kennt das Pendel der Wirtschaft. Ein großer Trend kommt, alle laufen ihm nach. Zehn Jahre später schwingt das Pendel in die Richtung der ursprünglichen Position zurück. Nicht aus Fehlereinsicht, sondern weil etwas Neueres, Hipperes, Gewinnversprechenderes aufgekommen ist.

Dem Megatrend Outsourcing ergeht es gerade so. Vieles, was vor zehn Jahren in Niedriglohnländer ausgelagert wurde, kommt jetzt zurück. Nicht, um Arbeitsplätze zurückzuholen, sondern um es unter eigener Aufsicht zu digitalisieren. Und natürlich auch, weil Sprach- und Kulturbarrieren höher waren als erwünscht. Aber das gibt man nicht so gern zu.

Das betrifft auch die Wirtschaftstreuhand. Peter Bartos, BDO-Partner und Mitglied des Management-Boards, macht sich Gedanken, welcher Bereich seiner Zunft wie stark von der Digitalisierung betroffen ist. Das schwankt.

► In der Wirtschaftsprüfung geht der Trend zum Anwenden, was bereits auf dem Markt ist. Vornweg sind das Data Analytics, die den Datenbestand eines Kundenunternehmens nach definierten Themen absuchen. Nicht die automatischen Buchungen interessieren, sondern wann welche Mitarbeiter auffällige händische Buchungen tätigten. „Perspektivisch gedacht“, meint Bartos, „kommt irgendwann eine lernende Software, die auch Fraud-Muster durchschaut.“

Das werde wohl noch eine Weile dauern. Derzeit funktionierten erst einfache Daten- und Journalanalysen mit Data Analytics. Schwierigkeiten mache hier bloß die Zeitverzögerung. Bartos: „Da wird sich in den nächsten zwei bis drei Jahren viel tun.“

► In der Steuerberatung zeigen die Finanzämter große Ambitionen, sich die Journale selbst zu holen und zu analysieren. Im Moment gehe es laut Bartos eher um fortlaufende Rechnungsnummern und Lücken im System. Es empfehle sich, „prophylaktisch unterwegs zu sein“ und vorab durchzudeklinieren, was später bei einer Betriebsprüfung relevant werde. Außer Haupt- und Nebenbüchern stehe hier vor allem der Umsatzsteuerbereich im Fokus.

Die großen Kanzleien sind hier klar im Vorteil. Ob die kleinen langfristig überleben, hängt davon ab, ob die Technologien für alle zugänglich werden.

► Die größten Umwälzungen erwartet Bartos im Rechnungswesen. Ironischerweise verwirklicht sich gerade hier ein Traum der 1980er-Jahre: das papierlose Büro. Einer KPMG-Studie zufolge arbeitet bereits die Hälfte aller Unternehmen im Rechnungswesen papierlos. Für 83 Prozent ist das ein deklariertes Ziel.

In der Buchhaltung funktioniert schon sehr viel vollautomatisch: vom Scan der Eingangsrechnungen über die (Vor-)Kontierung bis zu Auswertungen und Journalvergleich der vergangenen Jahre. Robotic Process Automation (RPA) schafft mehr als 90 Prozent der Buchungen – ohne menschliches Eingreifen. Weil RPA problemlos mit bestehenden Schnittstellen interagiert, ist das Implementieren einfach, schnell und risikolos.

Für Buchhaltungsmitarbeiter bedeutet das: Wer Daten eintippt, verliert. Wer sich hingegen digitaliesierungsaffin zeigt, kann sich zum Datenmanager entwickeln, der kontrollierend eingreift, wenn sich neue Sachverhalte ergeben. Auch Spezialwissen (z. B. IFRS, Bilanzierung, Steuerfragen) behält seinen Wert.

Die meisten Lohnverrechnungen sind längst hoch automatisiert. Wenn überhaupt, gibt es hier eine Schnittstellenproblematik. Wegen des hohen Spezialwissens (z. B. Kollektivverträge, Mitarbeitereinstufung) sind die Jobs vergleichsweise sicher.

Probleme in beiden Bereichen: Erstens, die Software ist sehr teuer. Zweitens, es hat sich noch kein allgemeiner Standard durchgesetzt.

Fazit: Eintippen verschwindet, was komplex ist, bleibt. Zumindest, bis künstliche Intelligenzen und die Blockchain kommen. Aber bis dahin ist noch Zeit.

AUF EINEN BLICK

Viele Arbeiten werden derzeit aus Niedriglohnländern zurückgeholt, um umgehend digitalisiert zu werden. Das große Thema in der Wirtschaftsprüfung sind Data Analytics, die automatisch Datenbestände der Kundenunternehmen analysieren. Die Arbeitsweise in der Steuerberatung verändern Finanzämter, die sich Firmenjournale selbst holen und algorithmisch prüfen. Im Rechnungswesen fallen Jobs weg, die mit Dateneingabe zu tun haben. Spezialisten sind (noch) sicher.


[OND5Z]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2018)

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