Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner

Qualifizierungsverbünde. Sie wollen Talente anlocken, die Digitalisierung vorantreiben und den Standort sichern. In ganz Österreich schließen sich Firmen und Ausbildungsstätten zusammen.

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Die duale Ausbildung ist eine wunderbare Sache. Nicht umsonst kupfert sie halb Europa von Österreich ab. Und doch: Bis neue Themen wie Digitalisierung oder Industrie 4.0 in die Curricula Einzug halten, dauert es lang. Typisch österreichisch spielen bei der Gestaltung einige Ministerien und Behörden mit. So verrinnt Zeit. Viel Zeit.

Über das ganze Land poppen daher Initiativen auf, die dieses Manko ausgleichen wollen, ohne dabei die duale Lehrausbildung zu konterkarieren.

Eine davon ist der oberösterreichische Qualifizierungsverbund EDU-Hub. Vereinfacht ist er die Interessengemeinschaft mehrerer Beteiligter. Zuerst die lehrlingsausbildende Industrie, u. a. die Welser Lokalmatadoren Fronius und BRP-Rotax. Letzterer verfügt über eine eigene Akademie (zum Thema siehe Artikel unten), an der auch die Marktgemeinde Gunskirchen beteiligt ist. Auch sie hat vitales Interesse an der Standortsicherung.

Mit an Bord sind auch das BFI OÖ und die FH Wels als Aus- und Fortbildungsanbieter sowie die Linzer Johannes-Kepler-Universität. Die JKU ist nicht akademischer Anbieter, sondern verfolgt ihren Forschungsauftrag. Ihr Ausgangsszenario: Auf dem Markt ist Zeitgeistwissen vorhanden, die Lernsysteme aber sind dieselben wie eh und je. Mit dem EDU-Hub will auch die Berufsausbildung den Quantensprung ins digitale Zeitalter schaffen, weit über E-Learning und TEDx hinaus: mit Lernmanagement- und Bereitstellungssystemen, die zu beforschen Auftrag der JKU ist. Federführend ist hier der Vorstand des Instituts für Wirtschaftsinformatik, Christian Stary.

In der Praxis sieht das dann so aus: Ein Welser KMU will seinen Lehrlingen über die Berufsschule hinaus Digital-Know-how zukommen lassen. Da kann es um Robotik gehen, um 3-D-Druck oder um Dauerbrenner wie CNC-Programmierung in der Zerspanungstechnik. Die Geräte, auf denen die Lehrlinge das lernen können, sind nicht weitverbreitet. Und sie müssen vom selben Hersteller sein, den auch ihr Lehrherr im Einsatz hat. „Hier geht es nicht um Konkurrenzdenken“, stellt BFI-Handlungsbevollmächtigter Gerhard Zahrer klar, „es geht um die Zukunftsfitness von Unternehmen, jener der Mitarbeiter und des Industriestandorts.“

Losgröße 1

Das BFI stellt die passende Ausbildung zusammen, nicht nur für Lehrlinge, sondern auch für ehrgeizige Facharbeiter, die den nächsten Karriereschritt anpeilen. De facto ist jeder Lernende ein Einzelfall und jede Ausbildung ein Einzelkunstwerk, weil eben jedes Unternehmen eigene Technologien, Hersteller und Prozesse hat.

Damit hält das Produktionsbuzzword Losgröße 1 auch in der Bildung Einzug. In der Produktion steht Losgröße 1 für individualisierte, personalisierte Produkte. Keine industrielle Massenfertigung mehr, sondern Einzelkonfigurationen nach Kundenwunsch. Am Beispiel BRP-Rotax: Es fertigt Motoren für Sportanwendungen (Kart- und Flugmotoren), auf Wunsch aber auch für High-End-Schneefräsen. Da werden die Maschinen blitzartig umgerüstet, die Zulieferer müssen friktionsfrei liefern. Die digitale Arbeitsweise verändert vieles. Die Standardanforderung jedes Suchinserats, Teamkompetenz mitzubringen, ist hier auch virtuell zu verstehen.

„Junge Menschen werden oft als Handywischer kritisiert“, beschreibt Zahrer. „Hier lernen sie etwa, das Handy als digitales Arbeitstool zu benutzen: um mit den Kollegen zu kommunizieren, um Antworten auf Fragen zu finden und ihre Arbeit auf Videos zu bannen, die dann vom Ausbildungsleiter bewertet werden.“ So erwerben sie auch Medienkompetenz und die Fähigkeit, Relevantes von Fake-News zu unterscheiden: „Alle Millennials sagen von sich, sie sind digital fit. Sie sind es nicht.“

Eine Frage drängt sich beim Bundesland Oberösterreich auf: Warum ist der Platzhirsch Voest Alpine nicht mit an Bord? Zahrer: „Da die Voest eine exzellente Lehrwerkstätte für sich und ihre Zulieferer hat. Der EDU-Hub ist die Ergänzung für alle anderen.“

AUF EINEN BLICK

Österreichs duales Ausbildungssystem ist europaweit anerkannt. Trotzdem kann es neue, sich noch entwickelnde Themen wie Digitalisierung oder Industrie 4.0 nicht abdecken. Derzeit entstehen über ganz Österreich Qualifizierungsverbünde, mit denen sich lokale Betriebe zusammen mit Aus- und Fortbildungsanbietern um ergänzenden Wissenstransfer kümmern. Gemeinsame Ziele sind, junge Talente mit besonderen Ausbildungen anzuziehen und den Standort zu sichern.


[ORJ7E]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2018)

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