„Mitarbeitern eine Stimme geben“

Porträt. „Klarheit vor Harmonie“ ist einer der Leitsätze von Michaela Oberauer für ihre Arbeit als HR-Chefin bei FCA Fiat Chrysler Automobiles. Wichtig sei dafür Transparenz – und die verlange Mut.

Zu sagen, die Jungen wollten ständig bespaßt werden, sei zu kurz gegriffen, sagt Michaela Oberauer.
Zu sagen, die Jungen wollten ständig bespaßt werden, sei zu kurz gegriffen, sagt Michaela Oberauer.
Zu sagen, die Jungen wollten ständig bespaßt werden, sei zu kurz gegriffen, sagt Michaela Oberauer. – (c) Stanislav Jenis

Noch immer hält sich das alte Klischee: Alles, was mit dem Thema Auto zu tun hat, ist Männerdomäne. Auch wenn mit der W-Series im kommenden Jahr eine eigene Frauenrennsportklasse etabliert werden soll, Frauen in Spitzenpositionen der Autobranche sind weiterhin die Ausnahme. Eine davon ist Michaela Oberauer als Human Resources Director bei FCA Fiat Chrysler Automobiles in Österreich für rund 200 Mitarbeiter zuständig. Der Konzern vertreibt u. a. auch Alfa Romeo und Jeep.

In der Branche habe vielfach das alte Rollenbild Bestand, sagt die 35-Jährige. Das sei kein Vorwurf, schließlich sei das historisch so gewachsen – und verändere sich mit der Zeit. Auch in ihrem Haus sei zwar im Büro das Geschlechterverhältnis einigermaßen ausgeglichen, Verkäuferin gebe es aber nur eine einzige.

Um dennoch als Frau in eine Leitungsposition avancieren zu können, brauche man Selbstbewusstsein und müsse sich des eigenen Selbstwerts bewusst sein.Wer Karriere machen wolle, sollte nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen und den einen oder anderen Kommentar charmant kontern.

Es sei auch wichtig, sich mit Persönlichkeitsentwicklung zu beschäftigen. „Persönliche Weiterentwicklung ist immer schmerzhaft und anstrengend“, sagt Oberauer, „doch Selbstreflexion macht letztlich eine gute Führungskraft aus.“ Sie selbst habe in ihren Eltern, die als Selbstständige bzw. Manager arbeiteten, gute Vorbilder erlebt.

Frauen in hohen Positionen, sagt sie, würden oft versuchen, so aufzutreten, sich so zu geben und so zu führen, als würden sie ihre männlichen Kollegen nachahmen, „aber das funktioniert nicht, weil Frauen anders sind.“ Ohne zu sehr zu generalisieren, falle ihr auf, dassFrauen zu oft vor Herausforderungen scheuen würden.

Eines ihrer Prinzipien in ihrer Personalarbeit ist „Klarheit vor Harmonie“, also die kritischen Punkte respektvoll anzusprechen – und vor allem Zeit in das Zuhören zu investieren. Aber auch klar in unpopulären Entscheidungen zu sein – und sich nicht auf die Zentrale auszureden. Vertrauen lasse sich nur mit Transparenz gewinnen. Und dafür brauche es Mut.

Ständig bespaßt werden

Ein anderes ihrer Prinzipien ist, nicht nur auf die besten und schwächsten Mitarbeiter zu fokussieren: „Ich möchte allen Mitarbeitern eine Stimme geben“, sagt sie.

Das gelte nicht nur, aber auch für die jungen Mitarbeiter, denen „ihr Impact“ ganz wichtig ist. Diese ab der Mitte der 1980er-Jahre geborenen Millennials seien eine spezielle Herausforderung, räumt Oberauer ein. Zu sagen, die Jungen wollten ständig bespaßt werden, sei wohl zu kurz gegriffen, sagt sie.

Man dürfe nicht übersehen, in welchem Umfeld sie aufgewachsen sind. Ähnlich wie der Autor und Berater Simon Sinek verweist sie auf die Erziehung: Viele seien von Helikoptereltern verhätschelt und mit Partizipationstrophäen (nicht nur die ersten drei, sondern alle Teilnehmer bekommen einen Preis) überhäuft worden. Im Berufsleben führe diese Erfahrung unweigerlich zu Unzufriedenheit, und dies wiederum verlange Aufmerksamkeit, sagt Oberauer: „Wir müssen individuell helfen, die Persönlichkeit zu entwickeln.“ Etwas, was in vielen Konzernen nicht zwingend auf der Agenda stehe, weil es nur indirekt messbar ist.

Die guten Seiten des Wartens

Millennials wird gerne Ungeduld nachgesagt, die schätzt Oberauer grundsätzlich. Doch wie in Sozialen Netzwerken muss alles in Echtzeit passieren, was Dopamin freisetzt – der Neurotransmitter, der Glücksspiel, Rauchen oder Trinken angenehm erscheinen lässt.

Einen ähnlichen Kick würden sich Millennials von Beförderungen und Gehaltserhöhungen erhoffen. Würden diese nicht in regelmäßigen, kurzen Abständen erfolgen, sagt Oberauer, löse das Langeweile und in der Konsequenz einen Jobwechsel aus. Es sei nicht einfach, verständlich zu machen, dass Entwicklung Zeit brauche. „Die Jungen sind sehr intelligent, gut ausgebildet und aktiv: Sie wollen ständig etwas Neues tun. Doch manchmal besteht das Tun einfach nur im Warten.“

ZUR PERSON

Michaela Oberauer (35) ist seit einem Jahr Human Resources Director bei FCA Fiat Chrysler Automobiles Österreich. Davor leitete die Wienerin, die in Lucca und Barcelona sowie an der FH Kufstein Internationale Wirtschaft und Management studiert hat, u. a. die HR für die Wirtschaftsauskunfteien Crif bzw. Bisnode. Personalentscheidungen trifft sie anhand des Potenzials einer Person mit dem Blick auf Zukunftsperspektiven. Die Basis dafür bilden die persönliche und fachliche Kompetenz der Person.


[OV27Z]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2018)

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