Nicht was man sagt – wie man es sagt

Porträt. Im bayerischen Silicon Valley führt die Steirerin Dagmar Schuller ein Unternehmen für intelligente Sprachanalyse und emotionale künstliche Intelligenz.

Dagmar Schuller: Wer die Emotionen hinter dem Wort entschlüsselt, versteht den Menschen.
Dagmar Schuller: Wer die Emotionen hinter dem Wort entschlüsselt, versteht den Menschen.
Dagmar Schuller: Wer die Emotionen hinter dem Wort entschlüsselt, versteht den Menschen. – (c) Lukas Aigelsreither

Welche Episode beschreibt Dagmar Schuller (42) am besten? Vielleicht diese: In ihrer Schule im steirischen Weiz unterschied man zwei Schülerklassen: die „Vorgebildeten“ aus Graz und Weiz und die „Bauerndeppen“ aus dem Umland. Schuller kam aus Anger, 15 Kilometer von Weiz entfernt. Ungefiltert wurde sie als „Bauerndepp“ in die hintere Reihe verbannt. „Ich mag kein Einteilungsdenken“, sagt sie mit Bestimmtheit. „Und keine geistige Begrenzung.“

Mit 14 Jahren teilte sie ihren Eltern eine Entscheidung mit. Für die Oberstufe wolle sie nach Wien gehen, in die HTL Spengergasse. Sie habe sich einen Schulführer gekauft (Internet gab es noch nicht), der erstens diese HTL als herausragend beschrieb. Zweitens lerne man dort IT, das interessiere sie und habe Zukunft. Drittens würden Absolventen vom Fleck weg engagiert. Dort wolle sie hin.

Elterlicher Widerstand war zwecklos. Das erste Jahr fern der Heimat war für die nunmehr 15-Jährige alles andere als ein Honigschlecken. Am ersten Schultag forderte man die Rookies auf, sich ihre Nachbarn links und rechts gut anzuschauen. Die Ausfallrate war so hoch, die Nachbarn würden im nächsten Jahr wohl nicht mehr dabei sein.

Solcherart aufs Leben vorbereitet, maturierte sie als Jahrgangsbeste. Nach dem WU-Studium („Damit mich keiner über den Tisch ziehen kann“) verdiente sie sich die ersten Sporen bei der Unternehmensberatung EY. Spätestens an dieser Stelle weiß der geübte Lebenslaufleser: Sobald Schuller ihr Thema findet, wird sie gründen.

Berufung gefunden

Ein paar Jahre und mehrere C-Level-Positionen später entdeckte sie es während eines Nebenbei-Lehrauftrags an der Universität München. Intelligente Sprachanalyse, verstand sie schnell, ist das Ding der Zukunft. Weil es nicht darauf ankommt, was man sagt, sondern wie man es sagt. Wer die Emotionen hinter dem Wort entschlüsselt, versteht den Menschen.

Folgerichtig war der erste Kunde ihres Ende 2012 in Gilching nahe München gegründeten Start-ups audEERING der Marktforschungsriese GfK. Beschreibt ein Tester ein Produkt als „gut“, heißt das gar nichts. Erst sein Unterton – begeistert/gelangweilt, spontan/zögernd, erfreut/genervt – enthüllt sein wahres Urteil. Schullers emotionale künstliche Intelligenz „hört“ mehr als 50 Gefühlszustände aus dem gesprochenen Wort heraus. Nicht nur das: Sie bestimmt auch Alter, Geschlecht, Nationalität, Dialekt und sogar Größe und Gewicht des Sprechers.

Heute ist Schullers Gründung dem Start-up-Alter entwachsen. An ihr lassen sich zwei erfolgskritische Merkmale festmachen. Erstens, das Kernprodukt kann für immer neue Anwendungen adaptiert werden. Das eröffnet neue Märkte.

Wie das Callcenter: Hier hilft es, den Emotionszustand von Anrufer und Agent zu kennen. Schnauft der Anrufer schon bei der Vorselektion ärgerlich, bekommt er keinen Agenten zugeteilt, der selbst schon gestresst ist.

Das nächste Geschäftsfeld: die Seelenlage von Stellenbewerbern. Ruhe und Gelassenheit wie auch Burn-out und Depression lassen sich akustisch messen.

Hilfe bei Parkinson und Alzheimer

Damit ist die Grenze zur Medizin überschritten: Parkinson, Alzheimer oder Autismus lassen sich frühzeitig an Intonation, Rhythmus, Schwankung und Mustern in den Emotionszuständen diagnostizieren. Unspezifische Nebengeräusche – Husten, Schnupfen, Asthma oder Lärm – filtert die künstliche Intelligenz heraus.

Oder Sport: Für einen Kunden verglich Schuller die Fahrgeräusche der besten Mountainbiker mit jenen des Mittelfelds – Reifenquietschen, Aufprallheftigkeit, Reaktionszeit. Über Wearables maß ein anderer Kooperationspartner die Körperdaten der Sportler. So filterte man heraus, was die Besten vom Rest des Feldes unterschied.

Hier zeigt sich das zweite Merkmal erfolgreicher Gründungen: Das Kernprodukt lässt sich mit vielen anderen zusammenschließen. Vielleicht einmal mit dem Handy. Oder mit Alexa.

ZUR PERSON

Dagmar Schuller (42) startete ihre Karriere 1995 bei EY in Wien, um bald ins New Yorker Büro zu wechseln. 2000 baute sie als CFO eine der ersten Frauenplattformen auf, WomenWeb. Sie beriet DAX-Unternehmen zu ihren Digitalstrategien, las an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und war Senior Vice President bei Glam Media, an der sich Hubert Burda Medien beteiligte. Ende 2012 gründete sie ihr Unternehmen audEERING für intelligente Sprachanalyse und emotionale künstliche Intelligenz.


[OWISS]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2018)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Lesen Sie mehr zum Thema
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Nicht was man sagt – wie man es sagt

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.