Der Wind der Veränderung: Karriere rot-weiß-rot

Zeitgeist. Risikoscheu, auf Nummer sicher gehend, ein begabter Verwalter des Bestehenden: So wird der typische Österreicher gern beschrieben. Das ändert sich gerade zum Besseren. Langsam, aber beharrlich.

(c) Pixabay

Natürlich, die Berufswelt ist auch hierzulande global ausgerichtet. Und doch: Ein paar Österreich-Klischees halten sich beharrlich. So wie etwa die BEAMTENMENTALITÄT. Sie liege uns im Blut, heißt es. Begründet wird das historisch. In Zeiten der k. u. k. Monarchie galt es, 50 Millionen Bürger und ein Dutzend höchst inhomogener Völker zu verwalten. Getreu der Darwin'schen Auslese war dafür der Beamtentypus am besten gerüstet, also vermehrte er sich rasant. In Wien, wenig liebevoll der „Wasserkopf“ genannt, reüssierten auch zwei seiner Unterarten, der „Furchengänger“ und der „Radfahrer“.

Selbst in der jungen Demokratie hielt sich die Beamtenmentalität hartnäckig. Jahrzehntelang hielt man denkbar risikoavers an allem fest, was Sicherheit versprach, vom staatsnahen Konzern bis zum Parteibuch.

Doch nun, hundert Jahre nach dem Zerfall der Monarchie, zeichnet sich ein zaghafter Umschwung ab. Er begann, als die ärgsten Wogen der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 verebbten. Wir erinnern uns: Mit der Krise gelangte eine neue Spezies ans Ruder: Der Sanierungsmanager, auch „Erbsenzähler“ genannt, sparte im Unternehmen alles tot, was nicht unmittelbar Umsatz generierte (manchmal sogar das). Erst als es nichts mehr zu sparen gab, begriff man: Sparen allein genügt nicht. Es braucht neue Ideen, frische Innovationen.

Plötzlich Unternehmer

Auf einmal wurde es hip zu gründen. Man wollte nicht länger verwalten, man wollte gestalten. Anfangs belächelte man sie noch, die aufgeregten WU-Absolventen mit ihren hochfliegenden Start-up-Fantasien. Heute lehrt man die Grundzüge von Entrepreneurship schon an manchen Volksschulen. Und so beginnt – hundert Jahre nach Ende der Monarchie – tatsächlich, der Wind des Unternehmertums an der Donau zu wehen.

Noch eine rot-weiß-rote Karriererequisite wankt: Sogar in Wien kursieren schon Visitenkarten ohne akademische Titel. Wo sind denn all die Mag. und MBA hin, die MA und MSc, mit und ohne Zusatz (FH)? Sogar Ingenieure, die früher kaum erwarten konnten, sich nach der berufsbildenden höheren Schule und drei Jahren Praxis endlich den Ing. vor den Namen setzen zu dürfen, verzichten heute darauf. Sie hätten Wichtigeres zu tun, sagen sie. Innovationen austüfteln nämlich.

Neue Bescheidenheit

Wer aber glaubt, der Österreicher hätte seine Liebe zu Titeln besiegt, der irrt. Die Wir-sind-alle-gleich-Attitüde der Start-up-Kultur machte sie nur uncool. Jetzt sorgt man auf andere Weise dafür, dass neue Bekannte von der akademischen Vorbildung erfahren: durch demonstratives Breittreten universitärer Schnurren. Oder man zieht den ultimativen Trumpf aus dem Ärmel: eine Visitenkarte mit den drei Buchstaben CEO.

Noch etwas ändert sich gerade zum Guten: die FEHLERKULTUR. Satiriker beschrieben sie gern als Suche nach dem Schuldigen: Man setze eine Kommission ein, die Jahre später zu dem Ergebnis kommen wird, kein Ergebnis gefunden zu haben. Parallel suche man einen Schuldigen und bestrafe am Ende einen Unbeteiligten.

Wer mit dieser altösterreichischen Variante von Fehlerkultur aufgewachsen ist, ist leicht an seinen hochgezogenen Schultern zu erkennen. Doch selbst hier zieht zögerlich, aber doch ein neuer Geist ein. Es geht nicht mehr um den Schuldigen. Es geht um das Lernen, um das Bessermachen, um das Immer-besser-Werden. In den USA werden längst Bewerber vorgezogen, die mindestens ein Unternehmen an die Wand gefahren haben. Sie haben das meiste gelernt, heißt es. In Österreich ist man noch nicht ganz so weit. Doch immerhin: Eine Pleite ist kein lebenslanges Stigma mehr.


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