Organisation

„Führung ist beinahe ein Schimpfwort“

Es ist ein radikales Unternehmensmodell, das Uwe Lübbermann und Premium Cola entwickelt haben. Es stellt die „Gleichwürdigkeit“ der Menschen in den Mittelpunkt – mit weitreichenden Konsequenzen.

(c) Funkenzeit.de

Was Abhängigkeit und Ungleichheit fördert, das lehnt Uwe Lübbermann ab. Hierarchie hält er für unnötig, Entscheidungen sollen konsensual getroffen werden, alle bekommen einheitlichen Stundenlohn von 18 Euro mit Zuschlägen nach persönlichem Bedarf. Und er sagt: „Wenn wir Gewinn machen, haben wir schlecht gewirtschaftet.“

Ja, man kann das für utopisch und unrealistisch halten. Doch es funktioniert. Diesen Freitag feierten Lübbermann und das Hamburger Premium-Cola-Team den 17. Jahrestag. Es funktioniert eben in diesem speziellen Setting.

Die entscheidenden Punkte sind, dass alle Betroffenen eingeladen sind, mitzubestimmen: Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, Nachbarn. Entschieden wird im Konsens. „Das heißt nicht, dass alle alles super finden müssen, sondern dass niemand Veto einlegt.“ Und Veto kann jeder Einzelne einlegen.

Von rund 10.000 Konsumenten, 1.700 gewerblichen Partnern und den elf Mitgliedern des „Orga-Teams“ sind derzeit 256 Menschen im Online-Diskussions- und Abstimmungsforum registriert. Dort können Themen diskutiert und später Vorschläge zur Abstimmung gebracht werden. Auch über die Strategie, die Kalkulation und Produkte wird so entschieden.

Was bedeutet, dass Informationen als Entscheidungsgrundlage transparent gemacht werden müssen, was wiederum Vertrauen voraussetze. Was er nicht offenlege, seien persönliche Probleme von Kollegen und Schwachstellen des Unternehmens, um der Konkurrenz nicht allfällige wunde Punkte zu präsentieren.

Was ist schon normal?

Entsprechend braucht es keine Hierarchie: „Wir sind ein Outsourcingmodell“, bei dem Partner einzelne Aufgaben übernehmen. Das hat für Lübbermann, der diese Woche bei der 20-Jahr-Feier der Beratung „Brains and Games“ als Vortragender in Wien zu Gast war, den Vorteil, nicht Interne und Externe unterscheiden zu müssen.

Was Premium Cola lebe, sei ein „radikales Modell“, räumt er ein. Getragen vom Wunsch, die Dinge besser zu machen als in der „normalen Wirtschaft“, die für ihn genau genommen „unnormal“ ist.

Er selbst sieht sich als „zentralen Moderator“ des Kollektivs und ist Teil des „Orga-Teams“. Das sind elf selbstständig Tätige, die koordinieren, moderieren und die Idee nach außen tragen. „Führung“, sagt Lübbermann, „ist beinahe ein Schimpfwort.“

Dennoch kommt er um die Führungsrolle nicht ganz herum. Als seine Aufgabe sieht er es, dem Projekt Orientierung zu geben. Im Zentrum steht für ihn dabei ein Begriff, jener der Gleichwürdigkeit, auf den sich alles zurückführen lasse. Dass Shareholder über andere bestimmen dürfen, ist ein Konzept, das er ablehnt.

Daneben kommt ihm zu, „Räume aufzumachen, in denen man Fragen aufwerfen, diskutieren und entscheiden kann“. Und es ist seine Aufgabe, die Organisation zu verstehen, Krisen vorherzusehen, zu lösen, was lähmt und im äußersten Notfall eine rasche Einzelentscheidung zu treffen. Das sei aber in 17 Jahren erst dreimal vorgekommen, sagt er.

Für ihn ist das ein Indikator für Erfolg. Andere, dass die Fluktuation unter allen Partnern bei nur zwei Prozent liege, dass er bislang keinen einzigen Rechtsstreit vor Gericht ausfechten musste und dass Premium Cola bis heute ohne einen einzigen schriftlichen Vertrag auskommt. Verträge, sagt er, erzeugen Machtgefälle, weil sie Freiheit nehmen. Und das wiederum widerspreche der Gleichwürdigkeit: „Erfolgreich sind wir, weil wir alle etwas beitragen.“

Begleiten, nicht beraten

Mittlerweile hat Lübbermann auch andere Unternehmen beim Hierarchieabbau beraten – oder „begleitet“, wie er es nennt. „Wir haben kein fertiges Konzept. Unser System ist sehr individuell. Man kann sich das eine oder andere abschauen. Aber Dinge 1:1 zu übertragen, geht nicht.“


[OYY60]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2018)

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