Heldenreise

Wall Street oder: Das große Scheitern

Serie "Heldenreise (5/9). Das Leben ist voller Versuchungen. Manche führen geradewegs in die Hölle. Andere lehren uns, wie wir es beim nächsten Mal besser machen.

(c) Reuters/20th Century Fox

Wer hat in der Schule noch Faust gelesen? Goethes unvergleichliche Parabel über den alternden Doktor Faust, der seine Seele an Mephistopheles, den Teufel, verkauft. Im Gegenzug erfüllt dieser ihm jeden Wunsch, selbst den unmoralischsten. Und Wünsche hatte Faust eine Menge. Zurück blieben Tote und ein dem Wahnsinn verfallenes Gretchen.

Faust lehrt uns eine Lebensregel: dass die Antwort auf die Frage „Bin ich bereit, jemanden zu verletzen, um zu bekommen, was ich will?“ viel über einen Menschen aussagt. Ist die Antwort ja, ist er auf der dunklen Seite gelandet, sprich: hat er seine Seele an den Teufel verkauft. Stellen Sie sich diese Frage von Zeit zu Zeit. Sie rettet Leben − vor allem Ihr eigenes.

Hollywood hat darauf zwei treffende Antworten. Die erste heißt Wall Street. Der noch cleane Charly Sheen spielt den ehrgeizigen jungen Broker Bud Fox, der den Verlockungen des Wall-Street-Gurus Gordon Gecko erliegt, eines modernen Mephistopheles. Fox gibt Gecko Insiderinformationen, die ihm sein Vater anvertraute, im Tausch gegen die ersehnte Karriere.

Da ist sie wieder, die Frage: „Bin ich bereit, jemanden zu verletzen, um zu bekommen, was ich will?“ Fox ist es und stößt dafür Vater und Familie vor den Kopf. Doch Verrat hat immer seinen Preis. Hier heißt er Enttäuschung, Isolation und Ausgrenzung. In Hollywood wird soziale Ausgrenzung mit Goethes Hölle gleichgesetzt. Fox muss das schmerzvoll erfahren. Seine Familie wendet sich ab, sein Gewissen meldet sich. Für ihn gibt es nur einen Weg zurück. Er gesteht den Insiderhandel, wäscht sich rein – und wandert ins Gefängnis. Mit der Karriere ist es erst mal vorbei, aber sein Vater verzeiht ihm und nimmt ihn symbolisch wieder in die Gemeinschaft auf.

Die zweite Antwort Hollywoods heißt Breaking Bad. Waren in Wall Street Verführer und Verführter noch zwei getrennte Personen, sind sie hier zu einer vereint. Walter White ist ein braver High-School-Lehrer, der die Diagnose Lungenkrebs bekommt. Was tut er, um seine Familie abzusichern? Er zieht einen schwunghaften Drogenhandel hoch. Dabei ist es ihm egal, dass sein Meth auch seine Schüler unter die Erde bringt. Skrupel? Keine. „Was ich tue, tue ich für meine Familie“, rechtfertigt er sich. Bis eben diese Familie ihm angewidert den Rücken kehrt. Auch hier: Isolation und Ausgrenzung als Strafe. Die Hölle.

Auch Walter White antwortet auf die entscheidende Frage („Bin ich bereit, jemanden zu verletzen, um zu bekommen, was ich will?“) mit ja. Nur damit das klar ist: Auch ein Nein schützt nicht vor Scheitern, aber es hält das Gewissen rein. Start-ups sagen an dieser Stelle: „Scheitere schnell, scheitere oft.“ Sie verbrennen aber auch nicht ihr eigenes Geld, sondern das ihrer Investoren.

Weil wir schon beim Thema Scheitern sind: Es hat auch sein Gutes. Die Lehren, die man aus den großen Niederlagen des Lebens zieht, wirken stärker und länger nach als die großen Siege. Sie machen widerstandsfähig und resilient. Sie tragen oft genug dazu bei, dass man auf den richtigen Weg zurückkehrt. Und erkennt, was wirklich zählt.

 
Am Montag geht es weiter mit der 6. Folge der Serie "Heldenreise": Welcher Typ Held bin ich?

Die Anregungen zu dieser Serie stammen aus dem Buch "Quick, where is my cape" des Hollywood-Drehbuchautors Ric Gibbs.

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Wall Street oder: Das große Scheitern

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.