Agilität für Unternehmen

Agil über Nacht, Folge 2

Agilität für Fortgeschrittene. Was ein Kanban-Board mit einer alten Autowerkstatt zu tun hat und warum die Japaner die Just-in-time-Produktion erfanden.

Pixabay

Denken Sie an eine alte Autowerkstatt. Dort hängt eine Tafel mit Steckschienen, in die der Meister jeden Auftrag samt Schlüssel steckt. Der Mechaniker nimmt sich heraus, welches Auto er als nächstes reparieren will, und legt los.

Fast genauso funktioniert Kanban. Auf Japanisch heißt es nichts anderes als Signalkarte. Auf einer (auch heute noch höchst analogen!) Tafel visualisiert Kanban den Workflow. Jedes Teammitglied sieht auf einen Blick, welches Teilprojekt „anstehend“, „in Arbeit“ oder „abgeschlossen“ ist.

Über jeder Spalte steht die Anzahl der Arbeitselemente, die hier geleistet werden können (z.B. acht Arbeitsstunden pro Tag, Work in Progress- oder WIP-Limit). Die Mitarbeiter „ziehen“ (pull) sich so viel Arbeit heraus, wie sie bewältigen können, visualisiert durch bunte Kärtchen, die von links „anstehend“ nach rechts („in Arbeit“ bzw „fertig“) geschoben werden. Zur besseren Übersicht können waagrechte „Schwimmbahnen“ gezogen werden, um priorisierte Elemente besser zu visualisieren.

Jeder weiß, ist das WIP-Limit erreicht, geht nichts mehr. Von Überstunden hält Kanban nämlich wenig, weil Entwickler Kreativarbeiter sind und Kreativität durch Auspowern nicht mehr wird.

Fortgeschrittene arbeiten auch mit Blockern (wenn eine Arbeit eingestellt wurde) und messen die Durchlaufzeit (wie lange ein Arbeitselement von einem Punkt zum nächsten braucht bzw. wie lange es braucht, um den gesamten Prozess zu durchlaufen).

Sie sehen, im Grunde ist Kanban nichts Neues. Ein völlig neuer Gedanke war es nur in den USA der 1980er Jahre. Dort hatte man endlos Platz und baute riesige Lagerhallen, in denen alle Einzelteile für die Automobilproduktion gelagert wurden. In Japan hingegen ist Platz ein knappes Gut. Also dachten sich die findigen Japaner, ebenfalls ambitionierte Autobauer, ein System aus, bei dem jeder Teil gerade dann da war, wenn er gebraucht wurde (Just in time-Produktion). Ein Mittel dazu waren die Kanban-Karten, die anzeigten, wenn ein Bestand unter einen Mindestwert sank. Dann wurde sofort nachproduziert. Ziel war da wie dort ein reibungsloser Workflow.

Kanban hat noch einen Vorteil: Will Ihr Big Boss Leute aus dem Projekt abziehen, zeigen Sie ihm das Kanban-Board und wie der Workflow sofort ins Stolpern geraten würde, wenn auch nur eine Arbeitskraft wegfällt (siehe WIP-Limit). Die meisten Big Bosse ziehen dann beschämt von dannen.

 

Nächste Woche: Lean

Die Anregungen zu dieser Serie stammen aus dem Buch von Doug Rose: Das agile Unternehmen.

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