Älter & weiser

„Wer kann das Ding noch fliegen?“

Ursprünglich sollte WisR eine Jobplattform für Ältere sein, die in der Pension dazuverdienen wollen. Bis WisR zum Managen von Pensionistenpools entdeckt wurde. Zur Spitzenabdeckung und, weil es nicht genug Junge gibt.

Warner Brothers

Clint Eastwood wusste es schon im Jahr 2000: Irgendwann braucht jedes Unternehmen wieder seine Alten, seine ins Off geschickten Pensionisten. In Eastwoods Film „Space Cowboys“ war es die Nasa, als ein im Kalten Krieg mit Atomraketen bestückter Satellit auf die Erde zu stürzen drohte. Nur die ausgemusterten Veteranen konnten das Ding noch reparieren und fliegen.

Derzeit verabschiedet sich bis zu einem Viertel der Belegschaften in die Pension. Der Abgang ist geplant, die Wissensübergabe oft nicht. „Die Folgen zeigen sich oft erst im Jahr danach“, weiß Klaudia Bachinger (33). Sie gründete 2017 unter dem Motto „Nicht älter, sondern weiser“ die Jobplattform WisR. Dort vermittelt sie „motivierte Talente ab 59+ für Projekte, Teilzeit und Minijobs“. So steht es auf ihrer Homepage.

Jung feiert Alt

Es kommt nicht oft vor, dass sich eine 30-Jährige den Silberschläfen verschreibt. Im Vorberuf Redakteurin am Filmset wunderte sich Bachinger oft, warum Regisseure ohne Problem 70, Kameramänner 60 und Maskenbildnerinnen 50 Jahre alt sein dürfen. „Nur in der Wirtschaft ist das Alter ein Riesenthema.“ Hautnah erlebte sie die Frustration mit, „als meine Oma mit 60 in Pension geschickt wurde. Von hundert auf null. Das soziale Gefüge ging verloren, der Selbstwert, die Identität.“

Den Ausschlag für ihr Start-up gab die Mitarbeit an einer Doku für das Zukunftsinstitut. Im Zuge derer erkannte sie, „dass der demografische Wandel das größte Problem nach dem Klimawandel ist“.

Auf dem Franziskusweg, einer 750 km langen Pilgerreise von Norditalien nach Rom, begegnete Bachinger fast nur Älteren: „Tolle Menschen, mit denen ich meinen 30er gefeiert habe. Und mich gefragt habe, warum niemand ihr Potenzial nützt.“ Damals kam ihr die Idee für die Plattform.
Inzwischen ist WisR über eine reine Jobplattform längst hinaus.

Novomatic trat mit einem Spezialwunsch an sie heran: „Sie führten eine Excel-Liste ehemaliger Mitarbeiter, um sie zur Spitzenabdeckung zurückholen zu können. Nach der DSGVO dürfen sie das nicht mehr. Wir dürfen es.“ Jetzt hält WisR die „Novo Silver Family“ zusammen: „Sie haben verstanden, dass eine gute Arbeitgebermarke für alle Generationen wichtig ist.“

„Ganz schnell zurückgeholt“

Einige internationale Konzerne, die leichthändig auf das Wissen ihrer Älteren verzichteten, bereuten es bald. Budweiser etwa ersetzte seine Braumeister durch Sensoren und Algorithmen. Bachinger: „Sie haben ihre Braumeister ganz schnell zurückgeholt.“ Auch bei Boeing fingen die Probleme nach einer Pensionierungswelle an: „Da ging viel Wissen verloren.“

Bachinger, versierte „2 Minuten 2 Millionen“-Kandidatin (siehe Seite K1), gewann rasch Investoren für ihre Idee. Einer davon ist Christian Geissler (48), Kogeschäftsführer der auf Techniker spezialisierten Personalberatung Kern. Er sieht einen weiteren Aspekt: „Künftig ist es für viele ökonomische Notwendigkeit, über den Pensionsantritt hinaus beruflich aktiv zu sein.“ Glück für ihn – die Beteiligung an WisR erweitert seinen Pool an Zeitarbeitern.

Lessons Learned

Gefragt nach ihren Erkenntnissen, fallen Bachinger drei ein. Erstens, den meisten Unternehmen wäre zwar der Abfluss an Talent und Wissen bewusst, viele ließen es aber darauf ankommen. Das hinge von Branche, Region, Sichtbarkeit und Rechtsform ab: „Viele B2B-Unternehmen sind Hidden Champions und Weltmarktführer auf ihrem Gebiet, aber keiner kennt sie. Deswegen tun sie sich beim Rekrutieren schwer.“

Autozulieferer, Handel und Logistik etwa seien besonders an den „Weisen“ interessiert, ebenso Oberösterreicher, Tiroler und familiengeführte Unternehmen: „Sie haben eine nachhaltige Personalstrategie.“

Zweitens, die Zielgruppe der Älteren ist denkbar heterogen. „Manche sind sehr technikaffin, andere können ohne ihre Sekretärin nicht einmal eine Überweisung tätigen.“ Diese trifft die Pensionierung am schlimmsten – wenn die Sekretärin wegfällt.

Drittens, es war schwierig, eine Bezeichnung für die 59+ zu finden. Freitätige, Best oder Silver Ager funktionierten nicht so recht. Jetzt nennt Bachinger sie Senior Talents. Mit Betonung auf Talent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2019)

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