Masterlehrgang: Jetzt kommen die ersten Gastrosophen

An der Uni Salzburg kann man in fünf Semestern berufsbegleitend alles rund ums Essen – vom Nahrungsmittel über Zubereitung, Tafelkultur bis hin zu Tischsitten und Food-Design – studieren.

Masterlehrgang Jetzt kommen ersten
Masterlehrgang Jetzt kommen ersten

Womit Sie garantiert Bewegung in jede noch so schleppende Konversation bringen? Zum Beispiel mit dem Coming-out, dass Sie ab kommenden Herbst an der Universität Salzburg Gastrosophie studieren werden. „Bitte was?“, ist die übliche Reaktion – „Oh, das ist aber interessant“ die Ausnahme. Denn kaum jemand weiß, was sich hinter dem Begriff verbirgt: die Lehre von der Freude der Tafel.

Dazu zählte sein Erfinder, der preußische Offizier und Schriftsteller Friedrich Christian Eugen Baron von Vaerst, 1851   Theorie und Praxis der Kochkunst, Ästhetik der Esskunst, Physiologie und Chemie der Nahrungsmittel, Benehmen bei Tisch, Diätetik  sowie Viehzucht, Gartenkultur, Fischfang und Ackerbau.

Das Wort „Gastrosophie“ setzt sich, wie der Altphilologe Friedrich Nietzsche darlegte, aus den Worten „sóphos“ – Mann des Geschmacks –  und gastér – Magen, Sitz der Esslust  –  zusammen. Erst die Ausbildung, die Verfeinerung, die Kultur des Geschmacksinns machten den Homo sapiens aus. Dies bilde einen Teil einer „philosophischen  oder ethischen  Lebenspraxis“.

Ausgedacht und entwickelt haben das Masterstudium der Unternehmer Marcus Winkler (Wiberg) und der Professor der Universität Salzburg, Lothar Kolmer. Die Idee entstand vor fünf Jahren bei einem Abendessen in einem Restaurant, in dem die beiden Herren Phänomene unserer Zeit wie die Überflussgesellschaft, von Slow- bis Fast Food, von  Essstörungen, über Etikettenschwindel bis hin zu Lebensmittelskandalen und die damit verbundene Konsumentenverunsicherung erörterten.

Ziel des Universitätslehrgangs ist eine breite Qualifizierung von Experten in gastrosophischem Wissen. Es werden umfangreiche Wissensgebiete aus dem Bereich Geschichte, Soziologie, Philosophie, Theologie, Kunstgeschichte, Medizin und Recht vermittelt.Aber auch die Praxis soll nicht zu kurz kommen.  So startet das erste Semester im September nach dem Get-together der angehenden  Gastrosophen gleich mit gemeinsamem Brotbacken.

Das erworbene Wissen soll einerseits reflektiert für den eigenen Vorteil, andererseits zur Ausbildung anderer genutzt werden. Gestärkt und gefördert werden die wissenschaftliche Reflexion und die Analysefähigkeit sowie die Aufbereitung, Darstellung und Vermittlung des gewonnenen Wissens.

Der umfangreiche Input an Basiswissen, ergänzt von methodisch-reflexiven Teilen sowie Einheiten zum Kennenlernen von Best-Practice-Beispielen und zur Einübung in die praktische Umsetzung, soll den Transfer in die berufliche Praxis sicherstellen. Die Teilnehmenden profitieren sowohl persönlich als auch beruflich und erwerben nutzbare Kompetenzen im Hinblick auf Ernährung im gesellschaftlichen Kontext.

So bildete etwa die Frage „Wie speist der Geist?“ einen Schwerpunkt des laufenden Lehrgangs – relevant nicht nur für Kindergärten, Schulen und Altersheime.
Spannend ist auch ein Seitenblick auf die Aktivitäten des ebenfalls in Salzburg angesiedelten Zentrums für Gastrosophie:  Dort beschäftigt man sich derzeit mit der Transkription von handgeschriebenen Kochbüchern der Region aus dem 19. Jahrhundert. Und mit der Kartierung des kulinarischen Erbes Europas, wobei zum Beispiel erforscht wird, warum sich etwa die französische und die italienische Küche so weit verbreitet haben.

Wer immer schon wissen wollte, warum Fischstäbchen eckig sind, ob es Zufall ist, dass Extra- und Pikantwurst haargenau in eine Kaisersemmel passen, oder wie wichtig das Ploppen der Bierflasche beim Öffnen ist, sollte sich die Food-Design-Ausstellung, die noch bis 15. Juli beim Gewürzspezialisten Wiberg in der Jedermann-Metropole zu besichtigen ist, nicht entgehen lassen.

Der fünfsemestrige berufsbegleitende Masterlehrgang selbst ist zwar keine Berufsausbildung, aber genauso wenig unter die Rubrik der Orchideenstudien einzureihen: Zielgruppe sind qualifizierte Mitarbeiter aus den Bereichen der Wirtschaft,  Politik (Gesundheits-, Landwirtschafts- und Bildungspolitik), Medien (Autoren, Verlage, Medienproduzenten), Pädagogik und der Gesundheitsbranche.

Der Fantasie sind bei möglichen Einsatzgebieten  für die künftigen Master of Gastrosophy kaum Grenzen gesetzt: vom Food-Designer, über den Trendscout für Haushaltswaren, den Gastronomie- oder Tourismusregionsberater, Seminarveranstalter für Tischsitten, Ernährungscoach  und Autor oder Vortragenden über das gesamte Spektrum der Tafelfreuden, den Kochbuchautor oder auch nur -kritiker. Essen interessiert außer fundamentalistischen Asketen fast alle und hat immer Saison!
Der erste Jahrgang hat im Herbst 2009 begonnen und wird im Wintersemester 2011/12 abschließen. Die Bewerbung für den nächsten Jahrgang, Start im Oktober 2011, ist ab sofort möglich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2011)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Masterlehrgang: Jetzt kommen die ersten Gastrosophen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.