NR-Wahl 2017 – Die Lehrlingspläne der Parteien

Kommentar. Die über 100.000 Lehrlinge standen im Wahlkampf kaum im Fokus. Lehrlingsexpertin Vittoria Bottaro nahm die Wahlprogramme der im Nationalrat vertretenen Parteien unter die Lupe.

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SPÖ und Grüne: Lehrlingsentschädigung von mindestens 700 Euro

Während die SPÖ eine Lehrlingsentschädigung von mindestens 700 ab dem 2. Lehrjahr fordert, legen die Grünen die Latte hier sogar noch höher: bereits ab dem 1. Lehrjahr sollen Lehrlinge mindestens 700 Euro Entschädigung bekommen. „Eine Forderung, bei der kaum ein Lehrling „Nein“ sagen würde. Allerdings werden sich hier viele Betriebe zu Recht die Frage stellen, wie sie das finanzieren sollen. Vor allem, wenn man diese Forderung den Reallöhnen von Facharbeitern gegenüberstellt zum Beispiel Branchen wie dem Einzelhandel oder in vielen Diensleistungsberufen“, gibt Bottaro zu bedenken.

Gratis-Führerschein und Internatskosten

Einigkeit herrscht bei SPÖ und ÖVP, wenn es darum geht, dass die Mobilität von Lehrlingen stärker gefördert werden soll. Während sich die ÖVP hier nicht auf eine konkrete Maßnahme festlegt, will die SPÖ, dass Lehrlinge im Rahmen der Berufsschule gratis den Führerschein machen können.

Grundsätzliche Einigkeit herrscht bei den bisherigen Koalitionspartnern auch darüber, dass es im Bereich der Internatskosten einer Veränderung bedarf. Bislang müssen die Lehrlinge diese Kosten ja selbst übernehmen. Während die ÖVP auch hier eher vage bleibt, fordert die Kanzlerpartei, dass die Internatskosten von den Betrieben übernommen werden sollen. Diese Ausgaben sollen sich die Unternehmen dann über öffentliche Förderungen bei den Lehrlingsstellen zurückholen können.Erneut ist die Finanzierung fraglich. Die SPÖ verweist grundsätzlich darauf, dass für Schüler einer AHS oder BHS im Schnitt 11.000 Euro von der öffentlichen Hand ausgegeben würden, für Lehrlinge hingegen durchschnittlich nur 8.400 Euro.

Digitalisierung auch bei den Lehrberufen mitdenken

Die ÖVP will, dass die Digitalisierung auch verstärkt im Lehrberufe-Katalog berücksichtigt wird, das Schlagwort „Digitalisierung“ findet sich auch bei den Grünen. Die SPÖ betont hingegen besonders die Bedeutung der Grund- und Erstausbildung. „Aus meiner Erfahrung heraus ist es sinnvoll, sich in einem ersten Schritt auf die eigentliche Lehrausbildung zu konzentrieren und erst zu einem späteren Zeitpunkt mit der Spezialisierung zu beginnen", sagt Bottaro.

„Doktortitel des Handwerks“

Einigkeit herrscht bei SPÖ und ÖVP grundsätzlich auch darin, Menschen mit Lehrabschluss das Studium an einer Uni oder FH weiter zu erleichtern. Bottaro: „Daran ist nichts auszusetzen, wenngleich es für den Großteil der Lehrlinge nicht relevant ist. Sehr wichtig finde ich hier den Vorschlag der ÖVP, ein Stipendiensystem für die Meisterprüfungen einzuführen. Ich sehe die Meisterprüfung als „Doktortitel des Handwerks“.

Qualität der Lehrlingsausbildung erhöhen und vereinheitlichen

SPÖ und Grüne fordern, die Qualität der Lehrlingsausbildung weiter zu erhöhen. Die SPÖ will verpflichtende Weiterbildungen für Ausbildner sowie mehr Kontrollen hinsichtlich berufsfremder Tätigkeiten oder Überstunden. „Eine regelmäßige Weiterbildung für Ausbildner wäre auch für die Betriebe ein Vorteil, weil sich rechtliche Rahmenbedingungen immer wieder ändern oder didaktische Methoden laufend verbessert werden können. Positiv auch die SPÖ-Forderung nach einheitlichen Standards bei Lehrabschlussprüfungen – denn hier sind die Standards je nach Bundesland sehr unterschiedlich. Kritisch sehe ich eine stärkere Kontrolle der Lehrbetriebe. Schwarze Schafe gibt es überall, der absolute Großteil der Unternehmen hält sich aber an die gesetzlichen Bestimmungen“, fasst Bottaro zusammen.

Facharbeiterausbildung aufwerten, Lehrlingsentschädigung übernehmen

Knapp gehalten sind die Forderungen der FPÖ im Lehrlingsbereich. Neben einer allgemeinen Aufwertung der Facharbeiterausbildung soll die Lehrlingsentschädigung während der Berufsschulzeit nicht mehr von den Betrieben, sondern von der öffentlichen Hand getragen werden. „Das wäre natürlich für viele Firmen eine ziemliche Entlastung. Es stellt sich aber auch hier die Frage nach der Finanzierung“, so Bottaro.

Die NEOS kommen in diesem Überblick nicht vor. Das liegt daran, dass sie in ihrem Wahlprogramm die Lehre nicht direkt ansprechen. In Hinblick auf laufende Aus- und Weiterbildung fordern sie allerdings ein „Chancenkonto“ für alle Erwerbstätigen, mit dem die persönliche Weiterbildung durch Staat und Unternehmen gefördert werden soll.

 

Vittoria Bottaro hat 12 Jahre Erfahrung in der Lehrlingsausbildung und bereits 70 Lehrlinge ausgebildet. Heute ist Bottaro selbstständige Unternehmensberaterin mit dem Schwerpunkt Lehrlingsausbildung.
www.bottaro.at

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