Führungsfehler

Fischsuppe

Kolumne "Führungsfehler". Ein gehobenes Gasthaus mit einer experimentierfreudigen Chefin. Leider verträgt sie keine Kritik.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Der Ablauf ist immer gleich. Die Chefin kreiert etwas, lässt Köche und Kellner kosten und fragt nach ihrer Meinung. Auf ehrliche Antworten („Eh gut, aber ich mag keinen Fisch“) reagiert sie mit Wutausbrüchen (einmal wurde sogar jemand gekündigt) oder Heulkrämpfen („Sagt mir doch gleich, dass ich unfähig bin!“).

Die Crew probiert es mit konstruktiver Kritik („Die Suppe ist ausgezeichnet! Wie wäre es, sie weniger zu würzen und Salz und Pfeffer auf den Tisch zu stellen?“)

Leider durchschaut die Chefin das. Nächster Versuch: übertriebenes Lob. Ein Schuss ins Knie, denn den Gästen schmeckt manches auch nicht. Die Unzufriedenheit wächst.

Man ruft einen externen Berater. Der nimmt an der nächsten Verkostung teil und besteht darauf, als erster zu antworten.

Chefin: „Wie schmeckt die Fischsuppe?“

Berater, emotionslos: „Nach Fischsuppe.“

Chefin, am Rande der Hysterie: „Ist der Fisch gut? Fehlt Salz? Mehr Pfeffer? Schwarzer oder weißer Pfeffer?“

Der Berater, ganz ruhig: Er habe nur gesagt, dass die Fischsuppe nach Fischsuppe schmecke. Genau das solle sie doch, oder? Und dass sie lernen müsse, negative Statements nicht als Kritik zu verstehen. Und Kritik nicht als Kritik an ihrer Person oder als in-Frage-Stellen ihrer Autorität anzusehen, sondern als Hinweis, wo sie sich verbessern könne. Nur weil manche lieber mild speisten, hieße das nicht, dass eine pikante Fischsuppe kein Renner sein könne.

Der Berater empfiehlt weiters, den Mitarbeitern freizustellen, ob sie an Verkostungen teilnehmen wollen oder nicht. Im Hintergrund ist ein erleichtertes Aufseufzen zu hören.

Was für die Gastronomie gilt, gilt für jede Branche. Viele Unstimmigkeiten sind vermeidbar, wenn die Mitarbeiter offen und ehrlich reden können. Ohne um ihren Job fürchten zu müssen. Oder um das Seelenheil der Chefin.

 

Das Management. Unendliche Möglichkeiten für Führungsfehler. Wenn Sie einen solchen loswerden wollen, schreiben Sie an: andrea.lehky@diepresse.com

Ähnlichkeiten mit realen Personen oder Unternehmen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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