So entsteht nachhaltiger Erfolg in der Digitalen Ära

Management im Kopf: Folge 51. Komplexität meistern. Stichwort: Viability. Was alle wollen, aber oft selbst verhindern. Ein kleiner Beitrag zur Selbstreflexion, Selbstmotivation und Selbstkorrektur.

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Eine Orientierungshilfe für gute Aussichten. In ihrer Kolumne „Management im Kopf“ führt Maria Pruckner in die System Sciences als wichtigste Leitwissenschaft für das Problemlösen und Managen im 21. Jahrhundert ein.

Alles, was Computer und Roboter können, wird von Computern und Robotern gemacht. Das galt gestern, das gilt heute, das gilt morgen. Die einfachen Aufgaben für Menschen verschwinden. Es bleiben nur noch die komplexen. Egal ob ganze Unternehmen, Menschen oder digitale Intelligenz (die schließlich auch jemand modellieren, programmieren und am Laufen halten muss): In der global vernetzten Welt der Digitalen Ära geht es darum, sich auf lange Dauer in Umgebungen zu bewähren, die nie so bleiben, wie sie gerade sind. Entsprechend arm wird die Arbeitswelt an Anleitungen sein, denen man einfach nur korrekt folgen muss. Entsprechend reich wird sie an Selbstdenkern sein – müssen. Höchste Zeit, das Beste daraus zu machen. Was wäre das? In den Systemwissenschaften spricht man von Viability, Viabilität oder Lebenstüchtigkeit. Ihre zehn wichtigsten Merkmale haben sich im Rahmen der Kybernetik herauskristallisiert. Ein kleiner Beitrag zur Selbstreflexion, Selbstmotivation und Selbstkorrektur.

Lebenstauglichkeit

Als viabel bewertet man, was für das Vermeiden von Problemen taugt, oder zumindest für das erfolgreiche Lösen von Aufgaben und Problemen. Ernst von Glasersfeld etwa sprach von viablem Wissen, weil es zwar unendlich viel Wissen gibt, aber nicht alles davon stimmt, hilft oder auf einen bestimmten Fall zutrifft.

Viabilität – das, was alle wollen

Viable Systeme können sich ohne fremde Hilfe selbst am Leben erhalten. Ihre Funktionstüchtigkeit, die Realisier-, Durchführ- bzw. Brauchbarkeit ihrer Ideen, deren ökonomische Rentabilität, ihre Fähigkeit, Fehler rechtzeitig zu korrigieren sowie ihre Entwicklungs- und Innovationsfähigkeit macht sie autonom lebensfähig.

Worauf es ankommt

Wodurch entsteht die Viabilität von Menschen, Unternehmen und Systemen? Im Wesentlichen geht es um zehn konkrete Fähigkeiten, die in Summe Viabilität ausmachen. Diese gelten ebenso für Unternehmen, wie für die Menschen und die digitale Intelligenz, die sie einsetzen. Folgend eine Checkliste zur Selbstprüfung.

1. Lernfähigkeit

Die wichtigste Voraussetzung für Viabilität ist, rasch viel relevante(!) Information gewinnen und erfolgreich verwerten zu können. Besonders gut gelingt dies durch viables Wissen als Relevanzfilter, weil es auch darauf ankommt, Hilfreiches zu lernen. Und durch laufend intensives Lernen, weil dies das Gehirn fit und lernfähig hält.

2. Agilität | Anpassungsfähigkeit | Adaptivität

Viable Systeme orientieren sich am Außen und adaptieren ihre inneren Vorgänge so, dass sie auf Veränderungen in der Umgebung erfolgreich reagieren können. Sie versuchen nicht, ihre Umgebung an sich anzupassen, weil diese jeweils komplexer und damit stärker ist als sie; sie passen sich an ihre Umgebung an.

3. Intelligenz

Viable Systeme orientieren sich an dem, wie etwas und wie gut es funktioniert. Sie nähern sich an ihre Lösungen iterativ auf nichtlinearem Weg an. Das heißt, sie beobachten die Wirkungen jeder Aktion und verändern sofort das, wodurch die gewünschte oder noch bessere Wirkung erzielt wird, anstatt mehr vom selben zu machen.

4. Kooperationsfähigkeit

Zur Viabilität gehört auch das Bewusstsein, dass sich jedes Verhalten von jemand oder etwas auf das ganze System aus- und damit wieder auf ihre Auslöser zurückwirkt. Man verfolgt daher die echte Kooperation, die auf fairem Austausch und dem Verzicht auf Ausbeutung basiert. Man/es findet, schafft und nutzt Synergien.

5. Intelligente Organisation

Die Organisation viabler Unternehmen bzw. digitale Lösungen entspricht – bewusst oder unbewusst – den kybernetischen Designprinzipien intelligenter Systeme. Beim gesunden menschlichen Organismus ist dies ohnehin so. Zudem muss aber auch das Wissen in den Köpfen und Werkzeugen entsprechend organisiert sein.

6. Fehlerintelligenz

Wer oder was viabel ist, betrachtet Fehler nicht als Peinlichkeit, sondern als immer und überall vorhandenes Potenzial, weil es viele Möglichkeiten gibt, etwas falsch zu machen, aber nur sehr wenige, das Passende zu tun. Er/es erkennt und löst systemkritische Fehler und Mängel frühzeitig und vermeidet diese, soweit es möglich ist.

7. Nachhaltigkeit

Zur Viabilität gehört auch die Kunst, Mängel und Probleme so zu lösen, dass durch die Lösungen keine neuen Probleme entstehen. Dafür fokussiert man die Aufmerksamkeit nicht auf die Probleme, sondern auf das Wirkgefüge damit zusammenhängender Subsysteme mit der Frage, wie man das Ganze optimieren kann.

8. Leistungsfähigkeit

Viabilität verlangt zudem ein gekonntes Switchen in die verschiedensten Betriebsmodi von der Aktion bis zur Regeneration. Anstrengungen werden nur dort und dann unternommen, wann und wo es nützt. Regeneration hat denselben Stellenwert wie Leistung, es geht nur um die besten Zeitpunkte für das je Adäquate.

9. Evolutionsfähigkeit

Die Organisationsstrukturen viabler Systeme, ob Menschen, Unternehmen oder andere Systeme, basieren auf zeitlosen Konstanten, die immer und überall relevant sind. Das erlaubt eine rasche Veränderung von variablen Bestandteilen, ohne die Organisation eines Systems und schon gar dessen Identität jemals ändern zu müssen.

10. Eine Organisation – ein Organismus

Diese entscheidenden Merkmale viabler Systeme kennen wir dank der Systemwissenschaften durch das Erforschen gemeinsamer Funktionsweisen und -muster intelligenter Lebewesen, insbesondere des Menschen. In entsprechenden Managementansätzen wählt man als Modell dafür den gesunden menschlichen Organismus.

Wie steht es mit Ihrer Vorstellung?

Entspricht Ihr – vielleicht nur unbewusst angelegtes – Organisationmodell in Ihrem Kopf den Voraussetzungen für Viabilität? Die Tendenz, der Ihr Denken unterliegt, klären Sie mit einer einfachen Frage an sich selbst: Lasse ich mich mehr von meinen eigenen Vorstellungen leiten als von dem, was in meiner Umgebung tatsächlich passiert?

Veränderungen und Disruptionen

Wer versucht, seine Umgebung an seine eigenen Vorstellungen anzupassen und wer seinen Einfluss auf das Geschehen in seiner Umgebung und auf erreichte Erfolge überschätzt, wird von Veränderungen und Disruptionen am ehesten überrascht sein und ihnen am ehesten überfordert gegenüberstehen.

In einer kontra-intuiven Welt klarkommen

Die Quelle eigener Vorstellungen ist die eigene Intuition. Die Eigenschaften komplexer Systeme, die das Geschehen in unserer Welt prägen, sind aber kontra-intuitiver Natur. Sie decken sich nicht der eigenen Intuition. Seine Vorstellungen an diesen unvermeidlichen Umstand anzupassen, ist der erste Schritt Richtung Viabilität.

Die kontra-intuitive Welt verstehen

Wer sich mit seiner Intuition im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung sicherer fühlt als mit viablem Wissen über die speziellen Eigenschaften komplexer Systeme, das er nicht gleich versteht, steht seiner eigenen Lernfähigkeit und damit seinen eigenen Chancen selbst im Weg. Das kann er ändern, die Welt aber nicht.

Nur Weltblinde werden von Disruptionen überrollt

Disruptionen, aber auch andere Veränderungen, kommen nie völlig unvorhersagbar und überraschend. Disruptionen kündigen sich durch neue Errungenschaften in der Forschung an. Die ersten Signale kommen aus der Grundlagenforschung, die nächsten liefert die translationale und die nächsten die Anwendungsforschung.

Vorhersagbarkeit

Es ist zwar so, dass sich das Geschehen in komplexen Systemen von Natur aus unvorhersehbar entwickelt. Das bedeutet aber nur, es ist keinem Menschen angeboren(!), sicher wissen zu können, was in der Zukunft passiert. Und das bedeutet nur, dass man, möglichst schon ab seiner Geburt, die Welt richtig verstehen lernen muss.

Viables Wissen

Aus wissenschaftlicher Sicht viable oder valide Theorien sagen verlässlich vorher, wie sich etwas unter bestimmten Konstellationen entwickelt. Mithilfe der Theorien aus den Systemwissenschaften, die ich hier vorstelle, erlebt man auch unter komplexesten Umständen kaum Überraschungen. Man muss sie nur korrekt interpretieren und anwenden lernen. Womit wir wieder bei Punkt 1 und den besten Aussichten sind.

 

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche kybernetische System-Modelle und Denkwerkzeuge für den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens in Wien stattet und bildet sie Führungskräfte sowie interne und externe Experten aus, die in Unternehmen und Institutionen komplexe Situationen professionell meistern müssen.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?
Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner.
Sie wird darauf eingehen.

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