Mensch, erkenne dich selbst, dann weißt du alles

Management im Kopf: Folge 57. Komplexität meistern – Selbstführung. Wussten Sie, dass Sie selbst das beste Erklärungs- und Lernmodell für komplexe Systeme sind?

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Wer Komplexes meistern will, muss bei der Selbstführung beginnen. Aktuell bringt Maria Pruckner in ihrer Kolumne "Management im Kopf" dazu Anregungen auf der Basis verlässlicher Erkenntnisse aus den Systemwissenschaften.

Hing im Steinzeitalter das eigene Schicksal noch davon ab, wie gut man mit den Phänomenen der freien Natur umgehen konnte, hängt es heute davon ab, wie gut man mit komplexen Systemen umgeht. Galt im 20. Jahrhundert noch alle Aufmerksamkeit den Phänomenen von Energie und Materie, so gilt sie heute denen der Information und Kommunikation, Selbststeuerung und Selbstregulierung. Kam es im 20. Jahrhundert vor allem auf Äußerlichkeiten an, geht es im 21. Jahrhundert vor allem innere Zustände und Vorgänge. Ging es bis vor wenigen Jahrzehnten noch darum, was man tun sollte, geht es heute darum, was man wissen und denken sollte. Waren bis dahin Mechaniken wie etwa Uhrwerke das Leitmodell für eine gute Organisation, so ist es heute der menschliche Organismus. „Mensch, erkenne dich selbst, dann weißt du alles“, wusste schon der gute alte Sokrates. Wenn man komplexen Systemen professionell begegnen will, muss man sich bloß an diesen Satz halten. Die zehn wichtigsten Eigenschaften komplexer Systeme, ihre Konsequenzen und Sie selbst als praktisches Beispiel.

Mensch, gedenke, du bist komplex...

Der Mensch gehört zu den komplexesten Systemen dieses Planeten, und an die potenzielle Dynamik seiner inneren Vorgänge kommt nicht so schnell etwas heran. Das gilt, so lange ein Mensch lebt, auch wenn er sich ganz einfach vorkommen mag. Der Mensch ist aber nicht nur ein komplexes, hochdynamisches Wesen, in dem ununterbrochen Veränderungen stattfinden. Er ist auch ein sich selbst steuerndes und sich selbst regulierendes System, zumindest solange er gesund ist. Kein einigermaßen gesunder Mensch muss sich darum kümmern, dass sein Herz schlägt, seine Atmung geht, sein Stoffwechsel läuft, usw. Das läuft alles von wie selbst, oder anders gesagt auf der Basis kybernetischer Phänomene.

Zu viel Information für ein Gehirn

Von komplexen Systemen spricht man, wenn sie mehr Information enthalten, als ein einzelnes Gehirn erfassen und verarbeiten kann. Stellen Sie sich vor, was gerade in all Ihren Zellen rein biologisch vor sich geht und in den Wechselwirkungen zwischen ihnen. Wie viel Ihnen dazu einfällt, hängt einerseits ab von Ihrem Wissen über die Biologie des menschlichen Organismus und seine Informationsprozesse, andererseits von Ihrer Phantasie. Es braucht heute sehr viele Fachgebiete in der Medizin und anderen Humanwissenschaften, um die unzähligen Teilaspekte zu verstehen. Das Ganze des Menschen an sich kann niemand komplett verstehen. Es hilft, Leute, die sich einbilden, dass sie das können, nicht ernst zu nehmen, auch wenn man das selbst ist, der das glaubt.

Nicht vollkommen analysierbar

Zu den wichtigsten Eigenschaften komplexer Systeme gehört, dass es unmöglich ist, sie vollständig zu analysieren. Weshalb das so ist, erklären weitere allgemeine Charakteristika komplexer Systeme, die hier noch vorgestellt werden. Sich selbst, andere Menschen oder komplexe Systeme bis ins Detail total durchschauen zu wollen, sollten Sie also erst gar nicht versuchen. Das ist eine potenzielle Quelle für Irrtümer. Man kann aber herausfinden und verstehen, nach welchen Prinzipien das eigene biologische, emotionale, geistige und soziale Wesen abläuft. Dann weiß man, wie alle komplexe Systeme funktionieren. Diese Prinzipien kennen wir dank der Kybernetik und anderen Systemwissenschaften. Um sie zu kennen, müssen Sie diese einfach nur richtig lernen.

Nicht sicher vorhersehbar

Nur von vollständig analysierbaren einfachen Systemen kann man vorhersagen, wie sie sich verhalten werden. Aber auch das nur, solange sie voll funktionstüchtig sind. Was komplexe Systeme nach einem bestimmten Input oder in Zukunft konkret hervorbringen werden, kann man im Vorhinein nie sicher wissen. Wenn Sie, andere Menschen oder komplexen Systeme doch wie geplant oder beabsichtigt reagieren, dann liegt das an einer bestimmten Systemkonfiguration, die sogenanntes stabiles Eigenverhalten hervorbringt. Diese Konfiguration kann sich jederzeit selbstorganisierend ändern und dann ist es vorbei mit der Vorhersagbarkeit. Damit, nichts Bestimmtes zu erwarten, aber auf alles gefasst und für alles vorbereitet zu sein, sind Sie am besten beraten.

Veränderung durch jede Information

Das Funktionieren und die Lebensfähigkeit komplexer Systeme sind abhängig von der Information, die sie gewinnen, und sie verändern sich durch jede Information, die ihn ihnen entsteht. Unter Information versteht man in den Systemwissenschaften jeden Unterschied, der zu einer Veränderung führt oder führen könnte. In diesem Sinne entsteht Information nicht nur durch sprachliche Signale. Auch mit dem Kaffee oder Wasser, das Sie vielleicht gerade trinken, führen Sie sich beispielsweise Unterschiede zu, die Ihren Organismus und Ihre Verfassung verändern. Die Informationen, die Sie, andere Menschen und komplexe Systeme gewinnen bzw. auslösen, verändern Sie und diese. Information verlangt höchste Sorgfalt. Das ist noch nicht modern, hilft aber.

Unbeschreiblich

Komplexe Systeme lassen sich weder komplett beschreiben, noch komplett abbilden oder filmen. Es ist vielmehr so, dass sich ein Zustand oder Ereignis, den/das man gerade beschreibt, bereits verändert, während man ihn/es beschreibt. Es würde mich daher nicht wundern, wenn Sie von so mancher Beschreibung, Abbildung oder Filmaufnahme, die es von Ihnen gibt, sagen würden, dass Sie nicht so seien, wie Sie dargestellt wurden. Könnten alle komplexen Systeme sich in Worten äußern,  würden sich alle mit vielen Darstellungen, die es von ihnen gibt, nicht ausreichend erkannt oder gar verkannt sehen. Wie Sie komplexe Systeme beschreiben, sagt mehr über Sie als über dieses System. Es ist die Visitenkarte Ihrer Bildung und Ihres Denkens, achten Sie darauf.

Nicht direkt beeinflussbar

Machen Sie alles, was Sie selbst von sich oder andere von Ihnen verlangen? Ändern Sie Ihr Verhalten immer so, wenn Sie oder andere das möchten so wie sie es möchten? Oder muss man sich etwas Überzeugendes einfallen lassen, um Ihre Kooperation zu gewinnen? Kein komplexes System lässt sich beliebig steuern und regulieren. Und kein Problem lässt sich auf direktem Weg lösen. Niemand schläft, vertraut oder erkennt etwa, bloß weil man ihm sagt, er solle dies tun. Niemand bringt den gewünschten Jahresumsatz, weil er festgelegt ist. Kein Produkt kommt und bleibt erfolgreich auf den Markt, bloß weil man es mit guter Werbung hochjubelt. Vergeuden Sie Ihre Energie also nicht mit der Idee, dass einem bestimmten Input ein bestimmter Output folgt.

Intrinsik und Eigendynamik

Sie, alle anderen Menschen und komplexen Systeme unterliegen einer diffizilen Selbststeuerung und Selbstregulierung. Und: Sie und diese organisieren ihre jeweilige Organisation selbst quasi wie von selbst. Wie Sie bzw. diese sich verhalten, hängt ausschließlich von Ihren bzw. ihren inneren Zuständen und Vorgängen ab. Mit den äußeren Umständen und Einflüssen hat das gar nichts zu tun. Wenn Sie verstehen, nach welchen naturgegebenen kybernetischen Gesetzmäßigkeiten das abläuft, verstehen Sie, wie Sie das eigene Verhalten, das anderer Personen oder komplexen Systeme erfolgreich herbeiführen können. Oder warum das in vielen Fällen nur schwer bis unmöglich sein wird. So ersparen Sie sich und anderen sehr viel Zeit, Energie, Leid und Geld.

Geschichtsabhängigkeit

In Konsequenz des bisher Gesagten werden Sie und Ihr Verhalten, das aller anderen Menschen und komplexen Systeme von Ihrer/ihrer Geschichte geprägt. Alles, was Sie bzw. diese je erlebt, d.h. gefühlt, gedacht, gesagt, getan, gegessen, getrunken, eingeatmet, gesehen, gelesen, gehört, gerochen, geschmeckt, gespürt oder sonst wie zu sich genommen haben oder Ihnen/ihnen verabreicht wurde, hat aus Ihnen/ihnen das Wesen gemacht, das Sie/sie heute sind. Das gilt für das Internet, jedes Tier, jede Pflanze, jedes Unternehmen, jedes andere System. Diese Geschichten lassen sich weder entfernen noch verändern, sondern nur mit der Zeit anders verstehen. Es bringt viel, sich als Meister seiner eigenen Geschichte, jener anderer und der Welt zu begreifen.

Irreversibilität

Was gäben Sie dafür, bestimmte Fehler, die Ihnen unterlaufen sind, total rückgängig machen zu können? Es ist für alle komplexen Systeme charakteristisch, dass sie bestimmte Arten von Fehlern wie von selbst reparieren bzw. unschädlich machen können, während andere für immer irreparabel bleiben. Das u.a. macht die Geschichte eines Systems so mächtig. Bestimmte Krankheiten etwa kann man nicht vollständig oder gar nicht heilen. Tote werden nicht wieder lebendig, nicht jede Reanimation gelingt. Organisationen, in denen zu viele Managementfehler passiert sind, lassen sich nicht mehr sanieren, usw. Ein gutes Motto: Bestimmte Fehler sollten nie passieren. Andere dürfen nur einmal geschehen, man muss aus ihnen lernen, um sie nicht zu wiederholen.

Fehler-, Stör- und Krisenanfälligkeit

Sie, alle anderen Menschen und komplexen Systeme werden umso fehler-, stör- und krisenanfälliger, je komplexer Sie/sie sind und je schlechter als System konfiguriert bzw. organisiert. Ihre Organisation als Person und die anderer Menschen ergibt sich vor allem durch Ihre/deren körperliche, geistige und seelische Gesundheit, Bildung, Kooperations- und Lernfähigkeit sowie ethische Haltung. Bei anderen komplexen Systemen würde man von organisationaler Gesundheit und bei der Bildung von Programmen sprechen. Alles andere nennt man wie bei den Menschen selbst. Es ist typisch für alle komplexen Systeme, dass winzigste Impulse zu enormen Wirkungen führen können, während gigantische Maßnahmen vollkommen wirkungslos verpuffen können. Es kommt auf das jeweilige System – auf das Zusammenwirken von allen und allem an. Wir sind Systeme und leben in Systemen, die durch Wechselwirkungen entstehen. Ein ethischer Imperativ von Heinz von Foerster leitet hier den elegantesten Weg für alle, von den Selbstsüchtigen bis zu den Altruisten: Für A wird es besser, wenn es für B besser wird und umgekehrt…

 

Maria Pruckner entwickelt seit 1992 verlässliche kybernetische System-Modelle und Denkwerkzeuge für den professionellen Umgang mit hoher Komplexität und Dynamik. Als Beraterin, Trainerin und Coach auf diesem Gebiet gehört sie weltweit zu den am längsten dienenden Problemlösern in der Praxis. Sie arbeitet stark vernetzt mit international führenden Experten aus Wissenschaft und Praxis. Im Rahmen ihres Unternehmens in Wien stattet und bildet sie Führungskräfte sowie interne und externe Experten aus, die in Unternehmen und Institutionen komplexe Situationen professionell meistern müssen.

Wie geht es Ihnen mit dem Meistern von Komplexität?
Schreiben Sie Ihre wichtigste Frage an Maria Pruckner.
Sie wird darauf eingehen.

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