Lehrlinge

Ein Leben für die Freizeit

Das Bild, das sich Unternehmen von jungen Leuten machen, ist falsch. Die springen auf andere Anreize an als in Personalbüros gedacht – und werden daher falsch umworben.

(c) Pixabay

Welches Bild taucht vor Ihrem geistigen Auge auf, wenn Sie an unter 20-Jährige denken? Flexibel, dynamisch, individualistisch, karrierewillig?

Ganz falsch, sagt Matthias Rohrer, Autor der neuen Lehrlingsstudie, die am Donnerstag vom Institut für Jugendkulturforschung gemeinsam mit der tfactory Trendagentur veröffentlicht wurde.

Falsch aus zwei Gründen: Erstens sei das gängige Bild von der Generation Y, die jedoch längst dem Teenageralter entwachsen ist. Zweitens träfe es vielleicht eingeschränkt auf Gymnasiasten zu, rein gar nicht aber auf Lehrlinge. Die wollten nämlich materielle Sicherheit, private, berufliche und gesellschaftliche Stabilität und daraus resultierend ein kontinuierliches und planbares Leben. Friedliche Normalität also, mit Haus, Kind und Kegel. Aufstiegschancen, Selbstverwirklichung, Sinn? Interessiere Lehrlinge nicht.

Auf einen Blick

Sicherheit, Stabilität und Planbarkeit sind die großen Lebensziele, die Jugendliche der jüngsten Lehrlingsstudie zufolge anstreben. Selbstverwirklichung findet in der Freizeit statt. Unternehmen jedoch werben mit Fortbildungen und Aufstiegschancen. Auch Anerkennung ist ein wichtiger Trigger, die Industrielehrlinge schon lang genießen (Stichwort Fachkräftemangel), Gastrolehrlinge jedoch schmerzlich vermissen.

Jedenfalls nicht im Beruf. Man lebe für die Freizeit, sagt Rohrer, für die der Beruf nur wichtig sei, weil er die materielle Voraussetzung schaffe. Pragmatisch: „Ein Lehrling geht arbeiten, damit er am Ende des Monats genug Geld auf dem Konto hat, um in der Freizeit machen zu können, was ihm wichtig ist.“ Das ist dann Zeit mit Freunden verbringen (44 Prozent), mit Sport (35 Prozent), mit Musikhören (27 Prozent), Chillen (27 Prozent) oder Videospielen (22 Prozent).

Falsche Lehrlingsansprache

Lehrlingssuchenden Unternehmen rät er, nicht länger mit ausgeklügelten Zusatzausbildungen und hochfliegenden Karrierechancen zu werben, sondern die jungen Leute dort zu abzuholen, wo es ihnen wichtig ist: bei Sicherheit, Planbarkeit und Kontinuität. „Der Durchschnittslehrling will keine Fortbildung, weil die von seiner Freizeit abgeht.“ Wenn schon, dann soll diese Zusatzausbildung in der Arbeitszeit stattfinden. Und verkauft werden sollte sie nicht mit dem Argument, man könne es damit zu etwas bringen, sondern: „Bei uns lernst du alles, damit du später einen sicheren Arbeitsplatz bekommst.“ Noch besser: „Wir übernehmen 99 Prozent unserer Lehrlinge nach Lehrabschluss.“ Und am besten: „Wir zahlen gut.“

Die Lehrlinge selbst seien mit ihrer Ausbildungswahl mehrheitlich zufrieden. Zwei von drei würden wieder in ihrem Ausbildungsbetrieb anheuern, vor allem jene, die in der Industrie lernen. Rohrer: „Kein Wunder, dort wird ihnen seit Langem vermittelt, dass sie nicht mehr die unterste Sprosse der Leiter sind. Sondern begehrte künftige Facharbeiter.“ Was als Hinweis für einen weiteren Trigger verstanden werden darf: Anerkennung.

Gastronomen aufgepasst

Das sollten sich besonders Lehrbetriebe in Gastronomie und Freizeitwirtschaft zu Herzen nehmen, den Branchen mit den unzufriedensten Lehrlingen von allen. Einer von fünf will hier seine Ausbildung abbrechen, einer von vier sie lieber in einem anderen Betrieb fortsetzen. Kein Wunder, weder sind die Arbeitszeiten freizeitfreundlich noch die Jobs langfristig planbar. Anders als bei Gymnasiasten könne man Lehrlingen die Realität auch nicht schönreden, kommentiert Rohrer: Zwar müssen Lehrlinge selbst noch keine Überstunden machen, aber sie sehen sie bei ihren älteren Kollegen.

Womit man trotzdem punktet: „Mit einer möglichst hohen Lehrlingsentschädigung“, sagt Rohrer, „und mit materiellen Goodies: einem Tablet zum Einstieg, Gutscheinen, zusätzlicher Freizeit.“ Und wie es ein weiblicher Lehrling formulierte: „Sicherheit heißt, dass man mich wegen schlechter Leistung nicht gleich rausschmeißt.“
[OEY0S]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2018)

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